Deluxe & Destinations Brennen im Paradies

Brennen im Paradies

Auf den Seychellen gibt es genau eine Rum-Destillerie. Sie steht in einer alten Küche, 60 Meter vom Strand, und gehört zwei Brüdern, die nie einen Businessplan hatten. Zu Besuch bei Richard d’Offay, bei Hühnchen, Chili-Marmelade und der Frage, warum das teuerste Zuckerrohr der Welt sein bestes Verkaufsargument ist.

Es beginnt, wie vieles auf den Seychellen beginnt: mit Essen. Auf dem Tisch im Anwesen La Plaine St. André stehen Fisch, Hühnchen, kreolische Kleinigkeiten und ein Glas Chili-Marmelade, vor dem Richard d’Offay freundlich warnt. Er sitzt da wie jemand, der Zeit hat. Er erzählt, dass sein Großvater Arzt war.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Fast jede Spirituosenmarke der Welt erzählt von Urgroßvätern mit geheimen Rezepturen und verstaubten Fässern. Richard erzählt das Gegenteil. „Mein Großvater hatte nie eine Destillerie“, sagt er. Als er und sein Bruder Bernard Anfang der Nullerjahre zurück auf die Inseln zogen, gab es schlicht keinen Rum, den sie selbst gerne getrunken hätten. Also besorgte Bernard Brennblasen und übernahm das Destillieren. Und Richard? „Ich habe alles andere gemacht. Ausliefern, verkaufen, das Geschäft.“ Er sagt das ohne jede Nostalgie-Verklärung, eher wie jemand, der sich erinnert, wie es sich anfühlt, Kisten zu schleppen. „Du kriegst dreckige Hände. Und ehrlich gesagt war das ziemlich befreiend.“

Die Bar in Hamburg

Wie weit die Marke seitdem gereist ist, merkt Richard an den Besuchern. Neulich stand eine Crew aus Hamburg in der Destillerie, Barleute, die Takamaka längst im Regal stehen haben. Man kannte sich, ohne sich je getroffen zu haben. „Die Leute erkennen uns wieder“, sagt er, und man hört, dass ihn das nach all den Jahren immer noch wundert. „Das ist Brand Love. Das kannst du nicht kaufen, das kannst du nicht bewerben. Das passiert organisch, über Zeit.“

Zeit hatten die Brüder reichlich, und einmal wurde sie ihnen brutal geschenkt. Kurz vor Corona entdeckten immer mehr Touristen die Destillerie, dann kam der Lockdown und mit ihm: niemand. Statt zu jammern, bauten die d’Offays um und verlegten die Produktion in die historische Küche des Anwesens. „Wir haben die Zeit für uns arbeiten lassen“, sagt Richard. „Wir hatten vorher nie das Budget und nie die Ruhe für eine ordentliche Tour. Danach schon.“

99 von 100 mischen Wer wissen will, wie Takamaka wirklich getrunken wird, sollte nicht die Awards lesen, sondern die Einheimischen fragen. Richard lacht bei der Frage. „99 von 100 mischen. Mehr Saft, mehr Punsch.“ Der Insel-Klassiker: ein Schuss Apfelsaft, ein bisschen Banane dazu, fertig. Klingt nach Studentenparty, ist aber gelebte Realität auf einem Archipel, auf dem Cocktailkultur eher Strandkiosk als Rooftop-Bar bedeutet. Richard findet das nicht peinlich, sondern ehrlich. Fine Dining gibt es auf den Seychellen schließlich auch nicht, sagt er. „Unsere Drinks sind wie unser Essen. Groß, großzügig, unkompliziert.“

Richard & Bernard d'Offay
Richard & Bernard d’Offay

Genau diese Haltung steckt im neuen Kreol Cask, seit Oktober im Handel ist. Ein Blend aus eigenem Melasse-Rum und einem acht Jahre gereiften Karibik-Rum, komponiert von Steve Rioux. Auch so eine Takamaka-Geschichte: Rioux fing als Restaurantmanager der Destillerie an und wurde 2024 zum Blender of the Year gekürt. Der Kreol Cask ist mit 19 Gramm Zucker pro Liter leicht gesüßt. „Das haben wir noch nie gemacht“, gibt Richard zu. Beim Abendessen wird er probiert, mit einem einzigen großen Eiswürfel im Tumbler. Den Trick mit dem Eiswürfel, erzählt Richard grinsend, haben sie sich übrigens in Berlin abgeschaut.

Faktor vier

Und dann ist da noch die Anekdote, die das ganze Geschäftsmodell erklärt. Auf den Seychellen gibt es keine Zuckerindustrie. Mahé ist ein Granitberg im Ozean, flaches Land ist Mangelware, und die wenigen Bauern, die Zuckerrohr anbauen, verkaufen es lieber an die Bäckereien der Insel. Takamaka zahlt deshalb, so schätzt Richard, den höchsten Kilopreis für Zuckerrohr weltweit. „Faktor vier über allem, was ich kenne.“ Maximal 150 Tonnen pro Jahr bekommen sie zusammen, das ergibt rund 5.000 Liter Hochprozentiges. „Das ist nichts“, sagt er trocken.

Ein Berater hätte an dieser Stelle zur Standortverlagerung geraten. Die Brüder machten aus dem Mangel eine Hierarchie: Der echte Seychellen-Cane-Rum bleibt rar und begehrt, das Volumen von mindestens 600.000 Flaschen im Jahr kommt aus Melasse. Knappheit als Adelstitel statt als Problem.

Deutschland trinkt anders

Dass ausgerechnet Deutschland heute zu den wichtigsten Märkten zählt, hätte Richard früher nicht gewettet. Lange war der Golf das große Geschäft, seit dem Kriegsausbruch in der Region ist das eingebrochen. „Europa läuft außergewöhnlich gut, und innerhalb Europas ist Deutschland enorm wichtig für uns.“ Ein Land, in dem Rum jahrzehntelang nach Backaroma und Grog klang, entdeckt gerade die Tiki-Leichtigkeit wieder. Große Drinks, alberne Namen, Cocktailkirsche obendrauf. Richard sieht das Comeback mit Genugtuung. Er hat 25 Jahre darauf gewartet, dass der Rest der Welt so trinkt wie seine Insel.

Zum Abschied, beim Anstoßen, sagt er noch einen Satz, der bleibt: „Hätte mich damals jemand hierher teleportiert und mir das alles gezeigt, ich hätte es niemals geglaubt.“ Dann hebt er das Glas. Santé.

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