Business & Beyond Berlin lebt von gestern: Zwei Gründer gegen Stillstand in der Hauptstadt

Berlin lebt von gestern: Zwei Gründer gegen Stillstand in der Hauptstadt

Berlin lebt vom Ruf der Nullerjahre und verliert derweil den Standortwettbewerb. Eine Wirtschaftsanwältin und ein Digitalisierungsberater pitchen jetzt die Sanierung.

Würde man Berlin als Unternehmen bewerten, stünde im Bericht: einst Category Leader, heute vom eigenen Erfolg besoffen. Sagt sinngemäß auch Anna Auerbach. Und die kennt die Berliner Wirtschaft aus mehr Perspektiven als die meisten im Roten Rathaus: Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Gesellschaftsrecht, jahrelang Beraterin von Gründerinnen, Gründern und Unternehmen, selbst mal gegründet. Zurück in die Politik trieb sie nach eigener Aussage nicht Karriereplanung, sondern Frust. Berlin lasse zu viel Potenzial liegen, um weiter von der Seitenlinie zuzuschauen. Und ein „Weiter so“ spiele am Ende nur der AfD in die Karten.

Berlin hält sich für konkurrenzlos

Ihre Standortdiagnose fällt entsprechend ungnädig aus: „Die Politik denkt immer noch: Nach Berlin wollen sowieso alle, wir müssen uns überhaupt nicht anstrengen“, sagt Anna Auerbach. Der Lieblingsstachel sitzt tief im Süden: „München rollt den Unternehmen den roten Teppich aus. Genau das müssen wir in Berlin auch tun.“ Autsch. Eine Ansage an eine Hauptstadt, die sich für zu cool für Wettbewerb hält.

Neben ihr: Paul Loeper, studierter Betriebswirt, der das, was er politisch verspricht, unternehmerisch schon einmal durchexerziert hat. Aus dem Nichts baute er ein politisches Start-up auf 4.000 Mitglieder auf, inklusive Strategie, Fundraising, Operations sowie Rekrutierung und Ausbildung des Middle Managements, nebenbei Wahlkampf. Beruflich berät er Verwaltungen bei Reorganisation und Digitalisierung, darunter Bundesländer und Bundesbehörden. Er kennt also beide Seiten des Problems: die Behörde von innen und die Ungeduld von außen. „Die Dysfunktionalität betrifft ja alle Bereiche“, so Paul Loeper

Europas Städte als Berliner Bauplan

Der Pitch der beiden klingt weniger nach Parteitag als nach Beratermappe: nichts neu erfinden, europaweit Best Practices einkaufen. Wohnungsmarkt? Wien. Datengetriebene Verwaltung? Kopenhagen. Verkehr? Irgendeine niederländische Stadt, egal welche. Auerbachs Zwischenfazit ist so trocken wie brutal: „Die meisten Städte funktionieren einfach besser als Berlin momentan.“

Growth Hacks gegen Behördenfrust

Ein paar Referenzen aus dem Pilotmarkt gibt es: In Frankfurt regiert Volt mit und reklamiert das „wahrscheinlich digitalste Bürgeramt Deutschlands“ für sich, in Wiesbaden die erste echte Online-Ummeldung, in Darmstadt einen Digitalisierungsdezernenten. Kommunale Nadelstiche, keine Revolution. Aber sie treffen den Nerv jedes Unternehmens, das in Berlin schon mal einen Termin, eine Genehmigung oder schlicht Nerven verloren hat. Auch der eigene Laden läuft eher wie ein Start-up als wie ein Ortsverein: kein Kapital, viel Ehrenamt, dafür Growth Hacks im Vertrieb. Obama-Kampagnenmechanik, übersetzt ins Digitale. Halbstündige Einzelgespräche mit Wählern, terminiert über LinkedIn. Dort posten laut Partei Investoren und Unternehmer ungefragt Wahlempfehlungen. Wie organisch solche Testimonials wirklich sind? Von außen schwer zu prüfen. Klingt aber verdächtig nach funktionierendem Funnel.

Enteignung als Standortkiller

Am deutlichsten wird das Duo bei Berlins Lieblingsdebatte, die internationale Investoren seit Jahren schaudern lässt, der Enteignung großer Wohnungsbestände: „Unglaublich, dass eine Maßnahme, die so unwirksam ist und so unfassbar schädlich für unsere Wirtschaft und unseren Standort, so gut ankommt“, sagt Anna. Populismus verkauft sich eben leichter als Genossenschaftsmodelle.

Der Realitätscheck

Bleibt der Realitätscheck: Volt sitzt in Berlin nicht im Parlament, Aufmerksamkeit muss man sich „extrem erkämpfen“, meint Paul Loeper, und ob hessische Bürgeramts-Cases auf eine Drei-Millionen-Metropole skalieren, ist ungefähr so sicher wie eine Seed-Bewertung. Aber die Problemanalyse deckt sich verdächtig genau mit dem, was Gründer und Investoren über Berlin längst sagen: zu teuer, zu langsam, zu selbstzufrieden. „Dieser Zustand ist kein Schicksal“, kritisiert Paul. Ob die Therapie anschlägt, entscheidet der Markt. In diesem Fall: die Wähler.

Bild: Anna Auerbach und Paul Loeper (v. links)

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