Business & Beyond Server-Kühlung: Dieser Pipi-Witz ist ernst

Server-Kühlung: Dieser Pipi-Witz ist ernst

Ex-NFL-Star Jason Kelce will auf Computer pinkeln, um die Menschheit zu retten. Hinter dem derben Werbegag steckt allerdings eine erstaunlich reale Frage: Könnte unser Abwasser tatsächlich helfen, den gigantischen Wasserhunger der KI zu stillen?

Ex-NFL-Star Jason Kelce singt im neuen Spot von Liquid Death und Garage Beer ungeniert: „Let’s pee on computers together to save humanity!“ Klingt nach maximalem Marketing-Irrsinn, trifft aber einen wunden Punkt der Tech-Branche: KI-Rechenzentren benötigen enorme Mengen Wasser zur Kühlung – und die Suche nach Alternativen zum Trinkwasser wird zunehmend zur Infrastrukturfrage.

Der Witz trifft einen Nerv

Die Kampagne ist bewusst absurd, das Problem dahinter keineswegs. Wie TechCrunch berichtet, greifen Betreiber von Rechenzentren bereits auf alternative Wasserquellen zurück, um ihren Bedarf an Trinkwasser zumindest teilweise zu reduzieren. Michael Obradovitch, Vice President of Data Center Global Accounts beim Wassertechnologie-Konzern Ecolab, bestätigt gegenüber TechCrunch, dass solche alternativen Quellen längst in relevantem Umfang zur Kühlung eingesetzt werden. Eine davon ist recyceltes Wasser: aufbereitetes Ab- und Schmutzwasser, das anschließend erneut genutzt werden kann. Und darin steckt – bevor es gereinigt wird – natürlich auch menschlicher Urin. Der Gag von Liquid Death ist damit technisch weniger weit von der Realität entfernt, als man zunächst vermuten würde.

Bitte nicht direkt auf den Server

Wer jetzt trotzdem mit einem Kanister Richtung Rechenzentrum losziehen will, sollte es lassen. Bruno Pigott, Executive Director der WateReuse Association und ehemaliger Wasser-Verantwortlicher der US-Umweltbehörde EPA, erklärt gegenüber TechCrunch, dass Urin zunächst gründlich gereinigt werden müsste. Er enthält unter anderem Salze, Harnstoff, Bakterien und organische Stoffe, die Mineralablagerungen verursachen und Kühlsysteme massiv belasten könnten. Besonders unangenehm würde es bei der sogenannten Verdunstungskühlung: Dabei wird heiße Luft durch Wasser geführt, um Wärme über Verdunstung abzuführen. Unbehandelten Urin durch heiße Luft zu schicken, wäre technisch keine besonders gute – und olfaktorisch eine ziemlich katastrophale – Idee.

Aus Pipi wird tatsächlich Wasser

Grundsätzlich lässt sich Urin sehr wohl wieder in sauberes Wasser verwandeln. Astronauten nutzen entsprechende Recyclingtechnologien im All bereits, weil auf Raumfahrzeugen nur begrenzte Wassermengen mitgeführt werden können. Für Millionen Gallonen Kühlwasser auf der Erde wäre eine direkte Sammlung menschlichen Urins allerdings weder praktikabel noch effizient. Stattdessen landet er zusammen mit anderem Abwasser in der Kanalisation – und damit dort, wo die industrielle Lösung längst existiert: in Klär- und Wasseraufbereitungsanlagen.

Hightech gegen den Gestank

Solche Anlagen setzen unter anderem Membran-Bioreaktoren, Umkehrosmose und UV-Licht ein, um Abwasser so weit zu reinigen, dass es wieder industriell verwendet werden kann. Teilweise lässt sich Wasser sogar bis auf Trinkwasserqualität aufbereiten. Dr. Greta Zornes, Expertin für Wasserwiederverwendung beim Ingenieurunternehmen CDM Smith, erklärt gegenüber TechCrunch, dass recyceltes Wasser bereits seit Jahrzehnten zur Kühlung verschiedenster Industrien eingesetzt wird. Neu ist vor allem die Dimension: Durch den rasanten Ausbau von Rechenzentren boomt die Nachfrage. Zornes, die seit mehr als zwei Jahrzehnten an Wasserwiederverwendung arbeitet, beschäftigt sich nach eigenen Angaben inzwischen täglich mit Recyclingwasser für Datacenter.

Das Rohr wird zum Flaschenhals

Die eigentliche Hürde ist deshalb weniger die Technologie als die Infrastruktur. Damit ein Rechenzentrum Millionen Gallonen recyceltes Wasser beziehen kann, muss eine entsprechend große Kläranlage in erreichbarer Nähe stehen. Genau daran scheitert es häufig. Zornes verweist gegenüber TechCrunch insbesondere auf Rechenzentren in ländlichen Regionen: Dort sind Kläranlagen oft schlicht zu klein und produzieren nicht genügend aufbereitetes Wasser für den gigantischen Bedarf der Serverfarmen. Neue Leitungen, Pumpen und Anlagen lassen sich bauen – nur eben nicht über Nacht. Der KI-Boom ist schneller als der Ausbau der Wasserinfrastruktur.

Virginia zeigt die Dimension

Wie gewaltig die Zahlen inzwischen sind, zeigt Loudoun County vor den Toren Washingtons. Mehr als 250 Rechenzentren stehen dort bereits, mindestens zwei Dutzend weitere sind laut einem von TechCrunch zitierten Bericht geplant. Nach Angaben des örtlichen Versorgers Loudoun Water nutzten die Datacenter 2025 rund 200 Millionen Gallonen recyceltes Wasser pro Tag. Klingt gigantisch – reicht aber trotzdem nur für 43 Prozent ihres täglichen Wasserbedarfs. Weitere rund 260 Millionen Gallonen beziehungsweise 57 Prozent stammen aus Trinkwasserquellen. Insgesamt geht es damit um rund 460 Millionen Gallonen Wasser täglich. Das Problem ist nicht mehr irgendeine abstrakte Nebenwirkung der Cloud, sondern eine handfeste Ressourcenfrage.

Big Tech entdeckt die Wasserrechnung

Die KI-Industrie könnte allerdings selbst zum Finanzier der notwendigen Infrastruktur werden. Obradovitch sieht Rechenzentren als mögliche Anker für Investitionen in neue Wasserprojekte. Ein Beispiel liefert Meta: Der Konzern will mindestens 270 Millionen Dollar in Abwasserinfrastruktur rund um seine Datacenter investieren. Solche Projekte könnten nicht nur den Unternehmen selbst helfen, sondern auch Kommunen ermöglichen, ihre Wasserinfrastruktur schneller auszubauen. Der enorme Ressourcenbedarf der Rechenzentren würde damit paradoxerweise zum Auslöser für Investitionen, die andernfalls womöglich deutlich später gekommen wären.

Der Staat soll mitzahlen

Auch politisch kommt Bewegung in die Debatte. Pigott und die WateReuse Association unterstützen eine Gesetzesinitiative, die Unternehmen mit einer Steuergutschrift von 30 Prozent dabei helfen soll, Infrastruktur für recyceltes Wasser aufzubauen. Die Hoffnung: Wenn sich entsprechende Investitionen finanziell schneller rechnen, könnten Rechenzentren und andere Industrien deutlich schneller von Trinkwasser auf wiederaufbereitetes Wasser wechseln. Aus einer Umweltfrage wird damit zunehmend eine industriepolitische Frage – inklusive Milliardeninvestitionen, Infrastrukturprogrammen und Steuervorteilen.

Pipi als PR-Waffe

Und damit zurück zu Jason Kelce. Natürlich wird niemand ernsthaft aufgefordert, direkt in den Kühlturm des nächsten Rechenzentrums zu pinkeln. Aber genau deshalb funktioniert die Kampagne: Sie verwandelt ein trockenes Infrastrukturproblem in ein Bild, das man kaum wieder aus dem Kopf bekommt. Das Thema trifft zudem einen Nerv. TechCrunch verweist auf eine aktuelle Gallup-Umfrage, laut der rund sieben von zehn Amerikanern Rechenzentren in ihrer eigenen Umgebung ablehnen. Der Ressourcenverbrauch der KI ist damit längst kein Nerd-Thema mehr. Pigott sieht selbst in der derben Kampagne deshalb einen Nutzen: Alles, was Aufmerksamkeit auf die Wasserfrage lenkt, könne dabei helfen, die Öffentlichkeit über bereits existierende Lösungen aufzuklären. Manchmal braucht eine komplizierte Infrastrukturdebatte eben einen ziemlich dreckigen Witz.

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