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Anthropic-Börsenprospekt: Was wirklich drinsteht – der Verlust ist nicht das Problem

Anthropics 50,1 Prozent-Kontrolle über die Mehrheit
BP | KI-generiert mit ChatGPT Anthropics 50,1 Prozent-Kontrolle über die Mehrheit
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Lesezeit3 Min · 696 Wörter

Rekordverlust im Prospekt, Rekordwachstum direkt daneben. Beides stimmt, nur nicht so, wie es klingt. Die Zahlen dazu.

Der Börsenprospekt, den Anthropic am 26. Oktober bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht hat, beginnt mit einer Zahl, die Anleger zum Weiterblättern bringt: 80,7 Milliarden Dollar Nettoverlust im ersten Halbjahr 2026. Wer weiterliest, findet die eigentliche Geschichte. Sie steht im Kapitel über die Macht.

Der Rekordverlust ist Buchhaltung

Zunächst zum Schreckensposten. Von den 80,7 Milliarden Dollar entfallen laut Private Banking Magazin 72,4 Milliarden auf Bewertungsänderungen bei Wandelanleihen und ähnlichen Instrumenten, die der Prospekt vor allem mit der gestiegenen Unternehmensbewertung begründet. Kein Geld ist abgeflossen. Die Papierschuld wächst, weil Anthropic mehr wert ist. Der operative Verlust im Halbjahr beträgt demnach 693 Millionen Dollar.

Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2025 stand laut Yahoo Finance ein Verlust von 42 Milliarden Dollar bei 4,6 Milliarden Dollar Umsatz. Im ersten Halbjahr 2026 liegt der Umsatz bei 16,3 Milliarden Dollar, nach 1,2 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Ein Unternehmen, das seinen Umsatz in zwölf Monaten mehr als verzehnfacht, ist kein klassischer Brenner. Es ist ein Unternehmen, dessen Bilanz die eigene Bewertung abbildet.

Wachstum mit Haken

Dass die Kasse klingelt, ist belegt. Zum 30. September zählte Anthropic mehr als 11.900 Geschäftskunden mit mindestens 100.000 Dollar Jahresumsatz. Der Haken: Nach dem Bericht von Yahoo Finance stammt rund ein Fünftel des Umsatzes von nur zwei Kunden.

Dazu kommt die Rechnung für die Rechenzentren. Langfristige, verbindliche Cloud-Verträge summieren sich laut Yahoo Finance auf mehr als 430 Milliarden Dollar, unter anderem mit Amazon und Google. Allein bei SpaceX will Anthropic bis 2029 bis zu 120,5 Milliarden Dollar für Rechenkapazität ausgeben. Wachstum, das zuerst Verträge bindet und erst dann Gewinne liefert, braucht Anleger mit Geduld.

Und mehr als 90 Seiten Risikofaktoren, so The Information, lesen sich nicht wie Routine.

Wer zahlt, darf nicht mitreden

Der interessanteste Absatz des Prospekts hat mit Geld wenig zu tun. Anthropic ist eine Public Benefit Corporation. Ein Treuhandvehikel, der Long-Term Benefit Trust, bestimmt laut Private Banking Magazin die Mehrheit des Verwaltungsrats. Und eine von den sieben Mitgründern gehaltene Gesellschaft, die Founder LLC, kontrolliert 50,1 Prozent der Stimmrechte, ohne wirtschaftliche Ansprüche am Unternehmen zu haben.

Für Käufer von Class-A-Aktien heißt das: Sie finanzieren das Wachstum, bei wichtigen Entscheidungen haben sie kaum Einfluss. Der Prospekt räumt das nach Angaben des Private Banking Magazins selbst ein. Die Stimmrechtsmehrheit der Gründer soll laut Der Aktionär erst entfallen, wenn höchstens zwei der sieben Mitgründer im Unternehmen verbleiben.

Was jetzt kommt

Die Aktie soll an der Nasdaq unter dem Kürzel ANT gehandelt werden, Goldman Sachs und Morgan Stanley begleiten den Börsengang, so Anthropic selbst. Angebotsgröße und Preisspanne stehen noch nicht fest. Die Vermarktung könnte laut Bloomberg in der Woche ab dem 9. November beginnen.

Offen bleibt die Bewertung. Zuletzt wurde Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertet. Dass Investoren mindestens zwei Billionen Dollar erwarten, ist bislang Bericht und Spekulation, bestätigt ist es nicht.

Business Punk Check

Der Prospekt erzählt zwei Geschichten gleichzeitig: Eine Wachstumsrakete, deren Verlustzeile vor allem Bewertungsmathematik ist, und eine Konstruktion, in der Gründer und Trust die Entscheidungen treffen, während Aktionäre das Kapital liefern. Die gefährlichere Zahl ist nicht 80,7 Milliarden, sondern 50,1 Prozent.

Für Unternehmer:innen und Entscheider:innen lohnt sich die Frage, wie abhängig das eigene Geschäft von einem Anbieter wird, dessen Kunden- und Vertragsstruktur so konzentriert ist. Und wer als Anleger mit dem Gedanken spielt, sollte Wachstum und Mitsprache getrennt bewerten. Das ist keine Empfehlung, sondern die Prüfliste, die der Prospekt selbst liefert.

Auf einen Blick

  • Anthropic hat am 26. Oktober 2026 einen Börsenprospekt (Form S-1) bei der SEC eingereicht und plant die Notierung an der Nasdaq unter dem Kürzel ANT.
  • Im ersten Halbjahr 2026 stehen 16,3 Milliarden Dollar Umsatz einem Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar gegenüber, wovon 72,4 Milliarden auf Bewertungsänderungen entfallen und der operative Verlust 693 Millionen Dollar beträgt.
  • Die Founder LLC der sieben Mitgründer hält 50,1 Prozent der Stimmrechte, während der Long-Term Benefit Trust die Mehrheit des Verwaltungsrats bestimmt.
  • Angebotsgröße, Preisspanne und Termin stehen nicht fest, nach Medienberichten könnte die Vermarktung ab der Woche des 9. November beginnen.

Quellen: Anthropic, Yahoo Finance, Private Banking Magazin, Der Aktionär, wallstreet-online, The Information

Portrait Uli Weißgerber

Uli Weißgerber

Seit über 25 Jahren verbindet er Medien, Marketing und Technologie. Von Sport1.de über ProSiebenSat.1 und Bertelsmann bis zur Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle. Mit getperformance revolutionierte er das TV-Tracking und brachte Marken wie Trivago ins Fernsehen. Als Unternehmer entwickelte er mit seinem Team den VIPS – Value & Impact Publishing Service und bespielt damit unter anderem digitale Plattformen wie Promipool, Buzzfeed.de und Business-Punk.com.