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Mistral-Chef nennt KI-Regulierung einen US-Trick und kündigt „Large 4″an

Der Mistral CEO warnt vor extremer Abhängigkeit der Europäer bei KI.
BP | KI-generiert mit ChatGPT Der Mistral CEO warnt vor extremer Abhängigkeit der Europäer bei KI.
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Mistral-Chef Arthur Mensch nennt US-Warnungen vor KI-Auslöschung einen Ablenkungstrick. Während sein Unternehmen in München expandiert, bleibt die Bewertungslücke zu OpenAI gewaltig.

Arthur Mensch sitzt in Lederhosen auf der Bühne der Gründerkonferenz Bits & Pretzels in München und der Mistral-Chef holt zum Gegenschlag aus. Die Warnungen amerikanischer KI-Firmen vor einer außer Kontrolle geratenden Künstlichen Intelligenz seien vor allem gutes Marketing, das von der eigenen Fahrlässigkeit bei der Entwicklung ablenke, so Mensch demnach. Das eigentliche Risiko liege für ihn woanders: in der wachsenden Abhängigkeit Europas von fremden Systemen.

Wer seine Modelle richtig baue, verliere die Kontrolle über die Software nicht, sagt Mensch. Der Entwicklungsstopp, über den amerikanische Anbieter wie OpenAI und Anthropic öffentlich diskutieren, sei aus seiner Sicht weniger Vorsicht als Selbstinszenierung. Ob Europa in den kommenden ein bis zwei Jahren unabhängig bleibe, entscheide sich gerade jetzt, so Mensch weiter.

Erstes Büro in Deutschland

Am Rand der Konferenz eröffnete Mistral sein erstes deutsches Büro, wie berichtet. In München sollen Forschungsteams an KI-gestützten physikalischen Simulationen arbeiten, ergänzt durch Ingenieure für Unternehmenskunden. Zum Start nennt das Unternehmen Kooperationen mit BMW und Siemens Energy sowie eine Forschungspartnerschaft mit der Technischen Universität München. Mit BMW arbeite Mistral demnach an KI-gestützten Crashsimulationen, mit Siemens Energy an industriellen KI-Anwendungen. Ein BMW-Verantwortlicher erklärte bei der Podiumsdiskussion zur Büroeröffnung, was früher eine halbe Stunde Auswertungszeit gekostet habe, sei mit der französischen Software auf zwei Minuten geschrumpft.

Demnach beschäftigt Mistral aktuell knapp dreißig Mitarbeitende in München, bis Ende des kommenden Jahres sollen es über hundert werden. Insgesamt arbeite das Unternehmen bereits mit rund zehn deutschen Industriefirmen zusammen. München sei bewusst gewählt, sagt Mensch, weil dort nicht nur gut ausgebildetes Personal, sondern auch potenzielle Kunden mit umfangreichen Datensätzen zu finden seien. Für die Weiterentwicklung von Mistral sei die enge Zusammenarbeit mit solchen Industriebetrieben entscheidend, gerade weil sich dort zeige, wie KI-Agenten mit der Physik der realen Welt umgehen.

Aufholjagd gegen die US-Konkurrenz

Trotz der Expansion droht Mistral der Anschluss an die Weltspitze zu entgleiten. Der hauseigene Chatbot Le Chat galt laut NZZ noch vor einem Jahr als konkurrenzfähig mit ChatGPT und Claude, inzwischen liegen Mistrals Modelle im Ranking-Tool Chatbot-Arena deutlich zurück. Mensch räumte demnach ein, dass sein Unternehmen bei Sprachmodellen hinterherhinke, kündigte aber für die kommenden Tage mit „Large 4“ ein neues Spitzenmodell an, das die Lücke schließen soll.

Auch finanziell bleibt der Abstand gewaltig: Investoren bewerten Mistral mit 21 Mrd. Dollar, OpenAI kommt auf knapp 850 Mrd. Dollar. Erst Anfang September sammelte Mistral bei der bislang größten Finanzierungsrunde eines europäischen Start-ups drei Milliarden Euro ein. Das Kapital soll auch Personal, Rechenkapazitäten und den Ausbau der Standorte außerhalb Frankreichs absichern, während sich der Wettbewerb um Sprachmodelle immer schneller dreht.

Vom Chatbot zum Industriepartner

Mensch reagiert auf die Bewertungslücke mit einer strategischen Neuausrichtung. Ein Chatbot für Endkunden sei nicht mehr das Hauptprodukt, die größeren Chancen lägen im Geschäft mit Unternehmen, so Mensch. Ziel sei eine Technologiepartnerschaft, die die gesamte Wertschöpfungskette der KI abdecke, wie sie etwa der Chip-Ausrüster ASML nutzt: Das niederländische Unternehmen hatte vor einem Jahr eine Beteiligung an Mistral über 1,3 Mrd. Euro verkündet und erhält im Gegenzug Zugang zu einem KI-Agenten, der vollständig auf eigenen Servern des Kunden läuft.

Auch die Übernahme des österreichischen Start-ups Emmi AI im Mai passt in dieses Bild, wie berichtet: Mehr als dreißig Physiker, Forscher und Ingenieure wechselten damit zu Mistral, um das neue Geschäftsfeld Physics AI aufzubauen. Solche Systeme sollen physikalische Vorgänge wie Strömungen oder Materialverformungen deutlich schneller berechnen als klassische Simulationen. Bis 2030 will Mistral in Europa Rechenkapazitäten von bis zu einem Gigawatt aufbauen. Damit positioniert sich das Unternehmen weniger als Konkurrent zu ChatGPT im Massenmarkt, sondern als Infrastrukturanbieter für Industriebetriebe, die eigene Daten nicht in fremde Cloud-Systeme geben wollen.

Abhängig von US-Chips

Mensch beschreibt KI-Systeme laut NZZ als künftige strategische Rohstoffe, vergleichbar mit Energie oder kritischen Metallen. Keine Industriefirma wolle solche Daten unkontrolliert in die Server eines amerikanischen Tech-Konzerns einspeisen, sonst drohe der Verlust des Zugangs zu diesen Systemen.

Mistral selbst ist für seine Dienste allerdings auf Hochleistungschips von Nvidia angewiesen und hat im Juli ein milliardenschweres Abkommen mit Microsoft über die Nutzung seiner Modelle geschlossen. Autonomie bedeute eben nicht Autarkie, entgegnet Mensch der Kritik daran.

Business Punk Check

Wer europäische KI-Souveränität predigt und gleichzeitig ohne Nvidia-Chips nicht liefern kann, sitzt in einem strukturellen Widerspruch. Mensch erklärt die Microsoft-Partnerschaft und die Chip-Abhängigkeit mit dem Argument, Autonomie bedeute nicht Autarkie. Das ist plausibel, löst aber nicht das Grundproblem: Solange die Hardware aus den USA kommt, bleibt jede Souveränitätserzählung an eine fremde Lieferkette gekoppelt.

Die Bewertungslücke zu OpenAI liefert den nüchternen Gegencheck zur Münchner Aufbruchsstimmung. Drei Milliarden Euro Frischgeld und ein neues Büro klingen nach Momentum, ändern aber wenig daran, dass Mistral mit 21 Mrd. Dollar bewertet wird, während OpenAI bei fast 850 Milliarden liegt. Für Industriekunden wie BMW oder ASML zählt am Ende, ob Mistrals Wette auf maßgeschneiderte Firmenlösungen trägt, oder ob die Modell-Lücke zu den US-Anbietern schneller wächst, als neue Partnerschaften sie schließen können.

Auf einen Blick

  • Mistral eröffnete während der Konferenz Bits & Pretzels sein erstes deutsches Büro in München mit Kooperationen von BMW, Siemens Energy und der TU München.
  • Investoren bewerten Mistral mit 21 Mrd. Dollar, während OpenAI laut NZZ auf knapp 850 Mrd. Dollar kommt.
  • Mistral sammelte Anfang September drei Milliarden Euro in der größten Finanzierungsrunde eines europäischen Start-ups ein und will bis 2030 in Europa eine Rechenkapazität von bis zu einem Gigawatt aufbauen.
  • Mistral-Chef Arthur Mensch warnt vor Abhängigkeit von US-Systemen, während sein Unternehmen selbst auf Nvidia-Chips und eine Microsoft-Partnerschaft angewiesen ist.

Quellen: Nzz, Golem, Heise, KI-unterstützt

Portrait Uli Weißgerber

Uli Weißgerber

Seit über 25 Jahren bewegt er sich an der Schnittstelle von Medien, Marketing und Technologie. Stationen? Sport1, ProSiebenSat.1, Bertelsmann – er war beim Start von Sport1.de dabei hat unter anderem die erste Affiliate-Kampagne in Polen ausgerollt hat. Später hat er mit getperformance das erste TV-Performance-Tracking entwickelt und Marken wie Trivago ins Fernsehen katapultiert. Als Gesellschafter von Promipool wurde er Publisher und baute ein starkes, unabhängiges Content-Portfolio auf. Heute bringt er mit seinem Team und Partnern eigene, komplexe KI-Workflow-Lösungen in Verlage und Agenturen, die mehr können als Buzzwords – unter anderem steuern sie die komplette digitale Plattform von Business-Punk.com.