MEINE WUT WAR GRÖSSER ALS MEINE ANGST!
Aus Wut wurde Verantwortung: Düzen Tekkal kämpft mit Háwar.help und German Dream gegen Menschenrechtsverletzungen, Extremismus und gesellschaftliche Spaltung. In der neuen She’s Punk 3/2026 spricht die Aktivistin, Journalistin und Sozialunternehmerin über den Preis der Sichtbarkeit, unternehmerischen Mut – und darüber, warum Haltung allein nicht reicht, um wirklich etwas zu verändern.
Interview: Deborah Landshut
Aus Wut wurde Verantwortung, aus einer spontanen Hilfsinitiative eine professionelle Organisation: Düzen Tekkal ist Aktivistin, Journalistin und Sozialunternehmerin. Mit Háwar.help und German Dream kämpft sie gegen Menschenrechtsverletzungen, Extremismus und gesellschaftliche Spaltung – und zeigt, dass Haltung allein nicht reicht: Es braucht Strukturen, Geld und unternehmerischen Mut.
BUSINESS PUNK: Düzen, du bist 2014 als Reporterin in den Nordirak gereist, um über den Genozid an den Jesid:innen durch den Islamischen Staat zu berichten. Du hast dort nicht nur eine humanitäre Katastrophe dokumentiert, sondern auch den Völkermord an deiner eigenen Glaubensgemeinschaft. War dir damals bewusst, dass diese Reise dein Leben so stark verändern würde?
Düzen Tekkal: Diese Reise war die mutigste und wichtigste Entscheidung meines Lebens. Ich erhielt verzweifelte Hilferufe aus Irak. Jesid:innen, die angegriffen wurden und mitten in der Nacht Hals über Kopf vor den IS-Mörderbanden flohen. Es hatte sich herum gesprochen, dass es in Deutschland eine jesidische Reporterin gibt, die berichten kann. „HÁWAR! HÁWAR! Wir werden getötet!“. „Háwar“ ist KurmancîKurdisch für „Hilfe“. So nannten meine Schwestern ich dann später auch unsere Menschenrechtsorganisation. Ich hatte große Angst, die Reise anzutreten. Aber ich wusste, dass etwas in mir sterben würde, wenn ich es nicht tue. Als Jesidin meinem bedrängten Volk nicht beistehe. Und da war meine Wut einfach größer als die Angst.
BUSINESS PUNK: Und aus dieser Verantwortung sind eure Organisationen Háwar.help und German Dream entstanden.
Genau. Mit Hawár.help haben wir Projekte für Opfer von ethnisch-religiöser Gewalt – aber auch häuslicher Männer-Gewalt – in Irak, in Syrien. Die Projekte in Afghanistan mussten wir leider aufgeben, weil es wegen der Taliban zu gefährlich wurde. Wir vermitteln Patenschaften für politische Gefangene in Iran. Die ScoringGirls-Projekte im Irak und Deutschland mit denen wir Mädchen durch Sport und schulische Hilfe stärken, die Flucht und Verfolgung erlebt haben oder kaum finanzielle Mittel haben. Da sind Mädels, die kamen als Kinder zu uns und sind mit dem Programm aufgewachsen. Mit German Dream vermitteln wir jungen Leuten demokratisches Mindset. Das ist eine deutschlandweite Bildungsbewegung. Menschen empowern sich gegenseitig. Erinnern daran, dass es auf Werte und Menschlichkeit ankommt. An jedem Schultag finden ein bis zwei Werte-Dialoge mit unseren ehrenamtlichen Wertebotschafter:innen an einer Bildungseinrichtung in Deutschland statt.

BUSINESS PUNK: Warum sind Letztere so wichtig?
Ich finde, es sollte anerkannt werden, dass wir mit unserer Arbeit am Ende auch Wirtschaft, Innovation, Transformation vorantreiben. Demokratie ist auch ein Ökosystem, von dem viele andere Bereiche abhängen. Es kann nicht sein, dass wir extreme Ränder die Sozialarbeit machen lassen. Die jungen Menschen sind total da und politisiert. Es wäre falsch, sie zu unterschätzen. Wir müssen ihre Selbstwirksamkeit entfachen.
BUSINESS PUNK: Du hast selbst den Genozid an deiner eigenen Glaubensgemeinschaft dokumentiert. Heute kämpfst du an vielen weiteren Fronten gleichzeitig. Wie hat deine eigene Betroffenheit deine Arbeit geprägt?
Ich habe mich selbstkritisch mit mir auseinandergesetzt: Ich bin erst aufgestanden, als es um meine eigenen Leute ging. Das war mir eine Lehre. Heute sage ich: Unser Engagement muss über die eigene Betroffenheit hinausgehen. Letztlich hängen viele Kämpfe zusammen, die auf den ersten Blick verschieden scheinen.
BUSINESS PUNK: Wie ist aus der Journalistin eine Aktivistin geworden?
Im Rückblick erkenne ich: Ich habe immer etwas Aktivistisches in meine Arbeit einfließen lassen. Ich komme aus einem sehr politisierten Elternhaus. Mein Vater war Aktivist, der sich für Jesid:innen und ihre Anerkennung als verfolgte Gruppe in Deutschland einsetzte. Aber auch für andere: Unser Zuhause in Hannover stand immer offen. Es gingen Verfolgte aus aller Welt ein und aus. Da schließt sich heute ein Kreis. Was ich mir aber bewahrt habe, ist die journalistische Arbeitsweise. Das ist wichtig in einem Zeitalter der Propaganda und des Informationskriegs. Und ich habe gelernt, wie man Geschichten erzählt.
BUSINESS PUNK: Fällt es dir schwer, neutral zu berichten, wenn du gleichzeitig betroffen bist?
Wenn wir so tun, als wenn wir als Journalist: innen neutral wären, sind wir unehrlich. Das fängt schon bei der Wahl an, worüber man berichtet. Welche Stimmen man hörbar macht. Welches Format man wählt et cetera. Aber es muss nachvollziehbar sein, was wir tun. Es geht um Transparenz, Wahrheitsfindung, darum, solide zu arbeiten. Sorgfaltspflicht ist das A und O. Ich habe so viele Gegner, die warten ja nur auf einen Fehler.
BUSINESS PUNK: Diesen Skill setzt du auch auf deinen Social-Media-Kanälen ein, wo du mittlerweile Millionen erreichst. Dadurch bist du aber auch viel Hass und Hetze ausgesetzt.
Ich bin nicht bereit, meine Haltung, meine Werte zu verkaufen. Ich sage oft das, was die Leute nicht hören wollen. Nicht, weil ich sie ärgern will, sondern aus Eigentreue. Dafür zahle ich einen hohen Preis. Bekomme Hass, Sexismus, Anfeindung. Aus allen möglichen Ecken: Von Rassisten, Islamisten, Antisemiten, Frauenfeinden. Von rechts, von links, aus der Mitte. Aber Dinge nicht aussprechen zu dürfen und mich zu unterwerfen, hätte viel gravierendere Konsequenzen. Und wir müssen die Rechte, die die Demokratie bietet, ja auch wahrnehmen. Unsere Täter rechnen mit unserer Angst und Untätigkeit
BUSINESS PUNK: Die Tech-Unternehmen verdienen an Hass und Spaltung. Was forderst du?
Die Straflosigkeit im Netz trägt einen ganz großen Teil zu dem Hass bei, der sich gerade in der Gesellschaft auftut.Wir brauchen ein umfangreiches digitales Gewaltschutzgesetz. Für die Tech-Unternehmen müssen Regeln greifen. Hass muss eingeschränkt, nicht monetarisiert werden. Meinungsfreiheit ist das höchste Gut. Aber das heißt nicht, dass wir alles ertragen müssen.
BUSINESS PUNK: Wie wichtig ist Social Media denn für deine Arbeit?
Nicht so wichtig, wie viele glauben. Wenn morgen das Internet abgestellt würde,ginge unsere Menschenrechtsarbeit trotzdem weiter. Dennoch ist Social Media ein Verstärker. Es hat uns geholfen, wahrgenommen zu werden. Nicht aus Selbstzweck. Meine Reichweite nutze ich für die Sache. Mit deiner Schwester Tezcan habt ihr mittlerweile auch Verantwortung für etwa 50 Mitarbeitende, verwaltet Budgets, macht Fundraising und trefft strategische Entscheidungen.
BUSINESS PUNK: Wie viel Unternehmerin steckt nun in dir?
Ich bin Aktivistin und Risikounternehmerin, weil ich nicht anders kann. Ich hatte keinen Plan B. Wenn ich nach meinem Business Case gefragt wurde, war meine Antwort: „Leute, wir sind gegründet auf der Asche des Völkermords. Das ist unser Case.“ Wir waren fünf kurdische Schwestern, die mit allen Vorurteilen dieser Welt konfrontiert waren. Ohne eine andere Wahl, als das zu tun, was wir tun.
BUSINESS PUNK: „Darf“ man mit Aktivismus Geld verdienen?
Auch Aktivist:innen müssen von etwas leben. Aber ich verdiene damit kein Geld. Nicht im Sinne von Vermögensbildung. Als Geschäftsführerin muss ich zusehen, dass die Projekte finanziert sind, Gehälter und Rechnungen gezahlt werden. Wenn ich für Vorträge angefragt werde, dann gebe ich dafür auch etwas auf. Das ist ein Tag, an dem ich nichts für Menschenrechte tun kann. Und den muss ich mir bezahlen lassen. Das ist das Normalste der Welt.
BUSINESS PUNK: Du arbeitest mit Menschen, die täglich mit Leid, Krieg, Traumata konfrontiert sind. Wie führt man so ein Team, ohne dass alle irgendwann ausbrennen?
Das musste ich auch erst mal verstehen: Meine Resilienz kann ich nicht bei anderen voraussetzen. Und trotzdem haben wir einen warmen, wertvollen Ort geschaffen und die Menschen sind alle aus einem Grund da. Aber wir mussten Coachings machen. Lernen, dass es Grenzen gibt, wir nicht alles machen können. Ohne schlechtes Gewissen. Menschenrechtsarbeit hat oft kein Happy End. Aber ich sage deshalb: Wer nah am Tod ist, merkt auch immer, wie kostbar das Leben ist. Daher ist man immer auch nah am Leben und an der Lebensfreude. Und die müssen wir uns bewahren.