Prognose verdoppelt, Problem bleibt: Deutschlands Wachstum hängt am Staat
Bundesbank und DIW verdoppeln ihre Wachstumsprognosen für Deutschland. Die Erholung ist real, aber sie steht auf staatlichen Krücken, nicht auf privaten Investitionen.
Eine Wirtschaft, die im Frühsommer noch als Krisenfall galt, wächst plötzlich doppelt so schnell wie prognostiziert. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel rechnet für 2026 nun mit einem Plus von etwa einem Prozent, statt der im Juni veranschlagten 0,5 Prozent.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zieht ähnlich nach und hat seine Prognose ebenfalls mehr als verdoppelt. Beide Institute sprechen von einer überraschenden Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, die trotz Iran-Konflikt und gestiegener Energiekosten nicht eingebrochen ist. Der Optimismus hat allerdings einen Haken, den beide Seiten offen benennen: Getragen wird der Aufschwung vor allem vom Staat, nicht von privaten Unternehmen.
Bundesbank und DIW korrigieren fast im Gleichschritt nach oben
„Auf Basis der ersten beiden Quartale sind wir auf Kurs, in diesem Jahr etwa ein Prozent zu erreichen, was deutlich besser ist als unsere Juni-Prognose“, sagte Nagel laut Handelsblatt. Die Bundesbank war im Sommer noch von 0,5 Prozent Wachstum für 2026 ausgegangen, gefolgt von 0,8 Prozent 2027 und 1,4 Prozent 2028.
Das DIW erwartet für 2026 nun 1,2 Prozent, für 2027 ein Prozent und für 2028 0,7 Prozent, wie Google News Wirtschaft berichtet. Im Juni hatte das Institut seine Prognose für das laufende Jahr noch auf 0,5 Prozent halbiert. Die parallele Aufwärtsrevision zweier unabhängiger Institute innerhalb weniger Wochen ist ungewöhnlich und deutet darauf hin, dass die Datenbasis sich tatsächlich verändert hat, nicht nur die Stimmung.
Starke Exporte und ein ausgebliebener Energieschock treiben die Zahlen
Ausschlaggebend für die Korrektur waren laut DIW vor allem ein im Frühsommer unerwartet kräftiger Außenhandel und ein Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs, der deutlich geringer ausfiel als befürchtet. Nagel bestätigt dieses Bild: Die Exportzahlen seien „recht solide“ gewesen, die Auftragseingänge in der Industrie „ordentlich“.
Nach revidierten Destatis-Daten wuchs die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2026 um 0,3 Prozent zum Vorquartal, nachdem sie zum Jahresstart 2026 um 0,4 Prozent zugelegt hatte. Beide Institute betonen, dass eine jüngste Datenrevision eine stärkere konjunkturelle Dynamik seit Ende 2023 zeigt als bislang angenommen. Die reale Wirtschaft hat sich demnach robuster entwickelt, als die Modelle im Frühjahr unterstellten.
Fratzscher warnt vor der falschen Lesart einer sicheren Wende
DIW-Präsident Marcel Fratzscher formuliert die Kernbotschaft selbst zweigeteilt: „Die deutsche Wirtschaft steht vor einer möglichen Trendwende zu stärkerem Wachstum in den kommenden zwei Jahren“, sagt er laut Google News Wirtschaft, warnt aber zugleich, dieser Aufschwung dürfe „nicht als gesicherte Wende interpretiert werden“. Rund 70 Prozent des Wachstums gehen laut Fratzscher auf öffentlichen Konsum und staatliche Investitionen zurück, etwa in Klimaschutz, Infrastruktur und Verteidigung. Die private Binnennachfrage bleibe die größte Schwachstelle.
Private Investitionen reichten weiterhin nicht aus, um die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit Deutschlands nachhaltig zu stärken, mahnt der DIW-Chef. Eine Eskalation im Nahen Osten oder neue Handelskonflikte könnten die Erholung jederzeit wieder bremsen.
Business Punk Check
Fakt ist: Beide Prognoseinstitute haben ihre Zahlen fast synchron deutlich nach oben korrigiert, das ist belegt und ungewöhnlich. Interpretationssache ist, ob das eine echte „Trendwende“ markiert, wie Fratzscher es vorsichtig formuliert, oder nur eine Verschnaufpause auf staatlichem Kredit.
Denn die Wachstumstreiber sind fast ausschließlich öffentliche Ausgaben, nicht private Unternehmen, die investieren. Offen bleibt, was passiert, wenn die Sondervermögen für Klimaschutz und Verteidigung irgendwann auslaufen und die private Nachfrage bis dahin nicht nachgezogen hat.
Auf einen Blick
- Die Bundesbank erwartet für 2026 rund ein Prozent Wachstum, doppelt so viel wie in der Juni-Prognose veranschlagt.
- Das DIW hat seine Prognose für 2026 auf 1,2 Prozent angehoben, nach zuvor nur 0,5 Prozent.
- Unerwartet starke Exporte und ein schwächerer Energiepreisschock durch den Iran-Konflikt gelten als Haupttreiber der Korrektur.
- DIW-Präsident Fratzscher warnt, dass der Aufschwung überwiegend auf staatlichen Ausgaben beruht und private Investitionen weiterhin fehlen.
Quellen: Handelsblatt, Google News Wirtschaft (DE), Zeit, Bundesbank, Reuters