Quanten-Hype: eleQtron-Chef warnt vor „Made in Europe“-Illusion
Jan Henrik Leisse, CEO von eleQtron, dämpft Erwartungen an den universellen Quantencomputer und fordert von Banken sofortige Post-Quanten-Kryptografie.
Jan Henrik Leisse, CEO und Mitgründer des Siegener Quanten-Start-ups eleQtron, hat 57 Mio. Euro Series-A-Kapital eingesammelt, angeführt von Schwarz Digits und dem EIC Fund.
Trotzdem widerspricht er dem Narrativ, Europa könne sich allein auf seine wissenschaftliche Stärke verlassen. Im Interview mit Trending Topics sagt er, dass ein Quantencomputer ein Spezialwerkzeug bleibe und klassische Supercomputer für die meisten Aufgaben weiterhin überlegen seien. Glaubwürdigkeit zähle für die Branche derzeit mehr als das spektakulärste Versprechen, so Leisse demnach.
Europas Stärke ohne Industrie
Leisse sieht Europa wissenschaftlich und technologisch stark aufgestellt, vor allem bei Ionenfallen-Architekturen wie der von eleQtron selbst entwickelten MAGIC-Technologie, die Qubits per Mikrowelle statt mit komplexen Lasersystemen steuert.
Demnach betont er jedoch, dass es derzeit keine einzelne globale Spitzenposition gebe: Die USA hätten Vorteile bei Kapital und Skalierungstempo, während weltweit unterschiedliche Hardware-Ansätze von supraleitenden Qubits bis zu neutralen Atomen konkurrieren. Die entscheidende Frage der kommenden Jahre sei, ob Europa seine Forschungsstärke in industrielle Unternehmen und skalierbare Produkte übersetzen könne. Genau dort, sagt Leisse, werde das Rennen entschieden; nicht im Labor.
Souveränität ist kein Ersatz
Der zentrale Satz des Interviews richtet sich gegen ein politisch beliebtes Argument: Wenn Technologie nicht wettbewerbsfähig sei, helfe auch „Made in Europe“ auf Dauer nicht, sagt Leisse demnach. Leistung, Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit seien die Eintrittskarte, die europäische Herkunft lediglich ein zusätzlicher Aspekt, relevant vor allem für Kunden mit kritischer Infrastruktur oder sensiblen Daten. eleQtron baut parallel mit der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland eine eigene Chipfertigung auf; ein erster Produktionsschritt, eine Ionenfalle auf Glassubstrat mit integrierten Mikromagneten, wurde laut eigenen Angaben bereits von Fraunhofer ISIT geliefert.
Konkurrenz kommt unter anderem vom britischen Start-up Universal Quantum, das jüngst 100 Mio. Dollar Series-A-Kapital einsammelte.
Kryptografie-Uhr tickt jetzt
Besonders dringlich wird Leisse bei der Frage der IT-Sicherheit. „Harvest now, decrypt later“ bedeute, dass verschlüsselte Daten schon heute abgefangen und gespeichert werden, um sie später mit leistungsfähigeren Quantencomputern zu entschlüsseln, erklärt er demnach.
Für Informationen, die zehn oder zwanzig Jahre vertraulich bleiben müssen, beginne das Risiko also bereits jetzt, nicht erst am sogenannten Q-Day. Banken, Behörden und Betreiber kritischer Infrastruktur sollten ihre kryptografischen Abhängigkeiten umgehend erfassen und eine Migrationsstrategie für Post-Quanten-Kryptografie entwickeln, da die Umstellung großer IT-Landschaften Jahre dauere. Europäische Sicherheitsbehörden trieben diesen Prozess bereits voran.
Business Punk Check
Ein CEO, dessen Firma von Schwarz Digits und dem EIC Fund mit 57 Mio. Euro ausgestattet wurde, verzichtet demonstrativ auf das große Versprechen vom Quantencomputer, der alles löst. Das ist bemerkenswert, weil Zurückhaltung in einer hypegetriebenen Branche Kapital eher erschwert als erleichtert.
Gleichzeitig bleibt offen, ob eleQtrons Mikrowellen-Ansatz tatsächlich skaliert, bevor Wettbewerber wie Universal Quantum mit mehr Kapital vorbeiziehen. Die Post-Quanten-Warnung richtet sich an eine Zielgruppe, die selten eilig handelt: Banken und Behörden. Ob die Dringlichkeit, die Leisse beschreibt, in konkreten Migrationsbudgets ankommt, lässt sich von außen derzeit nicht überprüfen.
Auf einen Blick
- eleQtron hat eine Series A über 57 Mio. Euro abgeschlossen, angeführt von Schwarz Digits und dem EIC Fund.
- CEO Jan Henrik Leisse widerspricht dem Narrativ, europäische Herkunft allein mache Quantentechnologie wettbewerbsfähig.
- Leisse fordert Banken und Behörden auf, schon jetzt mit der Migration zu Post-Quanten-Kryptografie zu beginnen, wegen des „Harvest now, decrypt later“-Risikos.
- eleQtron setzt auf eine Mikrowellen-Steuerung von Ionenfallen-Qubits und baut mit der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland eigene Chipfertigung auf.
Quellen: Trendingtopics, KI-unterstützt