briefing · China

Ein Kinosaal, 1 Zuschauer

Chinas erster vollständig KI-generierter Kinofilm floppt an den Kinokassen. Warum die Technik überzeugt, das Geschäftsmodell aber scheitert.
Lennon Cheng
Erschienen
Lesezeit5 Min · 987 Wörter

Seit dem 23. Oktober läuft in China ein Film, den ich mir gern in einem vollen Saal in Shanghai angesehen hätte. »Sanxingdui: Future Past« ist der erste abendfüllende Spielfilm, der komplett mit KI hergestellt wurde und trotzdem eine ganz normale Kinozulassung der chinesischen Behörden bekommen hat. Hundert Minuten, mehr als 10.000 Vorstellungen am ersten Tag. Nach dem Wochenende lag das Einspiel bei rund 1,15 Millionen Yuan, das sind etwa 140.000 Euro, und pro Vorstellung saßen im Schnitt 1,1 Zuschauer im Saal. Die Aktie der Produktionsfirma Bona in meinem Portfolio war am Tag der Startankündigung noch ans Tageslimit gestiegen. Am Montag danach verlor sie zur Eröffnung zehn Prozent.

In China wird das jetzt als Flop abgehakt. Mir ist das zu einfach. Meine Einschätzung: Die Technik funktioniert, das Geschäft nicht.

Bona ist kein Start-up, sondern eines der großen Studios des Landes, und die KI-Abteilung dort gibt es seit Ende 2023. Knapp hundert Leute haben zwei Jahre an dem Film gearbeitet, aufgeteilt in 17 Gewerke wie bei einem normalen Dreh, nur eben ohne Dreharbeiten. Das Budget soll über zehn Millionen Yuan gelegen haben, gut 1,2 Millionen Euro. Die Bilder stammen aus dem Videogenerator Vidu, einem Pekinger Modell, und wurden auf einer eigenen Plattform weiterverarbeitet. 1,2 Millionen generierte Einzelbilder, über hundert komplette Schnittfassungen, Gesichtsregungen Bild für Bild von Hand nachgezogen. Keine der Figuren ist der Scan eines echten Schauspielers, alle sind erfunden. Zugelassen wurde das Ganze als Animationsfilm, geprüft wie jeder andere Film auch. Die Handlung: nahe Zukunft, die Menschen überlassen ihre Entscheidungen den Algorithmen, es geht schief, und die Rettung steckt in Zeichen auf dreitausend Jahre alten Bronzen aus Sanxingdui. Ein Film über das Abgeben von Entscheidungen an Maschinen, gemacht von Maschinen. Das war wohl Absicht, auch wenn es etwas konstruiert wirkt.

Dass das technisch geht, hätte vor zwei Jahren niemand gedacht. Es geht. Die Kette von der Figur über das Set bis zur Postproduktion hält hundert Minuten durch. Nur wollte es keiner sehen. Jiang Defu, der Chef von Bona, hat das in einem Interview erstaunlich offen gesagt: Man sei die Ersten, die es versuchen, die Ersten mit Zulassung, die Ersten, die sich vom Publikum testen lassen, und leicht sei das alles nicht. Eine Frau, die bei einer kostenlosen Preview war, sagte einer Nachrichtenagentur, dafür hätte sie kein Geld ausgegeben. Wenn KI irgendwann so aussehe wie »Avatar«, dann schon.

Dabei hat KI in China längst gewonnen, nur eben woanders, dort, wo der Preis alles entscheidet. Zwischen Januar und August sind dort 430.000 Vertical-Serien fürs Handy erschienen, dreizehnmal so viele wie im ganzen Jahr davor, und über neunzig Prozent davon hat eine Maschine gemacht. Eine KI-Serie mit fotorealistischen Figuren kostet 60.000 bis 100.000 Yuan, eine gedrehte in derselben Größe mehr als eine halbe Million. Allein im September haben solche Serien auf Douyin über 200 Milliarden Abrufe eingesammelt. Aus dieser Welt kommt auch der Sanxingdui-Film, er ist die Verlängerung einer KI-Kurzserie von 2024, die fast 200 Millionen Mal angeklickt wurde. Umsonst auf dem Handy nimmt das Publikum das, für dreißig Yuan im Kinosessel offenbar nicht. Wenn man diese Zahlen vor sich hat, versteht man trotzdem, warum Bona es probiert hat.

Zwei Dinge aus diesem Billigmarkt sollte man trotzdem mitnehmen. Erstens haben von den KI-Serien des ersten Halbjahres nach einer Branchenschätzung nur 1,3 Prozent ihre Kosten wieder reingeholt. Wenn jeder alles billig herstellen kann, bleibt das Geld bei den Plattformen hängen, nicht bei denen, die produzieren. Zweitens hat die chinesische Medienaufsicht im September angekündigt, gedrehte Serien mit echten Schauspielern zu fördern, mit eigenen Rubriken auf den Plattformen und mit Geld. Derselbe Staat, der die KI-Produktion über seine Lokalregierungen subventioniert, holt die Menschen jetzt zurück auf den Bildschirm. Das fand ich bemerkenswert.

Ich bin kein Gegner dieser Technik, im Gegenteil. In meinen Produktionen läuft sie überall mit, bei der Stoffentwicklung, in der Produktion, in der Postproduktion, im Marketing, im Büro sowieso. Das wird mehr, nicht weniger, und ich kenne in der Branche niemanden mehr, der ernsthaft dagegenhält, auch wenn es einem in Deutschland nicht gerade leicht gemacht wird. Herstellen wird billiger und schneller und vieles wird dabei auch besser. Herstellen ist aber nicht dasselbe wie Erfinden. Die Idee, und vor allem die Entscheidung gegen das Naheliegende, kommen bisher von Menschen, und ich habe noch kein Modell gesehen, das daran etwas ändert. Der Produzent des Sanxingdui-Films, Qu Jixiaojiang, hat zwei Jahre am Rechner verbracht und sagt es so: Aufgaben kann man an die KI abgeben, Urteil und Verantwortung nicht.

Bleiben die Gesichter. Bona hat bewusst keine echten Schauspieler nachgebaut, sondern eigene Figuren erfunden. Rechtlich klug, kommerziell wahrscheinlich das größte Handicap. Niemand kannte diese Leute, also ist niemand ihretwegen hingegangen. Ein Star ist eben mehr als ein Gesicht, das sich fotorealistisch kopieren lässt. Er bringt ein Leben mit, die Filme davor, die Interviews, die Skandale, das Altern, die Scheidung, den Satz auf der Bühne, der danebenging. Das Publikum kauft eine Beziehung, die über Jahre gewachsen ist, und es weiß, dass dieser Mensch mit seinem Namen für den Film geradesteht, auch wenn der Film nichts taugt. Jeder Verleiher weiß, wofür er seine Minimumgarantie zahlt. Eine generierte Figur hat nichts zu verlieren, und das sieht man ihr an. Hollywood versucht es in diesem Winter trotzdem, ein komplett generierter Science-Fiction-Film startet im Dezember in den USA, und die synthetische Darstellerin Tilly Norwood ist für einen Spielfilm besetzt. Ich lasse mich gern überraschen, aber ich rechne nicht damit.

Bona sagt, es sei nie um Gewinn gegangen, man habe die Produktionskette im Kino testen wollen. Das glaube ich sogar. Der Test ist bestanden. Der nächste Film dieser Art wird besser und billiger, der übernächste auch. Was ich nicht weiß, ist, ob irgendwann jemand eine Geschichte hat, die man nur so erzählen kann, und ob dann mehr als 1,1 Leute im Saal sitzen.

Martin Moszkowicz ist Filmproduzent, Professor an der HFF München und Präsident des Zurich Film Festival.

Portrait MartinM

MartinM

Gast Autor

Martin Moszkowicz zählt zu den einflussreichsten Filmproduzenten Deutschlands. Als langjähriger Vorstandsvorsitzender der Constantin Film verantwortete er internationale Kinoerfolge wie Resident Evil, Fack ju Göhte, Das Parfum und Der Untergang. Insgesamt war er an mehr als 300 Film- und Fernsehproduktionen beteiligt. Heute ist er Filmproduzent, Honorarprofessor an der Hochschule für Fernsehen und Film München und Präsident des Zurich Film Festival. Für Business Punk schreibt er regelmäßig Gastbeiträge über die Filmindustrie, die wirtschaftlichen Entwicklungen der Entertainmentbranche und den Einfluss neuer Technologien auf das Filmgeschäft.