AnlagePunk Warum kluge Anleger nicht auf jede Krise reagieren

Warum kluge Anleger nicht auf jede Krise reagieren

Von Dennis Puschmann

Krisen sind an der Börse kein Ausnahmezustand. Sie gehören dazu.

Trotzdem fühlt sich jede neue Krise erst einmal besonders an. Krieg im Nahen Osten, steigende Ölpreise, neue Zolldebatten oder politische Unsicherheit: Für Anleger entsteht schnell der Eindruck, dass diesmal wirklich alles anders ist.

Genau an diesem Punkt zeigt sich Erfahrung. Denn erfahrene Anleger fragen nicht zuerst: „Was muss ich jetzt sofort tun?“ Sie fragen: „Hat sich an meiner Strategie wirklich etwas geändert?“

Das klingt unspektakulär. Aber es ist einer der wichtigsten Unterschiede im Erfahrungslevel von Anlegern: Der zwischen Reaktion und Reflex.

Nicht jede Nachricht ist ein Handlungsauftrag

An der Börse gibt es kaum einen Tag ohne neue Schlagzeilen. Manche sind relevant. Viele sind laut. Und einige werden erst im Rückblick richtig eingeordnet.

Märkte reagieren oft schneller, als Anleger denken können. Kurse bewegen sich in Sekunden, während die wirtschaftliche Bedeutung einer Nachricht häufig erst Wochen oder Monate später klarer wird. Wer dann hektisch handelt, reagiert oft nicht auf Fakten, sondern auf das eigene Gefühl.

Eine aktuelle Civey-Umfrage, die wir von tradegate.direct in Auftrag gegeben haben, zeigt genau hier ein interessantes Bild: Viele Anleger bleiben trotz geopolitischer Spannungen und steigender Ölpreise erstaunlich ruhig. Rund 69,7 Prozent der Befragten haben ihr Portfolio wegen aktueller Krisen nicht verändert. Auch mit Blick auf steigende Ölpreise ändern 55 Prozent nichts an ihrer Strategie.

Das zeigt: Nichtstun ist an der Börse nicht automatisch Passivität. Manchmal ist es Disziplin.

Ruhe ist nicht dasselbe wie Ratlosigkeit

Natürlich heißt das nicht, dass Anleger Krisen ignorieren sollten. Wer nie prüft, ob die eigene Strategie noch passt, handelt nicht diszipliniert, sondern bequem.

Der Unterschied liegt in der Begründung. Ratlosigkeit heißt: Ich weiß nicht, was ich tun soll. Disziplin heißt: Ich habe geprüft und sehe keinen Grund, meine Strategie wegen dieser Nachricht zu ändern.

Nicht jede Krise betrifft jedes Depot gleichermaßen. Ein Ölpreisschock kann für manche Branchen relevant sein, für andere weniger. Politische Unsicherheit kann kurzfristig Volatilität auslösen, ohne langfristig die Ertragskraft eines Unternehmens zu zerstören.

Deshalb braucht es vor allem eines: Einordnung.

Marktbewegung ist nicht gleich Marktbedeutung

Viele Anleger verwechseln Bewegung mit Bedeutung.

Ein Tagesverlust sagt zunächst nur, dass Verkäufer in diesem Moment stärker waren als Käufer. Er sagt noch nicht, ob sich das Geschäftsmodell eines Unternehmens verändert hat.

Strategisch denkende Anleger schauen deshalb auf den Grund hinter der Bewegung. Ist es ein kurzfristiger Schock? Eine Neubewertung von Zinsen? Ein Bruch in den Fundamentaldaten? Oder nur ein Markt, der Risiko neu einpreist?

Diese Fragen sind wichtiger als der Reflex, sofort zu kaufen oder zu verkaufen.

Die Strategie muss vor der Krise stehen

Viele Anleger entwickeln ihre Strategie erst dann, wenn der Markt unruhig wird. Das ist zu spät.

Wer erst bei minus zehn Prozent entscheidet, wie viel Verlust er aushält, entscheidet unter Stress. Erfahrene Anleger definieren deshalb vorher, welche Schwankungen sie aushalten können und welche Positionen langfristige Investments oder taktische Trades sind.

Wer seine Regeln kennt, muss in der Krise nicht jedes Mal neu verhandeln.

Gelassenheit ist kein Bauchgefühl

Handeln kann notwendig sein. Wenn sich die eigene finanzielle Lage ändert, ein Investmentcase nicht mehr stimmt oder ein Depot zu stark von einem Risiko abhängig ist.

Aber Handeln sollte dann aus Analyse entstehen, nicht aus Unruhe.

Aktionismus hat Kosten: Gebühren, Spreads, steuerliche Effekte und die Gefahr, gute Positionen aus schlechten Gründen zu verkaufen.

Eine Krise ist nicht automatisch ein Auftrag zum Handeln. Manchmal ist sie ein Auftrag zum Prüfen, manchmal zum Anpassen und manchmal einfach zum Durchhalten.

Erfahrung bedeutet nicht, immer etwas zu tun. Erfahrung bedeutet zu wissen, wann nichts zu tun die bessere Entscheidung ist.

Dennis Puschmann, tradegate.direct
ist Experte für strukturierte Finanzprodukte, quantitative Anlagestrategien und Risikomanagement. Der diplomierte Volkswirt und Chartered Financial Analyst (CFA) verantwortet bei der Tradegate AG das Derivategeschäft und leitet den Direkt-Broker tradegate.direct


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