Business & Beyond 1,5 Billionen Dollar im Orbit: Wie Elon Musk mit SpaceX die Börse sprengt – und wie Anleger profitieren können

1,5 Billionen Dollar im Orbit: Wie Elon Musk mit SpaceX die Börse sprengt – und wie Anleger profitieren können

Gestern noch klebten sich Deutsche Entschuldigungs-Sticker auf ihre Teslas. Heute baut Elon Musk das wertvollste Unternehmen der Welt. SpaceX steht vor dem Mega-IPO. Wer darf diesmal daran mitverdienen?

Erinnert sich noch jemand an die Zeit vor gut einem Jahr? Elon Musk war für ein paar Wochen Trump-Berater, was viele Deutsche zuverlässig überforderte. In Berlin, Hamburg und München tauchten plötzlich Aufkleber auf Teslas auf: „Ich habe dieses Auto gekauft, bevor Musk verrückt geworden ist.“ Ein stiller Akt moralischer Selbstverteidigung auf vier Rädern. Heute, ein Jahr später, wirkt das fast rührend. Der angeblich Verrückte baut nicht nur Autos, sondern vor allem Raketen – und das was er an der Börse vorhat, ordnet die Welt gerade neu.

Musk denkt in Galaxien, nicht in Quartalen. Die Fantasie rund um den möglichen Börsengang von SpaceX beflügelt seit Wochen hoffnungsvolle Anleger. Bis zu 1,5 Billion Dollar als Bewertung halten Analysten für angemessen, der IPO könnte vielleicht noch in diesem Jahr über die globale Bühne gehen. Die Zahlen geistern derzeit durch Analystenstudien, Investorenpräsentationen und Hintergrundgespräche im Silicon Valley. Die Bewertung ist größer als die Marktkapitalisierung ganzer Börsenplätze. Und sie wirft zwei Fragen auf, die weit über Raumfahrtromantik hinausgeht. Eine ganz praktische: Wie können Anleger von diesem Börsengang profitieren? Und eine ethische: Entsteht hier das mächtigste Unternehmen der Welt konzentriert in den Händen eines einzigen Mannes?

Noch gibt es keinen offiziellen IPO-Termin. Musk selbst bremst. „SpaceX wird erst dann an die Börse gehen, wenn wir regelmäßig zum Mars fliegen“, sagte er 2022, als X noch Twitter hieß. Seitdem hat sich die Welt jedoch mehrmals gedreht und Musk hat die Zeit genutzt, um SpaceX neu zu formen: Nicht als Raketenbauer, sondern als Machtzentrum, das Raumfahrt, Mobilität, Kommunikation, Daten und künstlicher Intelligenz unter einem Dach vereint.

Starlink schlägt Raketen: Wo das Geld wirklich liegt

Der ökonomische Kern heißt Starlink. Das Satelliteninternet ist längst kein Nebenprojekt mehr, sondern der eigentliche Werttreiber. Morgan Stanley schrieb bereits 2020, Starlink könne „langfristig mehr als 50 Prozent des Unternehmenswertes von SpaceX ausmachen“. Die Analysten ergänzten nüchtern: „Das Geschäftsmodell hat das Potenzial, die globale Telekommunikationsbranche strukturell zu verändern.“ Goldman Sachs kommt zu einem ähnlichen Befund und spricht von einem „hochprofitablen Infrastrukturmonopol im Orbit“.

SpaceX schießt seine eigene Infrastruktur ins All, betreibt sie selbst und kassiert die Margen. Raketenstarts sind dabei kein Produkt mehr, sondern gehören zur hauseigenen Logistik. Das Modell ist in dieser Konsequenz einzigartig, räumen Experten ein. Der Historiker und Investor Rainer Zitelmann stellt fest: „Musk baut kein klassisches Unternehmen, sondern ein Ökosystem mit extrem hohen Eintrittsbarrieren. Historisch vergleichbar ist das eher mit Standard Oil als mit heutigen Tech-Konzernen.“ In einem Interview fügte Zitelmann hinzu: „Wer das All kontrolliert, kontrolliert Kommunikation, Daten und perspektivisch Sicherheit. Das ist Macht in einer neuen Dimension.“

Hinzu kommt, dass Musk seine bislang getrennten Imperien immer enger verzahnt. SpaceX liefert die Infrastruktur, Starlink die Datenströme, xAI die Auswertung, Tesla die Energie- und Batteriesysteme. Musk selbst formulierte es 2023 so: „Alles, was wir tun, zahlt auf ein Ziel ein: Skalierbare Intelligenz und nachhaltige Infrastruktur.“ Was früher wie exzentrisches Multitasking wirkte, erscheint drei Jahre später als denkbar, aber es gehört noch immer Fantasie dazu.

Die Billion Dollar sind deshalb weniger eine klassische Bewertung als ein Ausdruck von Erwartung. Analysten betonen, dass SpaceX bei einem Börsengang kaum vergleichbar wäre. Keine Peer Group, kein Wettbewerber. Staatliche Raumfahrtagenturen sind Kunden, keine Konkurrenten. Nationale Telekommunikationsanbieter können mit einem globalen Satellitennetz nicht mithalten. Ein Analyst der Bank of America formulierte es so: „SpaceX ist kein Unternehmen in einem Markt – SpaceX ist der Markt.“ Von einem Blockbuster-Börsengang spricht der Saxo-Analyst Neil Wilson: „Die kolportierte Bewertung von möglicherweise über einer Billion Dollar ist astronomisch“. SpaceX würde damit automatisch in die Top Ten des MSCI World Index katapultiert.

Was heißt das für Privatanleger? Zunächst eine ernüchternde Wahrheit: Direkt investieren kann bislang keiner. SpaceX ist derzeit ein privates Unternehmen, die Anteile liegen bei Musk selbst sowie bei Großinvestoren wie Fidelity, Google oder Sequoia. Kleinanleger bleiben außen vor. Aber: „Der größte Fehler privater Investoren ist der Glaube, sie müssten immer ganz vorne dabei sein“, sagt der unabhängige Kapitalmarktanalyst Robert Halver von der Baader Bank. „In Wahrheit wird der größte Teil der Wertschöpfung bei solchen Giganten oft schon vor dem Börsengang verteilt.“

Musks Imperium verschmilzt: Ein Ökosystem aus Raketen, Daten und KI

Es bleiben in dieser Phase Umwege. Einige Anleger setzen auf börsennotierte Unternehmen, die indirekt profitieren könnten – etwa Zulieferer, Satellitenhersteller oder Telekomkonzerne mit Starlink-Kooperationen. Doch auch hier mahnen Analysten zur Vorsicht. Morningstar schreibt in einer Analyse: „Der wirtschaftliche Nutzen für Drittunternehmen ist schwer quantifizierbar, da SpaceX zentrale Wertschöpfungsstufen selbst kontrolliert.“ Übersetzt: Musk lässt wenig liegen. Ein Analyst von Bernstein Research formulierte es noch deutlicher: „SpaceX ist kein Plattformmodell, von dem viele profitieren – es ist ein geschlossenes System.“ Für Privatanleger bedeutet das: Die große Fantasie gehört Musk und seinen frühen Investoren.

Zu ihnen zählt allerdings auch der Scottish Mortage Investnment Trust des Vermögensverwalters Baillie Gifford, eine Investmentgesellschaft, deren Aktie seit über 100 Jahren an der Londoner Börse notiert ist und die inzwischen auch in Deutschland problemlos erhältlich ist. Gifford hat sich mit frühen Investments in Facebook, Tesla, Amazon und Nvidia Ruhm erarbeitet und gilt ,so schreibt das Managermagazin, als „Tech-Perlenfischer, der im Silicon Valley bestens vernetzt ist“. Anders als herkömmliche Aktienfonds ermöglicht der Trust nicht nur Beteiligungen an börsennotierten Titeln, sondern auch an solchen Unternehmen, die den Gang an den öffentlichen Kapitalmarkt noch vor sich haben.

Wenn dann der Börsengang kommt, sieht es natürlich anders aus. Allerdings sollte auch der, der dann einsteigt, weniger auf Mythos setzen als auf nüchterne Bewertung. Denn selbst eine Billion Dollar schützt nicht vor der banalsten aller Börsenregeln: Wer zu teuer kauft, zahlt Lehrgeld – egal wie nah die Rakete dem Mars kommt.

Besteht bei einem solchen Börsengiganten Explosionsgefahr? Die Debatte darüber wird schärfer. Kritiker warnen vor einer extremen Konzentration von Kapital, Daten und Infrastruktur. Die Eurasia Group schreibt in einer Analyse: „Starlink entwickelt sich zu einer kritischen globalen Infrastruktur, die politisch kaum regulierbar ist.“ Wenn ein privates Unternehmen den Zugang zu Kommunikation, Navigation und künftig vielleicht militärischer Logistik kontrolliert, verschwimmen die Grenzen zwischen Wirtschaft und Geopolitik.

Ist das ein Monopol, ein Kartell, ein Marktversagen, das sämtliche Aufsichtsbehörden der Welt gegen sich in Stellung bringt? Juristisch ist die Lage diffus. Raumfahrt ist löchrig reguliert, sie hat etwas vom Wilden Westen: Wer zuerst kommt, nimmt sich, was er braucht. Wettbewerbsgesetze greifen nur national. Wer müsste eingreifen? Die US-Wettbewerbsbehörden? Die EU? Ein ehemaliger FTC-Berater sagte dem „Wall Street Journal“: „Wir stehen vor einem Problem, für das das bestehende Kartellrecht schlicht nicht gebaut wurde.“

Andrerseits ist auch klar: Ohne Musk gäbe es diese Fortschritte nicht. Keine wiederverwendbaren Raketen, kein günstiges Satelliteninternet für entlegene Regionen, keine reale Mars-Perspektive. Monopole entstehen nicht durch Planung, sondern durch Überlegenheit. Die Marktwirtschaft kennt dieses Prinzip seit Jahrhunderten.

Wenn SpaceX tatsächlich an die Börse geht und mit mehr als einer Billion Dollar bewertet wird, dann entsteht eine tektonische Verschiebung. Dann heißt die Rangfolge: Erst SpaceX – dann lange nichts – und dann die bisherigen Giganten wie Apple, Microsoft und Saudi Aramco, derzeit die drei wertvollsten börsennotierten Konzerne der Welt. Die alte Logik der Märkte, nach der Technologie- und Ölkonzerne um Platz eins ringen, würde abgelöst durch etwas Neues: ein Unternehmen, das Infrastruktur, Daten, Raumfahrt und Macht vereint. Der Börsengang von SpaceX wäre dann kein IPO. Sondern der Beginn einer neuen wirtschaftlichen Weltordnung. Und bis dahin werden die meisten Aufkleber an deutschen Autos, die Musk für verrückt erklärt haben, sowieso Opfer von sauber arbeitenden Waschanlagen geworden sein. Es gilt: Die Realität wirkt stärker als der Protest.

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