Brand & Brilliance Wikipedia, Prestige und die Weltraumagentur: Wie Simon Wohlleb die Online Enzyklopädie entschlüsselt

Wikipedia, Prestige und die Weltraumagentur: Wie Simon Wohlleb die Online Enzyklopädie entschlüsselt

Das digitale Nachschlagewerk gilt für viele als Verkünder der Wahrheit. Simon Wohlleb hat da seine Zweifel. Seine Agentur hilft zum Beispiel denen, die bei Wikipedia schlecht wegkommen.

Simon Wohlleb redet nicht lange um den heißen Brei. „Wikipedia“, sagt er, „ist Gold für die eigene Reputation.“ Er meint das kein Stück ironisch, sondern für ihn hat das geklappt. Ohne Wikipedia gäbe es sein Geschäftsmodell nicht. Dank der Online-Enzyklopädie läuft es wie geschnitten Brot. Während andere Wikipedia für eine Art digitale Selbstverständlichkeit halten, hat Wohlleb früh verstanden, was sie wirklich ist: ein Instrument für Reputation.

Wohllebs eigene Geschichte klingt wie eine Mischung aus BWL-Karriere, Lebensfreude und Umtriebigkeit. Studium, dann Sony Music, Promotion, Webseiten-, Video- und Musikproduktion. „Ich habe auch Entspannungsmusik für Sony produziert – und bei allem gemerkt, dass es immer ein wenig um Prestige geht.“

Es geht immer ums Prestige

Der Aha-Moment kam 2017: Wohlleb hatte verstanden, dass Wikipedia nicht nur Lexikon ist, sondern die vermutlich wichtigste Plattform für Personen und Unternehmen. „Keiner hatte bis dahin so richtig verstanden, wie Wikipedia für Unternehmen funktioniert.“ Das wollte er ändern. Und auf dieser Erkenntnis beruht seine Firma, die Weltraumagentur. Am Namen berauschen sich viele Kunden von ihm bis heute. Natürlich ist er kein Zufall. „Astronauten sind die Menschen, die zu anderen Universen kommen“, sagt er. Genau das sei die Idee: Unternehmen und Personen in ein anderes Wahrnehmungsuniversum bringen. Klingt groß. Ist es auch.

Der Weg dahin war allerdings alles andere als direkt. „Ich habe Wikipedia-Regeln gerade zu Beginn eher als freundliche Empfehlungen gesehen“, sagt Wohlleb. Mal eingehalten, mal nicht. Eine wilde Testphase. Bis der „goldene Twist“ kam: Professionalisierung, GmbH, klare Linie, alle Regeln und Richtlinien werden eingehalten. Der große Wendepunkt dabei: „Wir editieren nicht selbst auf Wikipedia, sondern bringen unseren Kunden Wikipedia bei – das hat alles verändert“. Heute versteht sich die Weltraumagentur ausschließlich als Berater, die Wikipedia verstehen und das Wissen weitergeben.

Menschen in eine neue Umlaufbahn bringen

Denn das ist die eigentliche Geschäftsidee: Wikipedia ist kompliziert. Und oft ziemlich unfreundlich gegenüber naiven Neustartern. „Für Anfänger ist das ein Buch mit sieben Siegeln“, sagt Wohlleb. Wer dort rein will, muss Regeln verstehen, Relevanzkriterien erfüllen, Community-Dynamiken lesen können. Hier setzt sein Business an.

10 bis 20 Veröffentlichungen im Monat, siebenstelliger Umsatz, zwölf Mitarbeiter. Kunden sind internationale Unternehmen, Top-Manager, Wissenschaftler, oder Rennfahrer wie Fernando Alonso. „Von 100 Millionen Jahresumsatz an und nach oben hin offen“, sagt der Weltraum-Chef. Gleichzeitig ist es verrückt zu hören, wie viele Anfragen Wohlleb mit seiner Agentur auf wöchentlicher Basis ablehnt. „Wenn die Relevanzkriterien für einen Wikipedia-Eintrag nicht erfüllt sind, können wir einfach nichts machen“, sagt er schulterzuckend. Und manchmal auch die ganz großen Dramen: „Ein schlecht gemachter Eintrag kann der Reputation massiv schaden.“ Das ist die dunkle Seite dieses Systems.

Die dunkle Seite des Systems

Wikipedia gehört der Wikimedia Foundation, einer NGO in San Francisco. Offiziell ist alles offen, neutral, gemeinschaftlich. Jeder kann mitschreiben. „Wiki heißt auf Hawaiianisch schnell“, sagt Wohlleb. Nur: Schnell ist hier relativ. Und neutral auch. „Die Community ist zum Teil stark regelgetrieben und toleriert keinerlei Werbung“, sagt er. „Viele wollen einfach die Welt portraitieren.“ Das klingt polemisch, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wikipedia lebt von Freiwilligen. Von Idealisten. Von Menschen, die die Welt erklären wollen, aber aus ihrer Perspektive. Das ist Stärke und Schwäche zugleich.

Denn wo viele schreiben, entsteht Schwarmintelligenz. Aber auch Bias. „Überall dort, wo es um Zahlen, Daten, Fakten geht, ist Wikipedia gut“, sagt Wohlleb. Auch Unternehmen und Personenartikel seien in der Regel super. „Wo es kritisch wird, ist bei sehr aktuellen Themen.“ Dann wird abgeschrieben, zugespitzt, politisiert. „beispielsweise beim Israel-Gaza-Konflikt oder bei aktuellen News ist Wikipedia nicht geeignet“, sagt er. Zu viele Interessen, zu viel Agenda. Sein Team bewegt sich bewusst nicht in diesem Spannungsfeld und wählt seine Kunden aus.

Regel Nummer eins: Keine Politiker als Kunden

Möglichst neutral, praktisch, strategisch. „Wir beraten keine Politiker oder politische Parteien“, betont Wohlleb. „Wer das macht, landet im Fiebertraum.“ Ein Beispiel aus seinem Kundenkreis zeigt, wie dünn das Eis ist: Ein linker Aktivist mit Wikipedia-Erfahrung verfolgte einen Milliardär aus politischen Motiven. Der Milliardär wurde sein Kunde. Die Weltraumagentur machte dem Spuk ein Ende, entlang der Richtlinien. Das ist keine Manipulation. Aber es ist auch keine naive Wissensarbeit. Wohlleb sieht sich als „Anwalt“, der die Regeln durchdringt, wie vielleicht nur wenige andere. „Wir machen zudem perfekte, enzyklopädische Artikel.“ Zugriff auf Pressedatenbanken, professionelle Autoren, Abstimmung sowie Training mit Kunden. Und dann rein ins System. Die „Go“-Taste drückt am Ende der Kunde. Seine Überzeugung: „Die Qualität muss stimmen, dann funktioniert es.“

Das Geschäftsmodell funktioniert auch im KI-Zeitalter. Früher war ein Wikipedia-Eintrag vor allem Statussymbol. Heute ist er zusätzlich Datenquelle. „Jetzt wollen alle für KI optimieren“, sagt Wohlleb. Sichtbarkeit bei Chatbots, Suchmaschinen, automatisierten Systemen. Wikipedia ist dafür eine der wichtigsten Grundlagen. Gleichzeitig sinken die klassischen Nutzerzahlen. Die Plattform verändert sich. Weniger Leser, mehr Bedeutung im Hintergrund. Eine Infrastruktur für Information, nicht mehr nur ein Nachschlagewerk. Wohllebs Geschäftsmodell bleibt damit stabil. Er arbeitet bereits am nächsten Schritt: Wikipedia messbar machen. Daten, Rankings, Analysen. Und die Weltraumagentur wird international: „Augusta Atlantic“ heißt der globale Ableger. Es ist der nächste Orbit. Darunter macht er es nicht.

Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild: Wikipedia ist eines der größten Wissensprojekte der Menschheit. Offen, kostenlos, global. Und gleichzeitig ist es ein System mit blinden Flecken, mit undurchsichtigen Machtstrukturen und erstaunlich viel Einfluss. Simon Wohlleb hat daraus ein Geschäftsmodell gebaut. „Jeder, der sich an die Regeln hält, soll auf Wikipedia mitmachen können – egal ob mit oder ohne Interessenkonflikt“, betont er. Während andere Wikipedia lesen, hat er sie entschlüsselt und monetarisiert. So geht Punk, könnte man sagen.

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