AnlagePunk Hidden Champions? Nein danke!

Hidden Champions? Nein danke!

Deutschland ist stolz auf seine Weltmarktführer. Wenn sie aber zum Verkauf stehen, will sie kaum einer haben. Wieso? Patrick Dewayne gibt in unserem neuen Heft „Invest in Innovation“ im Special AnlagePunk die Antwort.

Text: Patrick Dewayne, Finanzjournalist, Beststellerautor und Ex-Banker

Deutschland hat Weltmarktführer wie andere Leute Familienrezepte: streng gehütet, leicht verklärt – und wenn man ehrlich ist, weiß niemand so genau, ob es noch funktioniert, wenn man’s wirklich kochen muss.

Auf dem Papier sind unsere Hidden Champions die perfekte Story: Nischenkönige, Exportmaschinen, Ingenieurskunst. In der Realität sind viele davon gerade kein „German Miracle“, sondern ein M&A-Fall mit Fieber. Nicht, weil das Produkt schlecht ist. Sondern weil das System drumherum die Firma krank macht.

Die erste Diagnose: Nachfolge.

Sie klingt wie ein weiches Thema, ist aber harte Bilanz. Laut der staatlichen Förderbank KfW sind 57 Prozent der Mittelstandslenker 55 Jahre und älter. Vor 20 Jahren waren es nur 20 Prozent. Und jetzt die Zahl, die wie eine Sirene klingt: Bis 2029 könnten jährlich rund 114.000 Unternehmen schließen. Nicht aufgrund von Insolvenz. Sondern weil niemand mehr am Steuer sitzt. Fast jede vierte Firma erwägt Stilllegung. Und fast die Hälfte sagt: In der Familie will es keiner übernehmen.

Für Investoren ist das kein Bauchgefühl, das ist Risiko-Mathematik: Wenn der Gründer geht, geht mit ihm das Kundenvertrauen, die Preislogik, die Kultur – manchmal sogar die komplette Vertriebsmaschine. Owner-Dependence ist in Deutschland nicht die Ausnahme, sondern die DNA vieler Betriebe. Und DNA ist im Deal schwer umzuschreiben.

Zweite Diagnose: Bürokratie.

Klingt banal, ist aber das deutsche Hochrisiko-Asset. 42 Prozent nennen sie als Grund, warum sie dichtmachen wollen. Das ist Rekord. Und wer schon einmal eine Nachfolge oder einen Verkauf begleitet hat, weiß: In Deutschland gibt es zwei Deals. Den echten und den mit den Formularen. Register, Meldungen, Prüfungen, Auflagen, steuerliche Knoten. Es ist, als würde man ein Unternehmen verkaufen und gleichzeitig eine Verwaltungsakte vererben.

Dritte Diagnose: Kreditklemme.

Banken sind vorsichtiger geworden, Eigenkapital teurer, Finanzierung komplexer. Für Käufer heißt das: mehr Struktur, mehr Sicherheiten, mehr Zeit. Für Verkäufer heißt es: weniger Wettbewerb, niedrigere Bewertungen. In einem Markt, in dem Timing alles ist, wird Finanzierung plötzlich zum Nadelöhr.

Vierte Diagnose: Außenhandel.

Deutschland ist Exportnation – und damit abhängig. Wenn Zölle wie von einem DJ am Regler gedreht werden, wird aus kalkulierbarem EBIT schnell ein Fragezeichen mit Lieferkette. Innenpolitisch läuft parallel die nächste Unsicherheitsschleife: Erbschaftsteuer. Die Debatte ist toxisch, weil sie in einer ohnehin schwachen Investitionsphase zusätzliche Unklarheit in die Nachfolge bringt. Was passiert steuerlich wirklich? Welche Ausnahmen bleiben? Wie wird gestundet? Das ist nicht nur Politik – das ist Timing-Risiko. Und Timing ist im M&A der teuerste Posten.

Also: Warum meiden Investoren deutsche Hidden Champions?

Weil sie nicht das Produkt fürchten, sondern den Kontext: Alter, Abhängigkeit, Bürokratie, Finanzierung, Außenhandel, Steuerunsicherheit. Deutschland hat großartige Firmen – aber oft ohne Übergabefähigkeit.

Die gute Nachricht: Genau darin liegt die Chance.

Wer den Mittelstand nicht als „Einzelstück“ betrachtet, sondern als Baukasten, kann Value schaffen: Buy-and-Build, Roll-ups, professionelles Management, gemeinsame Einkaufs- und Vertriebsstrukturen. Drei Betriebe mit je 700.000 Euro EBIT sind einzeln zu klein für die großen Player – zusammen sind sie plötzlich relevant. Nicht durch Magie. Durch Struktur. Durch Synergien, die diesmal nicht Predigt sind, sondern Prozess.

Deutschlands Weltmarktführer sind nicht am Ende. Sie sind überlastet. Und die Frage ist nicht, ob Investoren kommen, sondern ob wir endlich Bedingungen schaffen, unter denen sie bleiben.

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