Tech & Trends KI kommt ins Klassenzimmer: Sachsen-Anhalt startet AIS.chat an Schulen

KI kommt ins Klassenzimmer: Sachsen-Anhalt startet AIS.chat an Schulen

Sachsen-Anhalt schickt mit AIS.chat einen KI-Chatbot in die Klassenzimmer. Der Vorgänger hieß Telli, bis das Markenrecht dazwischenfunkte.

KI-unterstützt · redaktionell geprüft

Ein KI-Tool, das seinen eigenen Namen nicht behalten durfte: AIS.chat heißt so, weil „Telli“ aus markenrechtlichen Gründen nicht mehr nutzbar war. Ausgerechnet ein Projekt, das Schülern Medienkompetenz beibringen soll, musste seine eigene Markenstrategie nachjustieren.

Seit Beginn des neuen Schuljahres ist der Chatbot nun an Sachsen-Anhalts Schulen verfügbar, als Ergänzung zum bereits etablierten Landesdienst emuKI. Für Bildungsminister Jan Riedel ist das mehr als ein technisches Update, es ist ein bildungspolitisches Statement: KI soll nicht ferngehalten, sondern im geschützten Rahmen erlernt werden.

Sechzehn Länder, ein Chatbot, viele offene Fragen

AIS.chat wurde im Auftrag aller 16 Bundesländer von der FWU gGmbH entwickelt, einer Open-Source-Lösung, die Lehrkräften und Schülern einen geschützten Zugang zu Sprachmodellen von OpenAI, Meta und Mistral ermöglichen soll. Laut Heise sind sowohl die Auftragsvergabe als auch die Finanzierung, teils aus DigitalPakt-Mitteln, wiederholt in die Kritik geraten. Welche Modelle konkret in Sachsen-Anhalt freigeschaltet sind, hat das Land bislang nicht öffentlich gemacht, was angesichts der Debatte um Transparenz bei KI-Beschaffung im Bildungssektor kein gutes Signal ist. Dass jedes Bundesland individuell festlegen kann, welche Modelle es freischaltet, macht die Sache nicht einfacher: Ein bundesweit einheitliches Projekt zerfällt so in 16 Einzelentscheidungen, ohne dass Eltern oder Lehrkräfte nachvollziehen können, welche KI ihre Kinder tatsächlich nutzen.

Die Sprachmodelle laufen nach Angaben der Betreiber ausschließlich auf EU-Servern, Nutzungsdaten würden weder an Dritte weitergegeben noch zum Training verwendet. Die Anmeldung erfolgt über den bundesweiten Dienst VIDIS; in Sachsen-Anhalt nutzen Lehrkräfte AIS.chat über das Single Sign-on des Bildungsservers und einen zuvor eingegebenen Freischaltcode. Schülerinnen und Schüler benötigen kein eigenes Konto und keinen Klarnamen, Lehrkräfte schalten für konkrete Unterrichtssituationen vorbereitete Lernszenarien frei. Auch die Token-Budgets pro Lehrkraft werden zentral zwischen FWU und den Ländern abgestimmt, ein Detail, das zeigt, wie eng die Nutzung trotz aller Offenheit reguliert bleibt. Genau diese Regulierung ist es, die das Projekt von kommerziellen Chatbot-Angeboten unterscheidet, bei denen Datenschutz meist erst nachträglich zum Thema wird.

Kompetenz vor Zugang: Lehrkräfte müssen erst lernen

Wer AIS.chat nutzen will, kommt an einer KI-Kompetenzschulung nicht vorbei, es sei denn, die Freischaltung für emuKI liegt bereits vor. Bildungsminister Jan Riedel (CDU) bringt die Zielsetzung auf den Punkt: „Unsere Kinder sollen KI nicht nur benutzen können, sondern sie sollen auch verstehen, was sie kann und wo ihre Grenzen liegen“, erklärte er laut n-tv. Dazu gehöre die Erkenntnis, dass eine überzeugend formulierte Antwort trotzdem falsch sein könne und eigenes Urteilsvermögen durch keine Technik ersetzbar sei. Diese Doppelstrategie, Zugang und Kompetenz gleichzeitig zu vermitteln, unterscheidet AIS.chat von reinen Verbotsansätzen, wie sie an manchen Schulen noch praktiziert werden.

Praktisch bedeutet das: Lehrkräfte nutzen den Chatbot, um Unterrichtsentwürfe vorzubereiten, Texte zu analysieren oder Aufgaben an unterschiedliche Lernniveaus anzupassen. Schülerinnen und Schüler können laut Mdr Themen aus verschiedenen Perspektiven betrachten oder Gespräche mit historischen Figuren simulieren, sollen dabei aber lernen, KI-Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Der Anspruch ist also nicht die reine Effizienzsteigerung im Unterricht, sondern ein didaktisches Konzept, das kritisches Denken parallel zur Toolnutzung schulen soll. Ob das gelingt, hängt maßgeblich davon ab, wie intensiv die vorgeschaltete Kompetenzschulung tatsächlich ausfällt, dazu liegen bislang keine belastbaren Zahlen vor.

Ein Rollout mit Vorgeschichte

Bremen war im Sommer 2025 Vorreiter, noch unter dem Namen Telli. Niedersachsen führte den Bot landesweit unter diesem Namen ein, Berlin startete im Mai 2026 bereits offiziell mit AIS.chat. Der Namenswechsel zeigt, wie unfertig die föderale Koordination bei Bildungs-KI-Projekten bislang verläuft: Sechzehn Länder stimmen sich ab, doch selbst die Markenfrage wurde erst mitten im Rollout geklärt.

Wer als Bundesland früh eingestiegen ist, musste seine Kommunikation nachträglich anpassen, Schulportale, Handreichungen und Elterninformationen mussten auf den neuen Namen umgestellt werden. Das wirkt wie eine Randnotiz, offenbart aber ein strukturelles Problem: Projekte, die auf Konsens von 16 Ländern angewiesen sind, laufen selten synchron.

Business Punk Check

Ein Bildungs-Chatbot, der nach Angaben der Betreiber ausschließlich auf EU-Servern läuft, ohne Klarnamenzwang und mit Token-Budget-Kontrolle: technisch solide, das muss man anerkennen, auch wenn eine unabhängige DSGVO-Pruefung bislang aussteht. Doch die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet: Welche Modelle laufen konkret in Sachsen-Anhalts Klassenzimmern? Diese Intransparenz bei einem staatlich finanzierten, aus DigitalPakt-Geldern querfinanzierten Projekt ist kein Detail, sondern ein Kontrollproblem. Für Schulen bedeutet das: Neueinsteiger testen aktuell ein Tool ohne vollständige Modell-Offenlegung, verschaffen sich aber frühe Praxiserfahrung mit einem KI-Zugang, der nach Angaben der Betreiber auf EU-Servern und ohne Weitergabe an Dritte läuft. Der Namenswechsel von Telli zu AIS.chat zeigt zudem, wie improvisiert föderale Digitalprojekte trotz jahrelanger Abstimmung bleiben. Echte Innovation braucht mehr als Serverstandort-Marketing, sie braucht Transparenz bis zur letzten Modellversion.

Auf einen Blick

  • AIS.chat ersetzt seit dem neuen Schuljahr den früheren Chatbot Telli an Sachsen-Anhalts Schulen und ergänzt den Landesdienst emuKI.
  • Der Namenswechsel erfolgte aus markenrechtlichen Gründen, nachdem Niedersachsen und Bremen den Bot bereits unter dem Namen Telli eingeführt hatten.
  • Welche KI-Modelle von OpenAI, Meta und Mistral konkret in Sachsen-Anhalt freigeschaltet sind, hat das Land bislang nicht veröffentlicht.
  • Lehrkräfte benötigen vor der Nutzung eine KI-Kompetenzschulung, Schülerinnen und Schüler kommen ohne eigenes Konto und ohne Klarnamen aus.

Quellen: Heise, n-tv.de, Mdr

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