Tech & Trends KI-Training bei Twitch: Streamer klagt gegen Amazon & die stille Opt-out-Falle

KI-Training bei Twitch: Streamer klagt gegen Amazon & die stille Opt-out-Falle

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Ein Streamer verklagt Amazon und Twitch, weil Millionen Videos standardmäßig fürs KI-Training genutzt wurden. Der Fall könnte zur Blaupause für andere Plattformen werden.

Wer bei Twitch streamt, hat seit Mitte August ohne aktives Zutun einen Datenlieferanten für Amazons KI-Sparte abgegeben. Der US-Streamer Warren Pandiscia hat das nicht hingenommen und beim US-Bezirksgericht für den Northern District of California eine Sammelklage gegen Amazon und Twitch eingereicht.

Der Vorwurf: Der Konzern habe Millionen Videos der Plattform als Trainingsmaterial für generative KI-Modelle verwendet, ohne dafür Lizenzen zu erwerben oder Creator zu entschädigen. Damit reiht sich der Fall in eine wachsende Zahl von Verfahren ein, in denen Plattformen für den Umgang mit nutzergenerierten Inhalten zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Betroffen sind laut Klageschrift nicht nur Kanalinhaber, sondern auch Gäste, Zuschauer im Chat und weitere Personen, die in Streams auftauchen, ohne selbst über die Kanaleinstellungen zu verfügen.

Vertragsbruch und Bereicherung als juristische Hebel

Die 37-seitige Klageschrift, aus der Trending Topics zitiert, stützt sich auf mehrere Rechtsgrundlagen: Vertragsbruch, konkludenten Vertragsbruch, ungerechtfertigte Bereicherung und unlautere Geschäftspraktiken. Pandiscia fordert Schadenersatz, Rückerstattung, die Herausgabe erzielter Gewinne sowie eine einstweilige Verfügung, die die Entfernung seines Materials aus den Trainingsdatensätzen einschließen soll.

Besonders brisant: Twitch habe laut Klageschrift bereits seit 2024 Videomaterial ausgewertet, also aus einer Zeit vor Einführung der Opt-out-Option. Das wirft die Frage auf, ob eine nachträglich eingeführte Einstellung eine frühere Nutzung überhaupt legitimieren kann. Die geplante Klasse soll alle Streamer umfassen, deren Inhalte ohne Zustimmung ins KI-Training geflossen sind, ein potenziell enormer Personenkreis angesichts der Reichweite der Plattform.

Der Opt-out-Schalter, den kaum jemand kennt

Auslöser der Klage ist eine Änderung, die Twitch Mitte August bekanntgegeben hat. Seither gibt es in den Kontoeinstellungen einen Schalter namens „Training für generative KI“, der standardmäßig aktiviert ist. Amazon nutzt Streams, Aufzeichnungen, Clips, Chatverläufe sowie Bilder und Texte fürs Training seiner Modelle für Text, Audio, Bild und Video, wie heise berichtet.

Als Anwendungsfälle nennt das Unternehmen unter anderem verbesserte Speech-to-Text-Systeme und Untertitel, die auch in anderen Amazon-Diensten zum Einsatz kommen könnten. Wer widerspricht, schützt nur den eigenen Kanal und das nicht einmal rückwirkend: Bereits verwendetes Material bleibt im Datensatz und wer im Kanal einer anderen Person chattet, unterliegt deren Einstellung. Twitch-Produktchef Mike Minton begründete die Voreinstellung ungewöhnlich offen in einem Livestream: „Wenn es Opt-in wäre, würde das keiner machen. Das ist die ehrliche Antwort.“.

Eine Klage mit Signalwirkung für die ganze Plattformökonomie

Der Fall ist kein Einzelphänomen. Ein YouTuber ging bereits gegen Nvidia wegen ähnlicher Vorwürfe vor, Anthropic einigte sich in einem Bücher-Verfahren auf eine Zahlung von 1,5 Mrd. Dollar, während Meta eine vergleichbare Copyright-Klage gewann, so Trending Topics.

Wie US-Gerichte die Fair-Use-Frage bei KI-Training beurteilen, bleibt uneinheitlich, was die Rechtsunsicherheit für Plattformen und Creator gleichermaßen erhöht. Die Besonderheit des Twitch-Falls: Eine Plattform reicht Inhalte der eigenen Community an den Mutterkonzern weiter, der daraus kommerzielle KI-Produkte baut. Setzt sich die Argumentation der Klage durch, wäre das ein Warnsignal für jede Plattform, die nutzergenerierte Inhalte per Voreinstellung fürs eigene KI-Training erschließt, von Foren bis zu anderen Videodiensten.

Business Punk Check

Fakt ist: Twitch hat die KI-Nutzung als Opt-out gestaltet, aktiviert für alle, die nicht aktiv widersprechen. Minton hat diese Entscheidung selbst mit der Erwartung begründet, dass ein Opt-in kaum jemand gewählt hätte, laut heise.

Amazon und Twitch könnten argumentieren, aktualisierte Nutzungsbedingungen deckten die Praxis und Creator behielten über den Schalter Kontrolle über künftige Nutzung. Ob das vor Gericht trägt, ist offen. Interessant wird, wie das Gericht rückwirkende Nutzung vor Einführung des Schalters bewertet. Der Fall dürfte zum Testlauf für die gesamte Plattformbranche werden.

Auf einen Blick

  • Warren Pandiscia hat gegen Amazon und Twitch eine Sammelklage wegen unerlaubter KI-Trainingsnutzung eingereicht.
  • Die Klage stützt sich auf Vertragsbruch, ungerechtfertigte Bereicherung und unlautere Geschäftspraktiken.
  • Der KI-Trainings-Schalter bei Twitch ist standardmäßig aktiviert und wirkt nicht rückwirkend auf bereits genutztes Material.
  • Twitch-Produktchef Mike Minton begründete die Opt-out-Voreinstellung offen mit mangelnder Zustimmungsbereitschaft der Nutzer.
  • Der Fall reiht sich in eine wachsende Zahl ähnlicher KI-Copyright-Verfahren gegen Nvidia, Anthropic und Meta ein.

Quellen: heise, Trending Topics, Trending Topics EN, Dexerto, Courthousenews, BBC, Borncity

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