Drive & Dreams Autoindustrie: 44 Prozent mehr Gehalt, aber die fetten Jahren sind vorbei

Autoindustrie: 44 Prozent mehr Gehalt, aber die fetten Jahren sind vorbei

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Autoarbeiter verdienen laut Handelsblatt 44 Prozent mehr als der Durchschnitt, während Mercedes, VW und BMW über Sonderzahlungen und die 40-Stunden-Woche verhandeln wollen.

Wer in der deutschen Autoindustrie arbeitet, verdient im Schnitt rund 44 Prozent mehr als Beschäftigte in anderen Branchen. Das zeigt eine Analyse des Handelsblatt.

Ausgerechnet jetzt, während die Konzerne über Kostensenkungen sprechen, rückt diese Zahl in den Fokus einer Tarifrunde, die zum offenen Machtkampf werden könnte.

Die Zahlen hinter dem Privileg

Nach Handelsblatt-Recherchen liegen die Bruttojahresverdienste bei großen Autobauern bei fast 93.000 Euro, verglichen mit rund 64.000 Euro im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Zulieferer bleiben darunter, zahlen aber ebenfalls überdurchschnittlich. Diese Differenz speist sich nicht allein aus Grundgehältern, sondern aus tariflichen und betrieblichen Sonderregelungen, die sich über Jahrzehnte in der Branche etabliert haben. Genau diese Boni und Zuschläge stehen nun zur Disposition.

Die Zahl 44 Prozent ist damit weniger ein Statussymbol als ein Verhandlungsgegenstand, um den in den kommenden Monaten hart gerungen wird. Bemerkenswert ist dabei die Spanne innerhalb der Branche selbst: Zwischen Konzernzentralen und Zulieferbetrieben, zwischen Einsteigern und Führungskräften klaffen die Gehälter deutlich auseinander, auch wenn beide Gruppen über dem Branchenschnitt anderer Industriezweige liegen. Diese interne Ungleichheit macht die Debatte komplizierter, als es die eine große Prozentzahl suggeriert.

Konzerne wollen an die Substanz

Nach Informationen des Handelsblatt wollen die Autokonzerne in der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie im Herbst durchsetzen, Sonderzahlungen zu streichen und teils die Arbeitszeit zu erhöhen. Das Management von Mercedes-Benz kündigte bereits Ende Juli an, „in Deutschland bei allen Sonderzahlungen prüfen“ zu wollen, „welche wir uns weiterhin leisten können“. Zuvor hatte Aufsichtsratschef Martin Brudermüller im Handelsblatt eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche gefordert. Volkswagen und BMW planen laut Handelsblatt ebenfalls Einschnitte.

Damit steht ein Modell zur Disposition, das über Jahre als Standortvorteil für Beschäftigte galt, nun aber als Kostenfaktor gelesen wird, den die Manager nicht länger tragen wollen. Die Forderungen richten sich damit gegen genau jene Besitzstände, die den Autobranche-Job über Jahrzehnte zu einem der begehrtesten in der deutschen Industrie gemacht haben. Für viele Beschäftigte bedeutet das eine Zäsur: Was lange als selbstverständlicher Teil des Arbeitsvertrags galt, wird nun offen infrage gestellt.

Gewerkschaft sieht Ablenkungsmanöver

Die Arbeitnehmervertreter kündigen Widerstand an. IG-Metall-Tarifvorständin Nadine Boguslawski sagte gegenüber dem Handelsblatt: „Angriffe auf die Entgelte und Arbeitszeiten der Beschäftigten sind Nebelkerzen, die vom eigenen Versagen bei den Zukunftsprodukten ablenken.“ Die Gewerkschaft fordert statt reiner Kostensenkungen Investitionen in zukunftsfähige Produkte und sichere Standorte. Diese Position trifft auf eine Debatte, die längst über Tarifverhandlungen hinausgeht: Wird Deutschland als Hochlohnstandort für die Autoindustrie noch tragbar sein, wenn Wettbewerber in Asien und den USA günstiger produzieren?

Die Antwort der Konzerne fällt bislang eindeutig aus, die der Belegschaften nicht. Für die IG Metall ist die Reihenfolge klar: Erst müssen die Konzerne zeigen, dass sie bei Produktstrategie und Standortsicherung liefern, bevor über Kürzungen bei den Beschäftigten verhandelt wird. Die Konzerne wiederum verweisen auf sinkende Gewinne und wachsenden Kostendruck im globalen Wettbewerb. Beide Seiten gehen mit gegensätzlichen Ausgangspunkten in eine Tarifrunde, die weit über die übliche Frage nach Prozentpunkten bei der Lohnerhöhung hinausgeht.

Business Punk Check

Fakt ist: Die 44-Prozent-Differenz stammt aus einer belastbaren Handelsblatt-Analyse und markiert reale strukturelle Privilegien der Branche. Fakt ist auch, dass Mercedes, VW und BMW laut Handelsblatt konkrete Einschnitte prüfen.

Offen bleibt, ob die Streichung von Boni tatsächlich Zukunftsinvestitionen finanziert oder nur Bilanzen glättet, wie die IG Metall unterstellt. Die Standortfrage wird hier zur Machtfrage: Wer zahlt für den Strukturwandel, Kapital oder Belegschaft? Eine Antwort gibt der Herbst.

Auf einen Blick

  • Beschäftigte der Autoindustrie verdienen laut Handelsblatt 44 Prozent mehr als der branchenübergreifende Durchschnitt.
  • Mercedes-Benz kündigte im Juli an, Sonderzahlungen zu überprüfen, Aufsichtsratschef Martin Brudermüller forderte die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche.
  • Volkswagen und BMW planen laut Handelsblatt ebenfalls Einschnitte bei Bezahlung und Arbeitszeit.
  • IG-Metall-Tarifvorständin Nadine Boguslawski wirft den Konzernen vor, mit den Kürzungen von eigenem Versagen bei Zukunftsprodukten abzulenken.

Quellen: Handelsblatt, Google News Wirtschaft (DE), Handelsblatt

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