Green & Generation 49,7 Prozent Füllstand: Deutschlands Gasproblem ist auch hausgemacht

49,7 Prozent Füllstand: Deutschlands Gasproblem ist auch hausgemacht

Deutschlands Gasspeicher sind so leer wie nie vor einem Winter. Der Grund ist kein Mangel, sondern ein Markt, in dem Einspeichern schlicht kein Geschäft mehr ist.

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Ein Gashändler, der im Sommer Gas kauft, um es teurer im Winter zu verkaufen, macht gerade das Gegenteil: Verlust. Dieses kaputte Geschäftsmodell gilt als einer der zentralen Faktoren hinter den historisch niedrigen Füllständen deutscher Gasspeicher.

Am 14. August waren sie nur zu 49,7 Prozent gefüllt, vor einem Jahr war es noch fast das Doppelte. Wer glaubt, das sei allein Putins oder Teherans Schuld, verkennt ein hausgemachtes Marktphänomen.

Der Sommer-Winter-Spread als Signal gegen das Einspeichern

Normalerweise verdienen Großhändler daran, dass Sommergas billiger ist als Wintergas. 2025 drehte sich dieses Verhältnis um: Sommergas kostete zeitweise rund vier Euro pro Megawattstunde mehr als Wintergas. Wer unter diesen Bedingungen Kapazitäten füllt, zahlt drauf. Telepolis hatte bereits im Vorjahr vor genau diesem negativen Spread gewarnt, verstärkt durch spekulative Hedgefonds-Aktivität am Gasmarkt. Die Initiative Energien Speichern, in der sich deutsche Speicherbetreiber organisieren, wies im Juli zusätzlich auf ein Preisrisiko hin. Ein Füllstand von 76 Prozent zum 1. November reiche bei normalen Temperaturen aus.

Sollte der Winter jedoch außergewöhnlich kalt ausfallen, wie zuletzt 2009/2010, drohten Unterdeckungen von bis zu neun Terawattstunden pro Monat. Ines-Geschäftsführer Sebastian Heinermann warnte laut T Online sogar davor, dass die Bundesnetzagentur im Extremfall behördlich über die Zuteilung knapper Mengen entscheiden müsse, um die Versorgung von Haushaltskunden abzusichern. Ein Szenario, das in Deutschland zuletzt während der Gaskrise 2022 diskutiert wurde und das allein durch seine Erwähnung zeigt, wie ernst Branchenvertreter die Lage nehmen.

Müller macht die Gashändler verantwortlich, nicht den Staat

Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller reagiert mit einer klaren Ansage an die Branche. Es sei ausreichend Gas verfügbar, deshalb könne er sich nicht vorstellen, dass ein Gashändler seinen Kunden erklären möchte, dass es im Winter nicht genug Gas gibt, weil er nicht ausreichend vorgesorgt habe, sagte Müller laut T Online. Er erwarte, dass die Gashändler ihrer Verantwortung nachkämen. Man habe der Branche im Frühjahr versprochen, dass vorgesorgt werde und die Verantwortung liege bei den Gashändlern selbst, so Müller weiter. Es sei zweifelsohne richtig, dass die Herausforderung durch den Iran-Krieg besonders groß geworden sei, das dürfe aber nicht mit der Nichterfüllung der eigenen Verantwortung verwechselt werden. Ein staatliches Eingreifen wie in den Niederlanden oder Italien lehnt Müller ab.

Die Niederlande ordneten bereits im Juni die staatliche Befüllung ihrer Speicher an, nachdem auch dort die Füllstände auf historische Tiefstände gefallen waren. Italien zahlt Unternehmen eine Prämie fürs Sommer-Einspeichern, bis die Speicher zu 90 Prozent gefüllt sind. Deutschland verzichtet bislang bewusst auf solche Subventionen, was laut Müller die Wettbewerbslage hierzulande zusätzlich verschärft, weil deutsche Händler gegen staatlich geförderte Konkurrenz im europäischen Ausland antreten müssen. Den Vorwurf der Speicherbetreiber, die Bundesnetzagentur selbst verschlechtere durch Bürokratie, Abgaben und Netzentgelte die Wirtschaftlichkeit des Einspeicherns, weist Müller zurück. Bundesregierung und Bundestag hätten gerade erst die Gasspeicherumlage abgeschafft und die Branche dadurch mit Milliarden entlastet, einen Bürokratieaufwuchs könne er nicht erkennen.

Hormus-Sperre als möglicher Preistreiber für Deutschland

Die anhaltende Sperrung der Straße von Hormus, durch die normalerweise etwa ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels fließt, treibt die Preise weltweit nach oben. Eine Megawattstunde Gas kostete im Januar noch rund 30 Euro, Mitte August waren es über 60 Euro, ein Niveau, das abgesehen von der Gaskrise 2022/23 in den vergangenen zehn Jahren nicht erreicht wurde. Die Bundesnetzagentur betont zwar, dass Golf-Gas für die deutsche Versorgung keine wesentliche Rolle spiele, da über 90 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den USA stammten. Über den europäischen Großhandel wirken sich die geopolitischen Verwerfungen aber dennoch auf die Preise hierzulande aus, weil Gas ein europaweit gehandeltes Gut ist. Hinzu kommt der EU-Beschluss, ab 2027 komplett auf russisches Erdgas zu verzichten. Im Januar machten russische LNG-Importe über Frankreich und Belgien rund 40 Prozent der von dort bezogenen Mengen aus, die im Zuge des EU-Beschlusses bis spätestens 2027 auf dem Weltmarkt ersetzt werden sollen.

Müller verweist zugleich auf die Bedeutung der deutschen Flüssigerdgasterminals, die im Winter etwa zehn bis 15 Prozent des Gasverbrauchs abdecken könnten und die Versorgung damit nicht allein von den Speicherfüllständen abhängig machten. Es gebe genug Gas auf den Weltmärkten, dort könne Deutschland immer einkaufen, auch wenn das durch den Iran-Krieg teurer geworden sei, so Müller. Trotzdem rechnet er mittelfristig mit steigenden Preisen für Privathaushalte und Industrie, wenngleich das Niveau von 2022 nicht erreicht werde. Es gebe aktuell leider kein Anzeichen dafür, dass sich die Lage auf dem Gasmarkt dauerhaft entspanne, sagte er. Europaweit zeigt sich das Bild ähnlich angespannt. Mitte August waren die Gasspeicher auf dem Kontinent nur zu rund 60 Prozent gefüllt, während die EU-Regelung eigentlich einen Zielwert von 90 Prozent bis Anfang November vorsieht, der für den Winter 2026/27 durch Flexibilitätsklauseln auf niedrigere Mindestfüllstände gelockert wurde. Damit steht nicht nur Deutschland, sondern die gesamte europäische Gasversorgung vor einem Winter, in dem Marktmechanik und Geopolitik gleichzeitig gegen eine entspannte Lage arbeiten.

Business Punk Check

Die eigentliche Story ist nicht Putin, nicht der Iran, sondern ein Markt, der Vorsorge finanziell bestraft. Solange Einspeichern ein Verlustgeschäft bleibt, hilft moralischer Appell wenig, Müller kann Verantwortung einfordern, aber keine Verluste wegreden. Die Niederlande und Italien haben das erkannt und subventionieren, Deutschland setzt auf Marktvertrauen und Bürokratieabbau bei der Speicherumlage. Für Entscheider im Mittelstand heißt das: Energieintensive Produzenten stehen vor der Frage, Gaspreisrisiken für Q4 und Q1 aktiv abzusichern, statt auf politische Beschwichtigung zu setzen. Die Bundesnetzagentur verspricht Stabilität, doch ihre eigene Analyse zeigt geopolitische Abhängigkeiten, die sie selbst nicht vollständig kontrolliert. Diese Diskrepanz zeigt, dass offizielle Lageberichte die zugrunde liegende Marktmechanik nicht vollständig abbilden.

Auf einen Blick

  • Die deutschen Gasspeicher waren am 14. August nur zu 49,7 Prozent gefüllt, deutlich unter dem Vorjahreswert von rund zwei Dritteln.
  • Ein negativer Sommer-Winter-Spread macht Einspeichern für Gashändler derzeit zum Verlustgeschäft und bremst die Füllung zusätzlich.
  • Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller fordert die Gashändler zur Vorsorge auf, lehnt aber staatliche Eingriffe wie in den Niederlanden oder Italien ab.
  • Die Sperrung der Straße von Hormus und der EU-Ausstieg aus russischem Gas ab 2027 verschärfen die Lage am Weltmarkt zusätzlich.

Quellen: T Online, Telepolis

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