Business & Beyond VW-Werk Emden: Lies verspricht E-Autos, Blume schweigt zu Zahlen

VW-Werk Emden: Lies verspricht E-Autos, Blume schweigt zu Zahlen

Ministerpräsident Lies fordert bei VW in Emden ein schnelles Signal für mehr E-Autos. Der Vorstand spricht derweil offen über Zehntausende weitere Jobs auf der Kippe.

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Ein Ministerpräsident, der in der Fabrikhalle Wahlkampf für Elektroautos macht, während der Konzernvorstand über den Abbau von Zehntausenden Stellen debattiert: Genau das spielte sich am Montag im VW-Werk Emden ab. Niedersachsens Regierungschef Olaf Lies (SPD) sitzt im VW-Aufsichtsrat, der an diesem Freitag zusammentritt. Sein Besuch war deshalb kein zufälliger Termin, sondern eine öffentliche Ansage kurz vor der Entscheidung.

„Für mich als Ministerpräsident ist es nicht vorstellbar, dass wir hier keine Autos mehr bauen“, sagte Lies laut DIE ZEIT nach dem Standortbesuch mit Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne), dem Betriebsrat und der IG Metall. Begleitet wurde der Termin von Vertretern der Gewerkschaft, die seit Wochen um Zusagen für die Belegschaft ringt. Dass Lies nicht allein, sondern mit der gesamten Landesspitze und den Arbeitnehmervertretern auftrat, unterstreicht, wie sehr das Land Niedersachsen den öffentlichen Druck auf den Konzern vor der Aufsichtsratssitzung erhöhen will.

Lies verkauft freie Kapazität als Verhandlungsargument

Das Werk in Emden produziert seit einer Milliardeninvestition ausschließlich Elektroautos, hat laut Lies aber noch ungenutzte Kapazität. Wenn wir oft darüber reden, warum sind Standorte an der einen Stelle teurer oder günstiger, dann hat das viel mit der Frage der Auslastung zu tun. Hier ist noch Platz. Hier können wir noch mehr Elektroautos bauen, sagte er. Elektromobilität sei ein Wachstumsmarkt, VW darin Marktführer in Europa.

Es brauche nun ein sehr schnelles Signal, dass der Bau von E-Autos in Ostfriesland Zukunft bei Volkswagen habe, forderte Lies. Das klingt nach Zuversicht, ist aber vor allem eines: der Versuch, den Aufsichtsrat vor der entscheidenden Sitzung öffentlich unter Druck zu setzen. Die Argumentation ist dabei nicht neu: Auslastung als Hebel für Standortsicherung ist ein Muster, das Lies schon in früheren Debatten um Niedersachsens Industriearbeitsplätze bemüht hat. Neu ist der Zeitpunkt, wenige Tage vor einer Sitzung, in der es um die Zukunft mehrerer Werke gleichzeitig geht.

Vier Werke, keine Belegung, ein Betriebsrat mit Erwartungen

Der Kontrast zur Vorstandsseite könnte größer kaum sein. Der laufende Abbau von 50.000 Stellen bis 2030 reicht nach Ansicht des Vorstands um Konzernchef Oliver Blume nicht aus. Zur Debatte steht der Abbau weiterer Zehntausender Jobs, betroffen wären neben Emden auch Hannover, Zwickau und das Audi-Werk Neckarsulm. Für diese Standorte gebe es laut Blume noch keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre. Auch bei einer Betriebsversammlung in Hannover hatte Finanzvorstand Antlitz zuletzt weitere Kostensenkungen gefordert, Blume selbst blieb dieser Versammlung fern, ein Signal, das in der Belegschaft aufmerksam registriert wurde. VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo erinnerte an die Tarifeinigung 2024, in der Belegschaft und Gewerkschaft Stellenabbau und Kostensenkungen akzeptiert hatten, im Gegenzug für Standortzusagen.

Die Belegschaft, der Betriebsrat, die IG Metall, wir haben geliefert und jetzt erwarten wir natürlich zu Recht, weil es genauso vereinbart ist, dass auch der Vorstand seine Zusage einhält. Nämlich, dass es dann auch Folgeprodukte hier in Emden gibt, sobald dann aktuelle Produkte auslaufen, sagte Cavallo laut SZ.de. Ihre Botschaft ist eindeutig: Die Belegschaftsseite hat ihren Teil der Vereinbarung erfüllt, jetzt liege der Ball beim Vorstand. In Emden hängen rund 7.700 Arbeitsplätze direkt an VW, der wichtigste industrielle Arbeitgeber der Region.

Alternativen wie eine 40-Stunden-Woche, wie sie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ins Spiel gebracht hatte, lehnte Cavallo ab: Das würde den nötigen Personalabbau nach ihrer Rechnung eher vergrößern als verkleinern. Der Vorstoß aus Sachsen zeigt, dass die Ministerpräsidenten der betroffenen Bundesländer keineswegs mit einer Stimme sprechen. Während Lies auf zusätzliche Produktion setzt, brachte Kretschmer eine Arbeitszeitverlängerung ins Spiel, ein Ansatz, den die Arbeitnehmerseite unmittelbar zurückwies. Diese Uneinigkeit zwischen den Landesregierungen macht die Verhandlungsposition der Beschäftigten nicht einfacher, zumal am Freitag im Aufsichtsrat mehrere Standortinteressen gleichzeitig aufeinandertreffen.

Business Punk Check

Lies verkauft freie Werkskapazität als Chance, das ist politisches Marketing, kein belegter Konzernbeschluss. Fakt ist: VW hat in Emden Milliarden in reine E-Auto-Produktion gesteckt, das ist ein Commitment, das sich schwer rückabwickeln lässt. Fakt ist aber auch: Der Vorstand nennt für Emden explizit keine gesicherte Belegung nach 2030. Das ist keine Momentaufnahme, sondern eine offene Bilanzlücke.

Die eigentliche Machtfrage entscheidet sich nicht in Emden, sondern am Freitag im Aufsichtsrat, wo Lies selbst mitstimmt. Für Zulieferer, Kommunen und Beschäftigte in der Region heißt das: Politische Zuversicht ist kein Auftragseingang. Wer auf Emden als E-Auto-Standort setzt, wettet auf ein Signal, das der Vorstand bislang nicht gegeben hat.

Auf einen Blick

  • Olaf Lies fordert nach seinem Besuch im VW-Werk Emden ein schnelles Signal für den Bau weiterer Elektroautos am Standort.
  • Der VW-Vorstand um Oliver Blume sieht für Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm bislang keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre.
  • Betriebsratschefin Daniela Cavallo pocht auf die Tarifeinigung von 2024 und erwartet vom Vorstand zugesagte Folgeprodukte für Emden.
  • Am Werk in Ostfriesland hängen rund 7.700 Arbeitsplätze, über die endgültige Ausrichtung entscheidet der Aufsichtsrat, in dem Lies selbst sitzt.

Quellen: ZEIT, Ndr, Oz Online, Sueddeutsche

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