Vom Hengst zum Gaul
Ferrari schaltet den V12 ab und Jony Ive ein. Die Folge: Eine Branche trägt Trauerflor. Gejault wird zurecht, leider nur über das Falsche. Eine mehr als lesenswerte Kolumne unserer Expertin Susie von den Stemmen.
Eine Kolumne von Susie von den Stemmen

Ferrari hat einen Knopf gedrückt, und ein ganzes Milieu hat sich eingenässt. Der „Luce“, erstes Serien-Elektroauto aus Maranello: über 1.000 PS, 2,5 Sekunden auf 100, rund 550.000 Euro, gezeichnet von Jony Ive, dem Mann, der dem iPhone seine Form gab. Die Börse quittierte das mit acht Prozent Minus an einem einzigen Nachmittag, das Internet schlicht mit „Handstaubsauger“.
Ich finde das großartig. Nicht das Auto, die Panik. Denn was hier stirbt, ist nicht die Seele einer Marke. Es ist diese Lebenslüge, dass man den Fortschritt feiern darf, solange er die eigene Spielzeugkiste nicht anfasst. Der Chor der Beleidigten ist prominent besetzt: Luca di Montezemolo, jahrzehntelang Ferrari-Chef, nannte den Wagen eine Schande und wünschte sich, „man möge das springende Pferd besser gleich vom Kühlergrill nehmen.“ Pikant: Der Mann sitzt heute im Aufsichtsrat von McLaren. Heimatliebe ist eben Verhandlungssache. Auch Vize-Premier Matteo Salvini litt öffentlich mit und fragte, „was wohl Enzo dazu sagen würde.“ Ein Verkehrsminister, der 2026 einem E-Auto die Existenzberechtigung abspricht – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Kleine Genugtuung am Rande: Ausverkauft ist er trotzdem, die gesamte Jahresproduktion 2026 vergeben, die längste Warteliste kommt ausgerechnet aus China.

Mein Punkt: Diese Empörung ist keine wirkliche Ansichtssache, sie ist Scheinmoral in Lederausstattung. Dasselbe Publikum, das Hafermilch bestellt und den CO2-Fußabdruck der Avocado auswendig kennt, bekommt feuchte Augen, sobald ein Zwölfzylinder die Innenstadt vollbrüllt. Grüner Konsum bis zur Garage, ab da: heilige Romantik, bitte recht laut. Dabei war jede Legende zur Geburt ein Skandal. Der „F40“ auch. CEO Benedetto Vigna spricht von einem „neuen Kapitel“. Übersetzt heißt das: Schluss mit dem Weinen um eine Vergangenheit, die selbst mal ein Bruch war.
Deshalb mein Vorschlag zur Güte: Behaltet eure alten Gäule. Poliert sie, fahrt sie sonntags auf die Rennstrecke, gebt Vollgas, bis die Ohren bluten, da gehören sie hin. Aber bastelt keine Moral daraus. Wer das springende Pferd anbetet, mit 1.000 Pferdestärken durch die Gegend orgelt und sich für den Bewahrer einer reineren Welt hält, kann auch gleich konsequent sein und den Hengst in die Wurst packen.
Fotos FOTO: NICK DIMBLEBY, FERRARI, AUFMACHERBILD:KI-GENERIERT MIT CHATGPT (OPENAI)