Armut kostet Lebensjahre und drückt die Rente
20,5 Jahre Rente im Schnitt, klingt nach großzügigem Ruhestand. Wer arm ist oder im Osten lebt, bekommt von diesem Rekord deutlich weniger ab.
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20,5 Jahre Rente im Schnitt, das ist mehr als doppelt so lange wie mancher Berufseinstieg dauert. Der Wert klingt nach einem Erfolg des deutschen Sozialstaats.
Er verdeckt aber, dass die Rentenbezugsdauer eine Durchschnittsgröße ist, die soziale Ungleichheit systematisch überdeckt. Wer wenig verdient hat, lebt im Schnitt kürzer und bezieht dadurch auch kürzer Rente. Diese Verbindung aus Einkommen, Lebenserwartung und Rentenbezugsdauer ist der eigentliche Stoff, über den Wirtschaftspolitik reden müsste, tut sie aber selten.
Die Bezugsdauer wächst schneller als das echte Ruhestandsgefühl
Laut Focus stieg die durchschnittliche Rentenbezugsdauer bei Versichertenrenten von 16,9 Jahren im Jahr 2004 auf 20,5 Jahre im Jahr 2024. Frauen kommen demnach im Schnitt auf 22,1 Jahre, Männer auf 18,9 Jahre. Der Zuwachs wirkt wie ein Geschenk der Demografie, hängt aber vor allem mit einer gestiegenen Lebenserwartung zusammen, die sich laut Focus seit dem 19. Jahrhundert mehr als verdoppelt hat. Damals lag sie bei Geburt bei 35,6 Jahren für Männer und 38,5 Jahren für Frauen, aktuell erreichen die Werte 78,8 beziehungsweise 83,4 Jahre. Mit 65 Jahren haben Männer statistisch noch rund 18 Lebensjahre vor sich, Frauen etwas mehr als 21 Jahre.
Gleichzeitig steigt das durchschnittliche Renteneintrittsalter, von 62,3 Jahren im Jahr 2000 auf 64,7 Jahre aktuell. Wer länger arbeitet, gewinnt zwar an Lebenserwartung, verliert aber einen Teil dieses Gewinns durch den späteren Start in den Ruhestand. Laut Focus trägt die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Rentenalters auf 67 Jahre wesentlich zu dieser Entwicklung bei. Für Unternehmen bedeutet das: Personalplanung und Nachfolgeregelungen müssen künftig mit älteren Belegschaften rechnen, die länger im Job bleiben, aber nicht zwangsläufig länger profitieren.
Bemerkenswert ist zudem, dass sich die Lebenserwartung inzwischen langsamer erhöht als das Renteneintrittsalter. Wer heute in Rente geht, arbeitet also relativ gesehen länger für denselben oder sogar einen kleineren Anteil an gewonnener Lebenszeit im Ruhestand als noch vor zwei Jahrzehnten. Diese Verschiebung wird in der öffentlichen Debatte selten thematisiert, obwohl sie die eigentliche Kehrseite der Rekordzahl 20,5 Jahre ist.
Sozialpolitik trifft auf harte Einkommensrealität
Die eigentliche Bruchstelle liegt nicht zwischen Ost und West oder Mann und Frau, sondern zwischen Einkommensgruppen. Das Robert Koch-Institut dokumentiert für 2020 bis 2022 eine Lebenserwartungslücke von 7,2 Jahren bei Männern und 4,3 Jahren bei Frauen zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Regionen. Verstärkt wird der Effekt laut T Online durch eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung: 65-jährige Männer mit hohen Rentenbezügen hatten 2005 eine verbleibende Lebenserwartung von knapp 19 Jahren, das unterste Einkommensfünftel dagegen nur knapp 15 Jahre. Dieser Abstand von vier Jahren war 1997 noch deutlich kleiner und wuchs bis 2016 auf mehr als fünf Jahre.