Brand & Brilliance Adidas macht München zur Drei-Streifen-Zone mit zwei Handball-Ex-Profis

Adidas macht München zur Drei-Streifen-Zone mit zwei Handball-Ex-Profis

Während alle auf Bundesliga-Deals starren, unterschreibt adidas einen Vertrag mit einem Handball-Viertligisten aus München. Klingt absurd? Ist aber die vielleicht cleverste Sponsoring-Strategie seit Jahren.

Heimvorteil statt Hochglanz-Marketing: adidas-Zentraleuropa-Chefin Marina Moguš unterschreibt einen Ausrüstervertrag mit der Handballgemeinschaft München. Das ist durchaus ungewöhnlich, denn es geht nicht um die Füchse Berlin, nicht um dem THW Kiel – sondern um einem Verein, dessen Männerteam in der vierten Liga spielt.

Während der Konzern aus Herzogenaurach parallel Millionen in Fußball-Bundesliga und Handball-Topclubs pumpt, investiert man hier in einen Aufbau, der Jahre dauern wird. Was nach Imagepflege aussieht, ist in Wahrheit ein Frontalangriff auf die Logik des deutschen Sportsponsoring.

Warum ein Milliarden-Konzern in die vierte Liga geht

Der Deal umfasst nicht nur die Münchner Panther, die ab Saison 2026/27 mit dem TuS Fürstenfeldbruck als Spielgemeinschaft antreten. Adidas wird Gründungspartner und Ausrüster der gesamten HG München – inklusive geplanter Damenmannschaft ab 2027/28, Jugendteams und Trainerstab. Kein Logo-Sponsoring für ein Trikot, sondern Infrastrukturaufbau von der Basis bis zur erhofften Bundesliga. „Diese Partnerschaft macht einfach Spaß: Die Energie, der Ehrgeiz und die Aufbruchsstimmung in München sind spürbar„, so Marina Moguš.

Klingt nach Marketing-Sprech, beschreibt aber präzise die Strategie: adidas kauft sich nicht in bestehende Erfolge ein, sondern baut an einen Verein mit. Die Kritik liegt auf der Hand. Ein 24,8-Milliarden-Euro-Konzern mit 65.000 Mitarbeitenden hat im Amateurhandball nichts zu suchen – zumindest nicht, wenn man klassische Sponsoring-Logik anlegt. Vierte Liga bedeutet: keine TV-Quoten, keine internationalen Sichtkontakte, keine messbaren Reichweiten. Während Hummel den THW Kiel und SC Magdeburg ausrüstet und Kempa sowie Puma sich den Rest des Marktes teilen, wartet adidas in der Münchner Region darauf, dass ein Team vielleicht irgendwann aufsteigt. Jeder Euro hier fehlt bei etablierten Erfolgsmarken.

Die Metropolregion als strategischer Hebel

Aber adidas spielt ein anderes Spiel. Der Konzern steigt nicht in einen Stadtverein ein, sondern in eine Metropolregion mit sechs Millionen Einwohnern. München ist gemessen an der Wirtschaftsleistung eine der drei stärksten Regionen Europas – mit BMW, Siemens, Allianz, dichtem Mittelstand und der höchsten Kaufkraft Deutschlands. Und genau diese Region hat im Spitzenhandball: nichts. Talente aus Fürstenfeldbruck, Ismaning, Dachau oder Freising müssen nach Magdeburg oder Berlin wechseln, wenn sie Profi werden wollen.

München ist im Endeffekt eine Ausbildungsstätte, so wie bei den Universitäten – Top-Standorte, aber dann eben keine Arbeitgeber vor Ort„, erklärt Lisa Bieberbach, Geschäftsführerin der bereits gegründeten Vermarktungs GmbH, im Podcast Wirtschaft Wissen Wirkung. Vier strategische Faktoren machen die Region für adidas interessant:

Erstens ein Einzugsgebiet, das viermal größer ist als das Stadtgebiet München.

Zweitens die höchste Konzerndichte Deutschlands – wer als Marke regionale B2B-Deals will, braucht ein sportliches Aushängeschild.

Drittens die geografische Nähe zur Konzernzentrale in Herzogenaurach und zu bestehenden Partnerschaften wie FC Bayern.

Viertens eine mögliche Olympia-Bewerbung 2036 oder 2040, bei der München als Austragungsort gilt. Wer vorher als regionaler Hallensport-Player verankert ist, sitzt später automatisch mit am Tisch.

Was adidas wirklich kauft

Der Deal liefert vier Assets, die mit kurzfristiger Reichweite nichts zu tun haben.

Erstens: Gründerstatus. In zehn Jahren, wenn die Panther womöglich in der Bundesliga spielen und Jugendmannschaften Titel sammeln, ist adidas nicht „ein Sponsor“, sondern „der Sponsor von Anfang an“. Das ist nicht Marketing. Das ist Erbe.

Zweitens: Talent-Pipeline. Über Dominik Klein, seit 20 Jahren adidas-Botschafter, arbeitet die HGM systematisch mit Schulen und Vereinen zusammen. „Ich sehe in meiner Arbeit mit Jugendlichen, welche Präsenz und Begehrlichkeit die Marke bei jungen Talenten hat„, so Klein. Und weiter: es sei ihm wichtig „diesen Spielerinnen und Spielern eine echte Spitzensport-Perspektive in München zu geben.“ Adidas bekommt Zugang zu einer Talentschmiede auf Stadtebene, lange bevor andere Marken überhaupt merken, dass es sie gibt.

Drittens: Multisport-Infrastruktur. Adidas-Strategie ist erklärtermaßen Multisport — neben Fußball gezielter Ausbau in Hallensportarten wie Basketball und Volleyball. München ist mit SAP Garden und möglicher zusätzlicher Olympia-Halle für 2036/2040 eine der spannendsten Hallen-Infrastrukturen Deutschlands. Wer dann „Hausverein“ ist, hat einen verdammt guten Hebel.

Viertens: Image-Transfer. Handball-Publikum hat ein höheres Durchschnittseinkommen als andere Teamsportarten, 40 Prozent der Interessierten sind weiblich, der Sport gilt als familienorientiert und fair. Das ist das Publikum, das den Workwear-Trend, den Performance-Sneaker und das Family-Co-Branding mit der Marke konsolidiert.

Geführt wird die HGM von zwei Ex-Nationalspielern, die das Geschäft kennen: Dominik Klein (Weltmeister 2007) und Steffen Weinhold (Europameister 2016). Beide kennen sich aus gemeinsamer Kieler Zeit, beide sind seit Jahren adidas-Athleten — eine Verbindung, die gewachsen ist, nicht aus dem Marketing-Workshop. Für Weinhold, aufgewachsen unweit von Herzogenaurach, ist es mehr als ein Deal: „Umso schöner ist es, dass wir diese Erfahrung und diesen Anspruch jetzt gemeinsam in den Handball in München tragen und dort weiterentwickeln können.“

Unterstützt wird das Ganze zudem von Absolut Teamsport Untermain, das seit Jahren mit dem Handballstandort Fürstenfeldbruck verbunden ist. Die Struktur steht, bevor der erste Ball rollt.

Business Punk Check

Sportlicher Erfolg ist nicht planbar – und genau das ist das Risiko. Die Münchner Panther könnten in der Regionalliga steckenbleiben, Verletzungen den Kader dezimieren, ein verlorenes Aufstiegsspiel den Zeitplan um Jahre verschieben. Adidas würde formal als Sponsor eines gescheiterten Projekts dastehen. Aber selbst dann hätte der Konzern gewonnen, was andere Sponsoring-Deals nicht liefern: Glaubwürdigkeit. In einer Zeit, in der Sportsponsoring beliebig wirkt, zeigt adidas Haltung – Geduld, regionale Verwurzelung, ein Projekt jenseits von Logo-Platzierung. Die spannendere Frage: Werden Puma, Nike und Hummel nachziehen?

Wenn adidas in München beweist, dass Sponsoring als „Talent-Venture-Capital“ funktioniert, dürften Konkurrenten genau hinschauen. Sponsoring würde damit wieder das, was es einmal war: eine Wette auf etwas Neues, statt ein Mietvertrag auf etwas Etabliertes.

Adidas könnte mit dem Geld für die HG München ein paar Werbespots in der Champions League buchen. Aber Werbespots vergessen die Leute. Einen kompletten Verein in der wirtschaftsstärksten Metropolregion Deutschlands, den man als globaler Konzern von Grund auf mitgebaut hat, vergisst niemand. Das ist keine Markenromantik – das ist Markenarchitektur mit langem Atem und dem „HandballDahoam“-Gespür.

Häufig gestellte Fragen

Warum investiert adidas in einen Viertligisten statt in etablierte Bundesliga-Vereine?

Adidas setzt auf langfristigen Markenaufbau statt kurzfristige Reichweite. Der Konzern wird Gründungspartner der gesamten HG München – inklusive Männer-, Damen- und Jugendteams. In zehn Jahren ist adidas nicht „ein Sponsor“, sondern „der Sponsor von Anfang an“. Klassisches Sponsoring ist Miete, Gründungspartnerschaft ist Eigentum an der Erzählung.

Welche wirtschaftlichen Vorteile bietet die Metropolregion München für adidas?

Die Metropolregion München umfasst sechs Millionen Einwohner und ist eine der drei wirtschaftsstärksten Regionen Europas. Mit BMW, Siemens, Allianz und dichtem Mittelstand bietet sie die höchste Konzerndichte Deutschlands. Adidas positioniert sich als Premium-Vehikel für regionale B2B- und Hospitality-Deals – ein Sponsorenpool, der bei etablierten Bundesliga-Clubs längst verteilt ist.

Was passiert, wenn die Münchner Panther sportlich scheitern?

Sportlicher Erfolg ist nicht planbar – das Risiko ist real. Aber selbst bei sportlichem Misserfolg hätte adidas gewonnen: Glaubwürdigkeit und regionale Verwurzelung in einer Metropolregion, die für mögliche Olympia-Bewerbungen 2036 oder 2040 als Austragungsort gilt. Wer vorher als regionaler Hallensport-Player verankert ist, sitzt im Olympia-Erbe automatisch mit am Tisch.

Wie unterscheidet sich diese Strategie von klassischem Sportsponsoring?

Klassisches Sponsoring kauft sich in bestehende Erfolge ein – adidas baut Infrastruktur von Grund auf. Der Konzern rüstet nicht nur ein Trikot aus, sondern eine komplette Vereinsstruktur vom Jugendbereich bis zur geplanten Bundesliga-Mannschaft. Das ist keine Logo-Platzierung, sondern Co-Gründung eines Vereins in einer Region mit echter Nachfrage und fehlendem Angebot.

Welche Branchen können von dieser Sponsoring-Strategie lernen?

Jede Branche, die auf gesättigte Märkte starrt, statt neue zu bauen. Wo seit Jahren dieselben Marken den Markt teilen, kauft man sich nicht oben rein – man baut sich unten den nächsten Wachstumsmarkt selbst. Gründer-Equity statt Mietverhältnis: Wer früh mitbaut, sammelt Erzählung, Loyalität und Insider-Status. Diese Assets sind nicht reproduzierbar.

Quellen: HGM/adidas, Podcast Wirtschaft Wissen Wirkung

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