She'sPunk · Dorothee Bär

FRAUEN SIND LÄNGST BEREIT!

FRAUEN SIND LÄNGST BEREIT!
BUNDESREGIERUNG / STEFFEN KUGLER
Erschienen
Lesezeit8 Min · 1.630 Wörter

Im Interview aus der neuen „She’s Punk“ 3/2026 spricht Bundesforschungsministerin Dorothee Bär über Deutschlands Innovationskraft – und darüber, warum Frauen dabei eine viel größere Rolle spielen müssen. Sie fordert mehr Mut, bessere Strukturen und einen Kulturwandel in Wissenschaft, Wirtschaft und Gründerszene.

Interview: Christa Catharina Müller

Dorothee Bär sitzt als Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt an einer der zentralen Stellen, die über Deutschlands Zukunftsfähigkeit entscheiden. Ihr Anspruch: Aus exzellenter Forschung sollen schneller marktfähige Innovationen, neue Unternehmen und wirtschaftliches Wachstum entstehen. Im Gespräch erklärt Bär, wie sie strukturelle Hürden abbauen will, um Frauen auf ihrem Weg in Spitzenpositionen zu unterstützen und warum es neben privatem Kapital und einem schnelleren Technologietransfer auch eine neue Kultur braucht.

BUSINESS PUNK: Frau Bär, wenn Sie in Ihrer Amtszeit genau eine Regel, ein Verfahren oder ein Gesetz abschaffen könnten, um Deutschland schlagartig wettbewerbsfähiger zu machen, welches wäre es?

Dorothee Bär: Wir sind an vielen Stellen führend, unsere Forschung spielt ganz oben an der Weltspitze mit. Wir sollten mehr Zutrauen in unser technisches Können und unsere Innovationsfähigkeit haben, mehr Mut zeigen. Statt German Angst wünsche ich mir German Zuversicht. Ich würde gerne den verbreiteten Pessimismus in Deutschland abschaffen und mehr Optimismus einführen.

BUSINESS PUNK: Deutschland fördert Innovation mit Milliarden, trotzdem entstehen die wertvollsten Tech-Unternehmen weiterhin meist anderswo. Woran liegt das?

Dorothee Bär: In Hochschulen und Forschungseinrichtungen entstehen exzellente Ideen. Aber sie landen immer noch zu oft in der Schublade statt als Produkte auf dem Markt. Die Gründe sind vielfach: langwierige Förderprozesse, Skepsis für neue Ideen oder mangelnde Risikobereitschaft. Wir fördern Transfer bereits jetzt, beispielsweise mit der SPRIND oder unserem Programm KMU innovativ. Auch mit unserer neuen Transferinitiative F.A.S.T., – Forschung, Ausgründungen, Skalierung, Transfer – wollen wir zukünftig vielversprechende Forschungsergebnisse schneller, unbürokratischer und wirksamer in marktfähige Innovationen überführen – und damit aussichtsreichen Start-ups den Weg bereiten. Wir müssen zudem in der Wissenschaft das Bewusstsein für die Bedeutung von Transfer weiter schärfen. Und es braucht mehr privates Kapital. Dafür stärken wir den Venture-Capital-Standort Deutschland und machen Investitionen in Start-ups und Scale-ups attraktiver.

BUSINESS PUNK: Noch immer gründen Frauen seltener als Männer. Dabei zeigen Studien, dass gemischte Teams häufig wirtschaftlich erfolgreicher sind und innovativere Lösungen entwickeln. Brauchen wir speziell mehr Gründerinnenförderung?

Dorothee Bär: Ja! Denn auch hier wirken geschlechterspezifische Stereotype, zum Beispiel Frauen seien weniger durchsetzungsstark. Das benachteiligt Frauen gegenüber Gatekeepern und auf der Suche nach Investorinnen und Investoren. Wir brauchen dringend einen Kulturwandel. Unsere Förderrichtlinie „Innovative Frauen im Fokus“ rückt deshalb Frauen in den Mittelpunkt, zum Beispiel auf der Plattform #Innovative-Frauen, wo weibliche Innovatorinnen als Speakerinnen, Expertinnen oder für gemeinsame Kooperationen recherchiert werden können. Schauen Sie mal rein, die Seite ist sehr inspirierend!

BUSINESS PUNK: Wie kam es dazu, dass Sie sich besonders für die Förderung von Frauen einsetzen? Gab es den einen Schlüsselmoment?

Dorothee Bär: Den einen Schlüsselmoment im engeren Sinne gab es nicht. Frauenthemen und insbesondere Frauenkarrieren oder auch die Frauengesundheit beschäftigen mich vielmehr schon mein Leben lang – als Tochter, als Frau, als Mutter und als Abgeordnete. Dass ich jetzt als Forschungsministerin ganz neue Möglichkeiten habe, Dinge anzugehen und zu gestalten, freut mich besonders.

BUSINESS PUNK: Haben oder hatten Sie im Laufe Ihrer Karriere eine Mentorin?

Dorothee Bär: Ich hatte und habe viele Menschen um mich, die mich unterstützen. Anders würde das auch nicht gehen. Es ist nicht nur die oder der eine. Wichtig ist ein Netzwerk von Menschen, die einem gut tun, die sehen, wann und wo sie gebraucht werden. Ich hatte das Glück, immer von so einem Netzwerk umgeben zu sein. Gerade Frauen sind im Netzwerken ja sehr gut.

BUSINESS PUNK: Was geben die Ihnen?

Dorothee Bär: Das sind Frauen, die sich vorbehaltlos unterstützen, sich gegenseitig anfeuern und einander nichts neiden. Frauen, die Unterschiedlichkeit feiern, statt zu denken: Ich hätte gern, was die andere hat. Die sich über Erfolge mitfreuen. Frauen sind heute so gut ausgebildet wie nie zuvor. Trotzdem sind sie in entscheidenden Positionen – Vorständen, Führungspositionen, der Wissenschaft oder als Gründerinnen – weiterhin stark unterrepräsentiert.

BUSINESS PUNK: Woran liegt das: an bestehenden Barrieren oder werden Frauen noch immer zu selten ermutigt, Macht zu beanspruchen?

Dorothee Bär: Die Ursachen sind vielschichtig. Im Wissenschaftssystem sind es vor allem Strukturen, die sich ändern müssen. Hier sehe ich einen zentralen Hebel für politisches Handeln, den wir jetzt, gerade mit unserem Entwurf zur Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, angehen. Konkret sind darin Vertragsverlängerungen im Fall von Mutterschutz und Elternzeit vorgesehen – unabhängig davon, ob die Stelle aus Haushaltsmitteln oder Drittmitteln finanziert wird. Fakt ist leider auch: Wir verlieren zu viele Frauen auf dem Weg nach oben an die Spitze. Hier müssen wir dranbleiben. Das Professorinnenprogramm ist in der Wissenschaft unser Flagship. Zusätzlich haben Bund und Länder beschlossen, bis zu 1.000 Tenure-Track-Professuren an Universitäten zu fördern. Und unsere Programme zeigen Wirkung: Insgesamt ist der Anteil von Professorinnen seit 2008 von 17 Prozent auf 30 Prozent gestiegen. Es geht voran – aber es bleibt noch viel zu tun.

BUSINESS PUNK: Welche politischen Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um die Karrierewege von Frauen zu verbessern?

Dorothee Bär: Die aktuell existierenden Probleme sind das Ergebnis von Jahrzehnten struktureller und gesellschaftlicher Ungleichheit. Der Blick sollte sich daher auf die Umgebung richten, in der Frauen ihre Möglichkeiten entfalten können. Ein Beispiel hierfür ist unsere Förderrichtlinie „MissionMINT – Frauen gestalten Zukunft“, mit der wir junge Frauen empowern und für MINT begeistern wollen. Stichwort: ungenutztes Potenzial.

BUSINESS PUNK: Welche Verantwortung sehen Sie bei Unternehmen und wo erwarten Sie, dass Frauen selbst stärker ins Risiko gehen?

Dorothee Bär: Wenn wir Deutschland zukunftsfähig aufstellen wollen, dann brauchen wir alle Talente – ohne Ausnahme. Der Kulturwandel gelingt nur gemeinsam. Ich sehe bei Unternehmen den Willen, einen Beitrag zu diesem Boost zu leisten, aber durchaus auch noch Luft nach oben. Wir können es uns einfach nicht leisten, auf die Hälfte der klügsten Köpfe zu verzichten, wenn wir die großen Themen und Megatrends unserer Zeit erfolgreich angehen wollen. Was die Bereitschaft der Frauen selbst angeht, habe ich gar keine Zweifel. Frauen sind bereits Leistungsträgerinnen und längst bereit, viel zu investieren und Risiken einzugehen. Das erlebe ich jeden Tag.

BUSINESS PUNK: Welche konkreten Ergebnisse versprechen Sie sich von einer gezielten Frauenförderung, etwa mit Blick auf das Thema Frauengesundheit und geschlechtersensible Medizin?

Dorothee Bär: Wir stellen rund zwölf Mio. Euro bereit, um Projekte zu fördern, die den Gender Data Gap schließen. Zusätzlich gibt es zehn Mio. Euro für die Förderrichtlinie zur geschlechtersensiblen Krebsforschung, die in der Forschungs-Community großen Anklang fand. Insgesamt wird mein Haus in dieser Legislatur rund 90 Mio. Euro in die geschlechtersensible Medizin und die Frauengesundheit investieren. Wichtig ist mir klarzumachen, dass sich Frauengesundheit für alle auszahlt. Das World Economic Forum hat ausgerechnet, dass wir eine Billion US Dollar Wachstum weltweit generieren könnten, wenn wir die geschlechterspezifischen Versorgungslücken, den Gender Health Gap, schließen.

BUSINESS PUNK: Woran werden Sie persönlich den Erfolg Ihrer frauenpolitischen Arbeit messen?

Dorothee Bär: Ich will erreichen, dass Frauengesundheit einen neuen Stellenwert erhält. Ich will, dass diese Themen kein Tabu mehr sind und dass wir dank exzellenter Forschung Antworten finden und innovative Lösungen anbieten können. Außerdem: Die mitunter noch immer deutlich geringeren Frauenanteile in vielen Bereichen in Wissenschaft und Wirtschaft sind für mich einfach nicht akzeptabel. Daher betrachte ich den Beitrag zur Steigerung des Frauenanteils im Wissenschaftssystem während meiner Amtszeit als einen wichtigen Indikator für den Erfolg meiner Arbeit.

BUSINESS PUNK: Seit 1998 haben L’Oréal und die UNESCO im Rahmen des gemeinsamen Programms „For Women in Science“ weltweit über 4.700 Forscherinnen in mehr als 110 Ländern unterstützt, darunter sieben zukünftige Nobelpreisträgerinnen. Als Schirmherrin der Initiative setzen Sie sich für mehr Sichtbarkeit von (Nachwuchs-)Wissenschaftlerinnen ein. Welche Bedeutung haben Programme wie „For Women in Science“ für den Wissenschaftsstandort Deutschland?

Dorothee Bär: Mädchen und jungen Frauen mangelt es manchmal noch an Selbstvertrauen. Rollenvorbilder, öffentliche Sichtbarkeit und fachliche Anerkennung von Leistungsträgerinnen sind wichtig, um das zu ändern. Und genau das bietet das Programm For Women in Science.

BUSINESS PUNK: 2026 wird der Preis in Deutschland zum 19. Mal verliehen. Den Gewinnerinnen winkt neben finanzieller Unterstützung der Zugang zu einem globalen Karrierenetzwerk. Liegt darin der entscheidende Schlüssel, um Theorie und Praxis zu verzahnen?

Dorothee Bär: Karrierenetzwerke sind essenziell. Daher halte ich es für den richtigen Ansatz, dass das Programm einen Schwerpunkt beim Netzwerkaufbau setzt.

BUSINESS PUNK: Welchen weiteren Mehrwert sehen Sie in der Initiative?

Dorothee Bär: Wir wissen, dass Sichtbarkeit eine echte Multiplikatorwirkung hat. Exzellenz allein macht nicht erfolgreich. Der Preis schat genau das: Sichtbarkeit für die ausgezeichneten Frauen.

BUSINESS PUNK: Welche Frau aus Forschung und Wissenschaft hat Sie persönlich besonders beeindruckt? Warum?

Dorothee Bär: Wie könnte ich mich dafür nur eine entscheiden? Was mich letztes Jahr sehr beeindruckt hat, war die Ausstellung „Versäumte Bilder“, die ich gemeinsam mit der Bundeskanzlerin a.D., Dr. Angela Merkel, eröffnet habe. Angela Merkel ist für mich ein Role Model par excellence. Die Ausstellung „Versäumte Bilder“ an sich zeigt Frauenpersönlichkeiten wie Lise Meitner und Rosalind Franklin, die, obwohl sie absolut bedeutsame Errungenschaften für die Menschheit hervorgebracht haben, niemals für ihre Leistungen eine angemessene Anerkennung und Wertschätzung erhalten haben. Die unfassbare Resilienz, die diese Pionierinnen gehabt haben müssen, hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt.

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