„Die Seele des Autos bleibt japanisch“
Der Mazda CX-6e ist Mazdas neuer, vollelektrischer Crossover für Europa – und zugleich der Versuch, die eigene Designsprache ins Elektrozeitalter zu übersetzen. Angetrieben wird er von einem 190 kW (258 PS) starken Elektromotor an der Hinterachse, die 78-kWh-Batterie ermöglicht bis zu 484 Kilometer Reichweite nach WLTP. Mit maximal 200 kW Ladeleistung lässt sie sich unter optimalen Bedingungen in 24 Minuten von zehn auf 80 Prozent laden. Auffälliger als die Zahlen ist allerdings der gestalterische Ansatz: Der CX-6e verbindet die japanische Kodo-Philosophie mit einem Design, das maßgeblich im europäischen Mazda Designzentrum in Oberursel bei Frankfurt entwickelt wurde. Schlanke Proportionen, ein beleuchteter Signature Wing und – in der Topausstattung TAKUMI PLUS – digitale Außenspiegel zeigen, wie Mazda seine bekannte Formensprache neu interpretiert.
Seit 25 Jahren arbeitet Luciana Silvares für Mazda. Im Gespräch erklärt die Designerin, wie sich die Formensprache der Marke weiterentwickelt, warum ein Elektroauto Designern gleichzeitig mehr Freiheit und neue Grenzen gibt – und weshalb sich heute Ideen sehr viel schneller verwirklichen lassen als früher.
Wenn du dieses neue Modell anschaust: Was ist wirklich neu – und was ist unverkennbar Mazda?
Komplett neu sind zum Beispiel die kleinen Kameras, die in der höchsten Ausstattungslinie des Mazda CX-6e die klassischen Außenspiegel ersetzen. Sie sind natürlich funktional, aber für uns Designer zugleich ein sehr starkes Detail. Es sind genau solche kleinen Elemente, die einem Fahrzeug einen neuen Charakter geben können.

Gleichzeitig gibt es vieles, das ganz typisch für Mazda ist. Dazu gehört die Formgebung der Seiten mit ihren Reflexionen, diese Art, wie Licht über die Flächen läuft. Und natürlich das Gesicht des Autos. Obwohl wir bei einem Elektrofahrzeug keine klassischen Lufteinlässe mehr benötigen, haben wir die Front so gestaltet, dass die typische Mazda-Identität erhalten bleibt. Diese Verbindung aus Neuem und Vertrautem ist für mich sehr wichtig.
Wie schnell lassen sich solche Innovationen tatsächlich in ein Serienfahrzeug bringen?
Das hängt sehr davon ab, um welche Innovation es geht. Bei Kameras und anderen technologischen Entwicklungen kann es vergleichsweise schnell gehen, weil man auf bereits existierende Technologien zurückgreifen kann.
Bei Materialien kann das ganz anders aussehen. Wir haben beispielsweise für andere Modelle Stoffe entwickelt, die aus recycelten PET-Flaschen hergestellt werden. So etwas kann sehr lange dauern, weil ein Material erst sämtliche Anforderungen erfüllen muss, um tatsächlich in einem Auto eingesetzt werden zu können.
Ein zentraler Begriff im Mazda-Design ist „Kodo“. Was bedeutet Kodo für dich?
Kodo beschreibt für mich die Idee, einem Fahrzeug eine bestimmte Körpersprache, Bewegung und ein Gefühl zu geben. Unsere Takumi-Meister und unsere Designer versuchen, diese Energie in die Form des Autos zu übertragen.
Seit wir diese Designsprache etabliert haben, ist sie ein wesentlicher Bestandteil von Mazda. Sie bildet gewissermaßen den Stamm, von dem aus wir unsere Designs immer wieder neu entwickeln.
Genau darin liegt vermutlich die Herausforderung: Wie transportiert man etwas typisch Mazda in die Zukunft, ohne sich ständig zu wiederholen?
Das ist tatsächlich ein schmaler Grat. Man braucht eine klare Linie, die konsequent und konsistent bleibt. Dafür haben wir bestimmte Designprinzipien, die feststehen. Kodo gehört dazu.
Gleichzeitig kommen immer wieder neue Elemente hinzu. Man kann es vielleicht mit einem Signature Dish in der Küche vergleichen: Die grundlegende Handschrift bleibt erkennbar, aber man arbeitet mit neuen Zutaten. Beim Auto können das eine neue Farbe, ein neues Material oder eine neue Antriebstechnologie sein. So entwickelt sich das Design weiter, ohne seine Identität zu verlieren.
Gibt dir ein Elektrofahrzeug bei der Gestaltung eigentlich mehr Freiheit?
Teilweise gibt es mehr Freiheit, teilweise entstehen aber auch neue Einschränkungen. Gerade durch die Batterien muss man sehr hart daran arbeiten, trotzdem eine schlichte, dynamische Form hinzubekommen.
Bei diesem Modell ist uns das meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Man sieht dem Fahrzeug nicht an, dass unter seiner Architektur eine große Batterie steckt. Die Proportionen wirken trotzdem dynamisch und elegant.
Der CX-6e wird in China gefertigt. Wie viel Japan und wie viel China steckt im Design?
Die Fertigung findet in China statt. Aber die Gestaltung und vor allem die Seele des Autos sind sehr stark japanisch geprägt. Gleichzeitig ist der CX-6e das Ergebnis einer engen internationalen Zusammenarbeit. Das Exterieur wurde maßgeblich in unserem europäischen Designzentrum in Oberursel bei Frankfurt entwickelt, der Innenraum gemeinsam von europäischen und japanischen Designern.
Es ist also ein internationales Projekt, dessen gestalterische Identität aber klar mit Mazda und seinen japanischen Wurzeln verbunden bleibt.

Du bist seit 25 Jahren bei Mazda. Wenn du an deine Anfangszeit zurückdenkst: Welche Entwicklung hättest du dir damals kaum vorstellen können?
Mazda war für mich schon immer ein sehr guter Arbeitgeber, gerade wegen der kreativen Möglichkeiten. Was ich mir damals aber kaum vorstellen konnte, ist die Geschwindigkeit, mit der wir heute Dinge entwickeln können.
Durch die Digitalisierung ist vieles sehr viel schneller geworden. Früher waren Entwicklungsprozesse deutlich langsamer. Heute können wir neue Materialien, Farben oder andere Gestaltungselemente wesentlich schneller umsetzen.
Auch bei neuen Farben zeigt sich das. Früher mussten wir sehr lange diskutieren und viele Abstimmungsschleifen durchlaufen. Heute können wir mit einer Idee kommen und sie teilweise erstaunlich schnell realisieren. Vielleicht hat das auch mit dem gewachsenen Vertrauen in die Arbeit der Designteams zu tun.
Was hast du persönlich bei diesem Modell gelernt?
Vor allem, dass manche Dinge tatsächlich schneller möglich sind, als man zunächst denkt. Ein gutes Beispiel sind die Lichtstreifen. Wir konnten relativ schnell davon überzeugen, dass wir sie genau auf diese Weise umsetzen wollen.
Grundsätzlich entstehen solche Dinge natürlich immer im Team. Meine eigene Arbeit beschäftigt sich inzwischen weniger unmittelbar mit dem Produkt und stärker damit, wie wir das Produkt und die Marke präsentieren. Auch dort hat sich viel verändert.
Wir haben beispielsweise mit Formaten wie einem „Director’s Cut“ gearbeitet, etwas, das wir früher in dieser Form nicht gemacht hätten. Dabei haben wir gelernt, dass wir mit etwas sanftem Druck auf unsere Marketingkollegen viele unserer Designideen auch in der Kommunikation verwirklichen können.
Zum Abschluss: Wenn du dieses Auto mit nur drei Begriffen beschreiben müsstest – welche wären es?
Dynamik. Schlichtheit. Und Eleganz.