Business & Beyond 22 Milliarden Euro verbrannt: Die Opel-Mutter fährt frontal gegen die Wand

22 Milliarden Euro verbrannt: Die Opel-Mutter fährt frontal gegen die Wand

Verlust größer als Börsenwert. Und trotzdem lebt der Konzern weiter. Der tiefe Einbruch bei Stellantis zeigt: Die globale Autoindustrie schlingert im Zickzackkurs.

22,2 Milliarden Euro. So viel hat der Autokonzern Stellantis jetzt offiziell abgeschrieben. Das ist nicht nur ein Gewinneinbruch. Das ist ein strategischer Totalschaden. Denn der Betrag ist größer als der Börsenwert des gesamten Unternehmens, der zuletzt unter 19 Milliarden Euro lag. Stellantis hat damit mehr für seinen Strategiewechsel bezahlt, als der Markt den Konzern aktuell für Wert hält. Das ist eine brutale Botschaft: Die alte Strategie war falsch. Und sie war teuer. Warum Stellantis weiter existiert, obwohl der Verlust größer ist als sein Marktwert, ist kein Paradox. Abschreibungen sind keine sofortigen Geldabflüsse. Sie korrigieren den Wert von Investitionen, die sich nicht wie geplant rechnen. Der operative Kern des Unternehmens bleibt profitabel. Autos werden weiter verkauft, Cashflows fließen.

Der Konzern, der aus der Fusion von Fiat Chrysler und PSA hervorging, ist eigentlich global perfekt aufgestellt. Kaum ein Autobauer ist so breit präsent: Jeep, Ram, Dodge, Chrysler, Fiat, Peugeot, Citroën, DS, Alfa Romeo, Maserati – und nicht zuletzt Opel. Marken für fast jedes Segment, jeden Kontinent, jede Kundenschicht. Genau diese globale Aufstellung galt als Stärke. Jetzt zeigt sich, dass auch sie zur Falle werden kann.

Der Kern des Problems liegt im E-Auto-Kurs. Stellantis hat Milliarden in Batterien, Plattformen und Werke investiert. Und rudert nun zurück. Stellantis-Chef Antonio Filosa, der als neuer Mann auf am Ruder den Tanker wieder auf Kurs bringen soll, spricht von einem „strategischen Reset“. Übersetzt heißt das: Die Elektrifizierungsstrategie wird radikal korrigiert, Verbrenner werden wieder wichtiger.

Ein Milliarden-Investment für 100 Dollar verscherbelt

Der Grund ist simpel und brutal zugleich. Die Nachfrage nach Elektroautos wächst langsamer als erwartet. Vor allem in den USA. Gleichzeitig sind politische Rahmenbedingungen dort gekippt. Subventionen wurden gestrichen, E-Autos wurden unattraktiver. Für Stellantis ist das besonders dramatisch, weil rund 40 Prozent des Umsatzes aus Nordamerika kommen. Allein 15 der 22 Milliarden Euro Abschreibung betreffen den US-Markt. Wie hart dieser Kurswechsel ist, zeigt ein Detail, das wie ein Wirtschaftskrimi klingt: Stellantis hat sein Batterie-Joint-Venture in Kanada für symbolische 100 Dollar verkauft. Zuvor hatte der Konzern rund eine Milliarde Euro investiert. Mehr Kapitalvernichtung geht kaum.

Für den deutschen Traditionskonzern Opel hat diese Entwicklung eine doppelte Bedeutung. Einerseits steigt die Bedeutung der Marke innerhalb des Konzerns. Opel ist in Europa stark, effizient und technologisch eng mit Peugeot und Citroën verzahnt. In einer Phase, in der Kapital knapper wird, gewinnen solche Plattform- und Skalenvorteile an Gewicht. Opel kann profitieren, wenn Stellantis Kosten stärker bündelt. Andererseits wächst der Druck enorm. Wenn Milliarden fehlen, werden Investitionen selektiver. Werke, Modelle und Standorte stehen schneller zur Disposition. Für Opel bedeutet das: noch mehr Effizienz, noch mehr Plattformstrategie, noch weniger Spielraum für Experimente.

Stellantis ist kein Einzelfall. Ford hat 19,5 Milliarden Dollar abgeschrieben, General Motors rund 6 Milliarden. Praktisch die gesamte westliche Autoindustrie korrigiert gerade ihre E-Auto-Wetten. Der Markt wächst, aber zu langsam für die gigantischen Investitionen der vergangenen Jahre.

Das eigentliche Drama liegt tiefer. Autobauer müssen heute zwei widersprüchliche Welten bedienen. In den USA lässt die Politik die Rückkehr zum Verbrenner zu. In Europa erzwingen CO₂-Regeln noch immer eher das Gegenteil. Für globale Konzerne ist das strategische Schizophrenie. Ein Zickzack-Kurs, der Milliarden verschlingt. Während westliche Hersteller ihre Strategie permanent korrigieren, investiert China konsequent weiter in Elektromobilität. Dort entstehen Skaleneffekte, technologische Lernkurven und Preisdruck. Jede Verzögerung im Westen vergrößert diesen Vorsprung.

Die Ironie der Entwicklung ist bitter. Eine Politik, die westliche Industrie schützen wollte, hat Milliarden-Investitionen entwertet und jene Hersteller geschwächt, die im globalen Wettbewerb gegen China bestehen sollen. Der Stellantis-Schock ist deshalb mehr als ein Konzernproblem. Er ist ein Signal für ganz Europa. Die Transformation zur Elektromobilität ist kein gerader Weg. Wer zu früh investiert, verbrennt Kapital. Wer zu spät investiert, verliert den Anschluss.

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