Green & Generation  IT-Beschaffung im „Altglas-Moment“

 IT-Beschaffung im „Altglas-Moment“

Nachdem werkfrische Hardware lange als Goldstandard galt, zwingen multiple Lieferkrisen Unternehmen nun dazu, ihr lineares Beschaffungsmodell zu überdenken und machen Refurbished vom Nice-to-have zum strategischen Werkzeug für operative Stabilität.

IT-Beschaffung in Unternehmen funktionierte viele Jahrzehnte in einem klaren Modus: Neu kaufen, nutzen, und nach durchschnittlich 3-4 Jahren mit neuen Geräten ersetzen. Monitore, Laptops und Smartphones frisch vom Werk versprachen lange maximale Leistung, maximale Sicherheit, maximales Image und vor allem: maximale Verlässlichkeit. Viele dieser Annahmen haben in den letzten Jahren bereits an Belastbarkeit eingebüßt, doch erst jetzt zwingt die Beschaffungskrise viele Entscheider dazu, ihre Strategien neu zu kalibrieren.

Speicherengpässe, steigende Einkaufspreise, längere Lieferzeiten und der KI-getriebene Zugriff auf Komponenten setzen den Markt unter Druck und entfalten in den Beschaffungsroutinen der Unternehmen eine nahezu disruptive Wirkung. Jetzt drängt sich ein Modell nach vorne, das lange eher als Randthema der Nachhaltigkeitsstrategie verhandelt wurde: Refurbished IT. Wo das traditionellen Beschaffungssystem an seine Grenzen gerät, kann gebrauchte, wiederaufbereitete Hardware mit einem klaren Heilsversprechen punkten: operative Stabilität zu wirtschaftlich günstigen Konditionen.

Unternehmen wie circulee, die sich früh auf IT-Kreislaufwirtschaft in Unternehmen spezialisiert haben, spüren das Momentum bereits im Tagesgeschäft. Die Nachfrage boomt. Nach Unternehmensangaben lag das Wachstum im ersten Quartal 2026 150 Prozent über Vorjahr. Seit Ende 2025 baut circulee zusätzliche Lagerbestände im niedrigen einstelligen Millionenbereich auf. Einzelne Chargen seien teils verkauft, bevor sie physisch überhaupt im Lager stehen.

Thomas Gros: CEO von circulee
Thomas Gros: CEO von circulee

Thomas Gros, CEO von circulee, glaubt: „Die IT-Beschaffung erlebt gerade ihren Altglas-Moment. Wie die Ölkrise in den 1970er-Jahren Glas-Recycling plötzlich zur Notwendigkeit machte, ist es auch heute wieder ein externer Schock, der das lineare Modell ins Wanken bringt. So könnte Refurbished IT dauerhaft zum festen Bestandteil eines intelligenten Gerätemixes werden.“

Wenn die Lager leer sind, droht der Beschaffungsengpass

Der Markt für Refurbished IT wächst nicht erst seit gestern. Laut einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2024 setzten bereits damals 15 Prozent der Unternehmen wiederaufbereitete IT ein; weitere 15 Prozent zogen es zu dem Zeitpunkt in Erwägung. Zum Vergleich: 2022 lag die Nutzung noch bei 4 Prozent. Die Gründe reichen von ökologischen Vorteilen bis hin zum steigenden Bedarf nach kostengünstigeren Lösungen und einem verbesserten Angebot. 2026 ist die Situation eine völlig andere – denn plötzlich geht es nicht nur um eine günstigere und nachhaltigere Alternative, sondern um Betriebsfähigkeit. Laut International Data Corporation (IDC) hat sich seit Ende 2025 die globale Speicherknappheit verschärft, weil KI-Infrastruktur Produktionskapazitäten bindet und klassische Device-Märkte an den Rand drängt. Die Speicherkrise ist längst in den Preislisten angekommen.

Große PC-Hersteller reichen die gestiegenen Kosten für Speicher und Komponenten bereits an ihre Kundschaft weiter. Apple hat die Preise einzelner MacBook- und iPad-Modelle weltweit deutlich angehoben: Das 14-Zoll-MacBook Pro mit M5-Chip und 1 TB Speicher kostet nun 1.999 Euro, 300 Euro mehr als zuvor. Auch andere große OEMs passen ihre Konditionen an oder bereiten weitere Aufschläge vor, branchenweit werden Steigerungen von bis zu 20 Prozent erwartet. Technologie wird damit teurer, nicht weil sie plötzlich mehr kann, sondern weil Speicher und Komponenten schlicht knapp geworden sind. Dell-Gründer Michael Dell glaubt sogar, dass die Dynamik rund um agentische KI den Zeitrahmen für die Lieferkettenkrise bis ins Jahr 2028 verlängern werde. Die Botschaft für Unternehmen: Wer seine Beschaffung weiter vollständig auf Neuware aufbaut, bindet sich an ein Modell, das mit hoher Wahrscheinlichkeit kostspieliger, langsamer und störanfälliger wird.

Viele Händler und Systemhäuser haben ihre Lager zuletzt noch einmal mit Neuware gefüllt. Doch über kurz oder lang werden diese Puffer verschwinden. Während Lieferzeiten weiter steigen, wird Neuware zur Wette auf Verfügbarkeit und Refurbished IT im selben Moment vom Nachhaltigkeits- zum Wirtschaftsargument.

„Wer seine Beschaffung resilient aufstellen will, kommt nicht umher, vertraute Routinen und Glaubenssätze zu hinterfragen“, meint Thomas Gros. „Zertifizierte Hardware aus zweiter Hand kann Preissprünge abfedern, Beschaffungsspielräume schaffen und operative Stabilität sichern.“

IT-Anforderungen im Wandel: Früher Goldstandard, heute irrelevant

Die Dynamik verstärkt sich, weil auch die Anforderungen an Hardware sich verändern. Da viele Unternehmen inzwischen in der Cloud arbeiten, spielen Faktoren wie die lokale Rechnerleistung kaum noch eine Rolle. Was heute zählt sind Update-Garantien, Reparaturfreundlichkeit, lange Software-Unterstützung, einheitliche Standards und Ersatzteilverfügbarkeit. Dazu kommt, dass sich die Lebenszyklen der Geräte in den vergangenen Jahren deutlich verlängert haben: ein durchschnittlicher Microsoft-Rechner kann heute ca. 6-8 Jahre genutzt werden. Da viele Unternehmen ihre Neuware aber im Schnitt schon nach 3-4 Jahren austauschen, eröffnen sich sinnvolle Spielräume für die Refurbished-Nutzung.

Produktivität statt Perfektion: Der Use Case entscheidet über den Gerätemix

Durch die veränderten Anforderungen einerseits, aber auch durch den anhaltenden Kostenddruck, verändert sich auch die Haltung im Einkauf. Geräteflotten werden zunehmend differenzierter betrachtet und man gewinnt an Überzeugung, dass nicht jeder Arbeitsplatz das neueste Gerät, die höchste Konfiguration oder den makellosen Auslieferungszustand braucht. Für viele Use Cases rücken andere Fragen in den Fokus: Reicht die Leistung für den konkreten Einsatz? Lässt sich Budget sichern, ohne Produktivität zu opfern? Ist das Gerät schnell verfügbar? Bleibt das Team arbeitsfähig? „Wir hören aus dem Einkauf gerade sinngemäß immer öfter: Kratzer sind egal – Hauptsache, meine Teams können arbeiten“, berichtet Thomas Gros aus dem Tagesgeschäft. Die aktuelle Situation am Weltmarkt wirkt auf diesen Shift im Mindset wie ein Katalysator. Statt Einheitlichkeit, Perfektion und Image werden individuelle Funktions- und Handlungsfähigkeit zum Maßstab, gestützt durch eine wachsende Akzeptanz von Refurbished-Produkten auch auf Seiten der Mitarbeitenden. Denn auch in der privaten Nutzung ist gebrauchte Hardware längst angekommen.

Gute Zeiten für die Kreislaufwirtschaft auch jenseits des Office

Im Privatkundengeschäft wächst der Refurbished-Markt inzwischen mit einer Dynamik, die klassische Neuwarenkategorien teils klar hinter sich lässt. 2025 stieg zum Beispiel der Absatz von gebrauchten und generalüberholten Smartphones laut einer Analyse von NIQ um 38 Prozent, bei Laptops um 45 Prozent. Im ersten Quartal 2026 legte der gesamte Refurbished-Markt beim Umsatz sogar um 47,9 Prozent zu. Ein klares Stimmungsbild für Unternehmen: Wenn Mitarbeitende refurbished Smartphones oder Laptops privat längst als normale Kaufentscheidung kennen, sinkt auch im beruflichen Kontext die „kulturelle Hürde“.  Gleichzeitig entwickelt sich der Secondhand-Sektor insgesamt zu einer neuen Größe im Konsum: Das IFH Köln bezifferte den deutschen Secondhandmarkt bereits 2022 kanalübergreifend auf rund 14,8 Milliarden Euro. Plattformen wie rebuy, refurbed oder Back Market haben mitunter dazu beigetragen, auch gebrauchte und professionell aufbereitete Elektronik aus der Öko-Ecke in den Mainstream zu holen mit Garantieversprechen, transparenten Zustandskategorien und einem Einkaufserlebnis, das sich immer weniger von Neuware unterscheidet.

Spezialisierte Lösungen machen den nachhaltigen Wandel erst möglich

Im B2B-Bereich sind die Anforderungen deutlich komplexer als im Privatkundengeschäft und ist damit noch in den Anfängen im Vergleich zu B2C. Unternehmen wie circulee gehören zu den ersten Anbietern, die dafür ein passendes Angebot aufgebaut haben, damit moderner Technologie. Dabei geht es nicht nur um Qualität und Sicherheit, sondern vor allem um eine schnelle Verfügbarkeit von einheitlichen Hardware-Modellen in großer Stückzahl sowie Versicherungs- und Rücknahmemöglichkeiten. Seit seiner Gründung hat circulee damit über 2.500 Firmen aus allen möglichen Branchen als Kunden gewonnen – Tendenz stark steigend.

Angebote wie diese haben die IT-Kreislaufwirtschaft im B2B-Umfeld zum Keimen gebracht. Nun bringt die Krise sie möglicherweise dazu, tiefe Wurzeln zu entwickeln. Während in Ländern wie Frankreich der Wandel zumindest im öffentlichen Einkauf bereits systematisch organisiert und durch Quoten abgesichert wird, lernen die deutschen Unternehmen gerade auf die harte Tour, was Beschaffungsintelligenz in Zukunft ausmacht. „Der Markt kommt so langsam dahinter, dass ein resilienter Einkauf nicht in Entweder-oder-Kategorien funktioniert“, meint auch Thomas Gros.

So könnte sich der „Boom aus der zweiten Reihe“ zum branchenübergreifenden Strukturwandel entwickeln. Unternehmen, die in den kommenden Monaten gute Erfahrungen mit Refurbished-IT in ihrer Gerätelandschaft machen, werden später kaum vollständig in ihre alten Routinen zurückkehren. Offen bleibt, wie schnell und mutig Unternehmen ihre Routinen an die neue Beschaffungsrealität anpassen.

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