Business & Beyond Anleihen im Ausverkauf: Jetzt werden Schulden richtig teuer

Anleihen im Ausverkauf: Jetzt werden Schulden richtig teuer

Die Ära des billigen Geldes ist endgültig vorbei: Von Washington über Berlin bis Tokio steigen die Renditen von Staatsanleihen auf Mehrjahres- und Jahrzehnthochs. Ölpreise, Inflationsrisiken und wachsende Schuldenberge verteuern die Finanzierung der Staaten – und setzen auch Bundesfinanzminister Lars Klingbeil unter Druck.

Die globalen Anleihemärkte senden ein ziemlich ungemütliches Signal: Wer sich langfristig Geld leihen will, muss wieder deutlich mehr dafür bezahlen. Steigende Inflationssorgen treffen auf hoch verschuldete Staaten und einen gewaltigen zusätzlichen Kapitalbedarf – für Infrastruktur, Verteidigung, Energiewende und neue Technologien. Der Ausverkauf betrifft dabei nicht irgendeine Nische des Finanzsystems, sondern die als besonders sicher geltenden Staatsanleihen großer Volkswirtschaften. Genau das macht die Bewegung so brisant: Steigende Renditen verteuern nicht nur neue Staatsschulden, sondern können über Kredite und Finanzierungskosten in die gesamte Wirtschaft durchschlagen. Das berichtet Reuters unter Berufung auf Marktdaten und Analysten.

Die Renditen schießen nach oben

In den USA erreichte die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen am Dienstag zeitweise rund 5,33 Prozent – den höchsten Stand seit 2007. Die Rendite zehnjähriger US-Treasuries stieg auf rund 4,74 Prozent. Auch in Europa geht es nach oben: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreichte den höchsten Stand seit 2011, während französische Langfrist-Renditen ebenfalls auf langjährige Höchststände kletterten. In Japan stieg die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen auf ein 30-Jahres-Hoch.

Sicher ist plötzlich ziemlich teuer

Die exakten Renditen ändern sich laufend. Entscheidend ist die Richtung: Investoren verlangen weltweit wieder deutlich höhere Zinsen, wenn Staaten sich über lange Laufzeiten finanzieren wollen. Reuters zufolge treiben neben Inflationsrisiken vor allem steigende Staatsschulden, hohe Emissionsvolumina und zusätzliche Kapitalnachfrage durch milliardenschwere KI-Investitionen die Entwicklung. Die Märkte verlangen wieder einen höheren Preis dafür, Staaten über Jahrzehnte Geld zu überlassen.

Öl gießt Benzin ins Zinsfeuer

Der unmittelbare Auslöser der jüngsten Bewegung ist die neue Nervosität am Ölmarkt. Stockende Bemühungen um eine Entspannung im Konflikt zwischen den USA und Iran ließen den Ölpreis über 90 Dollar je Barrel steigen. Anleger fürchten, dass dauerhaft hohe Energiepreise die Inflation erneut anheizen könnten. Teures Öl verteuert Transport und Produktion und erhöht den Preisdruck in der Wirtschaft. Damit wächst das Risiko, dass die Notenbanken ihre Geldpolitik länger straff halten müssen.

Inflation ist Gift für alte Anleihen

Für Anleiheinvestoren ist das eine unangenehme Rechnung. Höhere Inflation frisst die reale Rendite fester Zinszahlungen auf. Gleichzeitig verlieren bereits ausgegebene Anleihen mit niedrigen Kupons an Attraktivität, wenn neue Papiere höhere Zinsen bieten. Ihre Kurse fallen – und ihre Renditen steigen im Gegenzug. Reuters verweist darauf, dass steigende Treasury-Renditen inzwischen weit über den US-Staatshaushalt hinauswirken und unter anderem Hypotheken, Unternehmenskredite und andere Finanzierungskosten nach oben ziehen können.

Der Schuldenberg bekommt ein Preisschild

Öl ist jedoch nur der kurzfristige Brandbeschleuniger. Das strukturelle Problem liegt tiefer: Staaten müssen immer größere Schuldenberge finanzieren und gleichzeitig enorme zusätzliche Ausgaben stemmen. Allein die US-Staatsschulden nähern sich laut Reuters der Marke von 40 Billionen Dollar. Gleichzeitig konkurrieren Regierungen am Kapitalmarkt mit großen Technologieunternehmen, die gewaltige Summen für den Ausbau ihrer KI-Infrastruktur aufnehmen. Mehr Kapitalbedarf trifft damit auf Investoren, die bei langen Laufzeiten höhere Risikoprämien verlangen.

Die Nullzins-Party ist vorbei

Damit verschiebt sich die Logik der vergangenen Jahre fundamental. Während der Niedrigzinsphase konnten Staaten selbst hohe Schuldenstände vergleichsweise bequem tragen. Steigen die Renditen dauerhaft, wird jede fällige und neu ausgegebene Anleihe teurer. Der Zinsdienst wächst dann Schritt für Schritt in die Haushalte hinein und konkurriert dort mit anderen Ausgaben. Geld, das für Zinsen draufgeht, fehlt für Infrastruktur, Bildung, Verteidigung oder Investitionen. Der Schuldenberg bleibt – aber seine Rechnung wird größer.

Der Zins-Schock landet in der Realwirtschaft

Staatsanleihen sind der Referenzwert für Finanzierungskosten im gesamten System. Wenn ihre Renditen steigen, verteuern sich häufig auch Unternehmensanleihen, Bankkredite und Immobilienfinanzierungen. Firmen können Investitionen verschieben, Bauprojekte werden schwieriger zu kalkulieren und private Haushalte müssen mehr für Kredite bezahlen. Reuters zufolge können höhere Treasury-Renditen damit Konsum, Immobilienmarkt und Unternehmensinvestitionen belasten.

Die Wall Street schaut auf fünf Prozent

Besonders heikel ist die Entwicklung in den USA. Treasuries bilden ein Fundament der globalen Finanzmärkte. Nähert sich die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen weiter der Marke von fünf Prozent, verändert sich die Rechnung für Investoren: Sichere Staatspapiere werden gegenüber Aktien und anderen riskanteren Anlagen attraktiver. Die Nervosität ist bereits sichtbar. Parallel zum jüngsten Renditeanstieg gerieten auch die Aktienmärkte unter Druck; in Europa fiel der STOXX 600 auf ein Zwei-Wochen-Tief.

Klingbeils neue Milliardenrechnung

Auch Deutschland bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreichte laut Reuters zuletzt den höchsten Stand seit 2011. Höhere Bund-Renditen bedeuten, dass der Bund für neue Kredite und die Refinanzierung auslaufender Schulden mittelfristig mehr Zinsen zahlen muss – ausgerechnet in einer Phase, in der Milliarden für Infrastruktur, Verteidigung und wirtschaftliche Modernisierung mobilisiert werden sollen. Die entscheidende Einschränkung: Nicht der gesamte deutsche Schuldenbestand verteuert sich sofort. Bestehende Bundesanleihen behalten ihren vereinbarten Kupon bis zur Fälligkeit. Die Belastung wächst schrittweise, wenn alte Papiere auslaufen und neue zu höheren Marktzinsen ausgegeben werden. Die Botschaft des Anleihemarkts ist trotzdem ziemlich eindeutig: Neue Schulden bleiben finanzierbar. Aber die Zeiten, in denen der Staat sich fast zum Nulltarif Geld besorgen konnte, sind vorbei.

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