Work Hard · Mental Health

System-Overload für die Seele

System-Overload für die Seele
Unsplash/ Igor Omilaev
Erschienen
Lesezeit2 Min · 414 Wörter

Psychische Belastungen explodieren, Therapieplätze fehlen – und ein überfordertes Gesundheitssystem verwaltet die Krise, statt sie zu verhindern. Prof. Jörg Risse rechnet mit einer Versorgungslogik ab, die Krankheit belohnt, Prävention vernachlässigt und Menschen systematisch krank warten lässt. Aus unserem aktuellen Heft „It’s a Match“.

Awareness reicht nicht. Das Mental-Health-System ist am Limit.

Ein Kommentar von Professor Jörg Risse

Mental Health ist kein Trend, es ist ein gesellschaftlicher Stresstest in einem System, das permanent überreizt ist: digital, ökonomisch, sozial. Wir haben mehr Offenheit und weniger Stigma, doch was dahinter zum Vorschein kommt, ist ein Versorgungsapparat, der seiner Verantwortung nicht gerecht werden kann. Die brutale Wahrheit lautet: Wir haben die Ursachen für psychische Belastungen industrialisiert und die Lösungen individualisiert. Das kann und wird auf lange Sicht nicht funktionieren. Das Kernproblem ist unsere reaktive Logik im Gesundheitswesen: Wir vergüten Therapie, investieren aber nicht in Prävention. Während die Nachfrage explodiert, weil sich Menschen und die Arbeitswelt radikal verändern, verharrt das System in alten Strukturen, die nie für diesen Ansturm geschaffen wurden. Das Resultat sind Wartezeiten, die in der Onkologie ein Skandal wären, in der Psychotherapie aber als normal hingenommen werden. Diese Verzögerungen sind aber keine neutrale Pause, sondern ein Beschleuniger für Chronifizierung. Wir warten Menschen systematisch krank. Psychische Erkrankungen eskalieren ohne Behandlung: Symptome verfestigen sich, soziale Netze reißen, Lebensbereiche brechen weg.

Professor Jörg Risse „UNSER SYSTEM IST EIN BUSINESSMODELL FÜR MENTALE KRANKHEIT, NICHT GESUNDHEIT. ES BELOHNT DIE KRISE UND BESTRAFT DIE VORSORGE. DAS IST KEINE PANNE, DAS IST DESIGN.“

Die Arbeitswelt ist ein Brandbeschleuniger: Getrieben von Überlastung, Unsicherheit und permanenter Erreichbarkeit, individualisiert sie ein strukturell erzeugtes Problem. Awareness bedeutet also nicht, dass es einen Therapieplatz gibt. Dazu fehlen Fachkräfte, passende Vergütungslogiken, verzahnte Zuständigkeiten und niedrigschwellige Angebote. Die Lösung für dieses Dilemma: Wir müssen das System von Krise auf Stabilität drehen, raus aus der Spezialnische und rein in die Strukturen, in denen Menschen leben und arbeiten. Drei Hebel sind zentral: Erstens, Frühintervention durch niedrigschwellige, auch digitale Angebote, bevor Diagnosen nötig sind. Zweitens, die Arbeitswelt als Versorgungsplattform nutzen, in der Führung mehr Gesundheitsverantwortung übernimmt. Drittens, neue, hybride Versorgungsmodelle etablieren, die digital, ambulant und communitybasiert sind. Wir müssen aufhören, über mentale Gesundheit nur zu reden, und anfangen, sie zu organisieren. Denn ein gutes System erkennt Krisen nicht nur, es verhindert sie.

Bild: Professor Jörg Risse verfügt über mehr als 20 Jahre Management- und Consultingerfahrung im Gesundheitswesen und war vor der Gründung seines Unternehmens VicondoHealthcare bei international tätigen Management- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sowie als Vorstand einer Universitätsklinik tätig.

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