Business & Beyond Counder 2026: Die 150 Milliarden Euro-Chance – und sieben Lektionen für europäische Entscheider

Counder 2026: Die 150 Milliarden Euro-Chance – und sieben Lektionen für europäische Entscheider

Die Counder Conference 2026 versammelte 500 Entscheider mit über 150 Milliarden Euro Kapitalmacht. Ich war dabei – und bringe sieben strategische Learnings mit.

In Kapstadt treffen sich 500 CEOs, Investoren und Family-Office-Vertreter aus fünf Kontinenten zu einem Invite-only-Event. Die kumulierte Kapitalmacht: über 150 Milliarden Euro an vertretenem Privatvermögen: Das ist die Counder Conference.

Dabei ist die Counder im Grunde gar keine klassische Konferenz . Klar, es gab am ersten Tag eine große Eröffnung im deutschen Generalkonsulat und ja, es  gab spannende Keynotes. Aber vor allem lebte das Treffen von moderierte Breakout-Sessions mit 15 bis 20 Teilnehmern. Strikte Chatham House Rule, 90 Minuten pro Thema. Die Architektur ist auf Vertrauen und Entscheidungsfindung ausgelegt – das macht den Tag zu einem sehr ergebnisorientierten Arbeitstreffen. Und dann gibt es noch den dritten Tag. Der gehört verschiedenen gemeinsamen Aktivitäten: Golf spielen, wandern … und weiter Business machen.

Was ich in drei Tagen dort erlebt habe, lässt sich in sieben zentralen Erkenntnissen verdichten – jede davon mit konkreter Relevanz für deutsche Investoren und Entscheider.

  1. Die AXON-Cassava-Allianz

Die prominenteste Ankündigung der Konferenz war die Partnerschaft zwischen dem pan-afrikanischen Technologie- und Infrastrukturunternehmen Cassava Technologies und dem US-Unternehmen AXON Networks: Afrikas erste KI-gesteuerte Operator-as-a-Service-Plattform. Diese Partnerschaft wurde nicht zufällig im Counder-Rahmen präsentiert – im Raum saßen exakt jene Kapitalgeber, die solche Plattformen finanzieren und skalieren können.

Und das macht aus meiner Sicht Sinn: Während westliche Märkte ihre digitale Infrastruktur auf gewachsenen – und oft veralteten – Strukturen modernisieren müssen, kann Afrika in vielen Regionen direkt auf aktuelle Technologiearchitekturen setzen. Glasfasernetze, softwaregesteuerte Netzwerke und Rechenzentren werden hier nicht als Upgrade, sondern als Grundinstallation gebaut.

Die Investment-Relevanz: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die Wertschöpfung. Anwendungen sind austauschbar, Pipelines nicht. Infrastruktur-Investments in afrikanischen Märkten werden mittelfristig attraktivere Rendite-Risiko-Profile bieten als vergleichbare Projekte in gesättigten Märkten.

  • Stablecoins sind keine Spekulation – sie sind Infrastruktur

Die Zahl, die mich überrascht hat: 43 Prozent des Krypto-Transaktionsvolumens in Subsahara-Afrika entfallen auf Stablecoins. Der globale Durchschnitt liegt deutlich darunter.

Der Treiber ist pragmatisch, es geht um Funktionalität, nicht Spekulation. In Märkten mit volatilen Lokalwährungen und eingeschränktem Dollar-Zugang fungieren USDC und USDT als De-facto-Wertaufbewahrung und Transaktionsmedium. Nigerianische Importeure wickeln Zahlungen über Stablecoins ab. Freelancer in Kenia lassen sich in digitalen Dollar entlohnen.

Die Investment-Relevanz: Die nächste Generation von Zahlungs- und Settlement-Infrastruktur entsteht dort, wo der Problemdruck am höchsten ist – nicht zwingend in Frankfurt oder London. Wer jetzt regulatorisch compliant Infrastruktur in diesen Märkten aufbaut, kann sich einen strukturellen Wettbewerbsvorteil sichern.

  • Raumfahrt ist kein Prestige – sie ist Wirtschaftsinfrastruktur

Auch diese Zahlen haben mich überrascht. Afrikas Raumfahrtsektor erreicht  laut Schätzungen voraussichtlich noch in diesem Jahr ein Marktvolumen von knapp 40 Milliarden Dollar. 21 afrikanische Staaten unterhalten eigene Programme.

Raumfahrt ist hier kein Statussymbol, sondern verfolgt konkrete wirtschaftlichen Nutzen: Erdbeobachtung für Agrarwirtschaft und Klimamonitoring, satellitengestützte Kommunikation für entlegene Regionen, Datenanalyse für Sicherheitsanwendungen. Institutionen wie das South African Radio Astronomy Observatory und das Square Kilometre Array bilden wissenschaftlich-industrielle Cluster – mit wachsender privatwirtschaftlicher Beteiligung.

Die Investment-Relevanz: Der Übergang von staatlich dominierten zu kommerziellen Modellen öffnet Investitionsfenster, die vor fünf Jahren nicht existierten. Wer Emerging Markets nur als Absatzmärkte betrachtet, übersieht, dass sie zu Innovationsräumen werden.

  • Talent ist das unterschätzte Asset der nächsten Dekade

Die demografische Arithmetik ist eindeutig: Bis 2030 werden rund 50 Prozent der neu in den globalen Arbeitsmarkt eintretenden Arbeitskräfte aus Subsahara-Afrika stammen. Gleichzeitig kämpft Europa mit strukturellem Fachkräftemangel.

Plattformen wie The African Talent Company adressieren diese Asymmetrie bereits systematisch – Millionen Kandidaten, Hunderttausende Arbeitgeber, digitale Vermittlungsinfrastruktur. Die Frage ist nicht mehr, ob Talent verfügbar ist. Sondern wer die Infrastruktur für produktive Integration nutzen kann.

Die Investment-Relevanz: Wer heute in Bildungsplattformen, Remote-Work-Strukturen und digitale Vermittlungssysteme investiert, positioniert sich an der Schnittstelle zwischen schrumpfenden und wachsenden Demografien. Das ist kein Altruismus, sondern wirtschaftliches Kalkül. Wer Talent und Kapital klug verbindet, macht hier den Unterschied.

  • Resiliente Städte brauchen Design, nicht nur Technologie

Ein Satz aus der Urbanisierungs-Session, der bei mir hängen blieb: „Zukunftsstädte brauchen bewusstes Design, nicht nur smarte Technologie.“ Nicht nur digital aufrüsten – sondern klug gestalten.

Kapstadt selbst ist die Fallstudie. Nach der Day-Zero-Wasserkrise wurde nicht nur technisch nachgerüstet, sondern systemisch gedacht. Die Stadt reagierte radikal: harte Verbrauchsgrenzen, massive Preissignale, öffentliche Transparenz über Wasserstände, Druckmanagement im Leitungsnetz, neue Quellen wie Grundwasser, Wiederaufbereitung und temporäre Entsalzung. Der Verbrauch sank zeitweise auf rund 50 Liter pro Person und Tag – weniger als ein Drittel des vorherigen Niveaus.

Die Investment-Relevanz: Für Investoren in Infrastruktur, Real Estate und Urban Tech liefert Kapstadt ein Modell, das über den Kontinent hinaus relevant wird. Denn systemische Adaptation wird in einer Welt, in der Klimarisiken und Ressourcenknappheit zunehmen zum Wettbewerbsvorteil.

6. Auch Deutschland rückt in den Fokus

Der Blick auf Afrika bedeutet für internationale Investoren nicht, Europa aus dem Blick zu verlieren.  In meinen Gesprächen mit Investoren aus den USA und Asien wurde deutlich: Deutschland wird nicht als Problemfall gesehen – sondern als Anwendungsmarkt mit identifizierten spezifischen Stärken.

Internationale Kapitalgeber richten den Blick auf konkrete Einsatzfelder. Deutschlands industrielle Struktur – vom Mittelstand über Maschinenbau bis zur Energie- und Automobilwirtschaft – gilt dabei als attraktives Umfeld für skalierbare KI-Anwendungen.

Die Investment-Relevanz: Unternehmen, die industrielle Daten, bestehende Kundenbeziehungen und operative Tiefe mit sinnvollen KI-Applikationen verbinden, schaffen Substanz. Genau darin liegt eine Chance für den Standort Deutschland, die international erkannt wurde. Nur von deutschen Investoren noch nicht.

  • Das Format entscheidet über die Ergebnisse

Was die Counder Conference von klassischen Wirtschaftskonferenzen unterscheidet, ist die konsequente Ausrichtung auf Entscheidung. Die mehrtägige Struktur mit informellen Elementen – gemeinsame Mahlzeiten, Wanderungen am sogenannten Connect Day – schafft die Beziehungsgrundlage, die komplexe Deals benötigen. Das sichtbarste Ergebnis dieses Formats ist sicher die AXON-Cassava-Partnerschaft, die im Rahmen der Konferenz finalisiert wurde. Aber die unsichtbareren Ergebnisse sind hunderte Folge-Meetings, Joint-Venture-Gespräche, Investmentprüfungen – und diese werden die kommenden Quartale prägen.

Die Investment-Relevanz: Der Zugang zu solchen Formaten ist ein Asset aus sich selbst. Hier wird nicht über Trends gesprochen – hier werden sie finanziert. Wer in diesem Ökosystem nicht präsent ist, erfährt von Deals, wenn sie in der Zeitung stehen.

Die übergreifende Erkenntnis und eine deutsch-afrikanische Gemeinsamkeit

Was ich aus diesen drei Tagen mitnehme: Die globale Investmentlandschaft verschiebt sich schneller, als es europäische Debatten vermuten lassen. Afrika profitiert von drei Entwicklungen zugleich: einer wachsenden Bevölkerung, dem direkten Aufbau moderner Infrastruktur ohne teure Altlasten und einer zunehmenden Einbindung in internationale Kapitalmärkte.

Auffällig ist dabei eine Parallele, die über den Kontinent hinausweist: In vielen Gesprächen zeigt sich, dass internationale Investoren häufig entschlossener agieren und Chancen gezielter identifizieren als lokale Kapitalgeber – sowohl in afrikanischen Märkten als auch in Deutschland. Wo heimisches Kapital zögert, entstehen Spielräume für ausländische Investoren. Damit verschieben sich Eigentümerstrukturen – auch in strategisch relevanten Branchen. Die Counder Conference war deshalb kein Signal für eine kommende Veränderung. Sie war Ausdruck einer Entwicklung, die bereits im Gange ist.

Carsten Puschmann ist Unternehmer und Start-up-Investor mit Fokus auf technologiegetriebene Geschäftsmodelle. Über unterschiedliche Investmentstrukturen ist er in Deutschland und den USA engagiert. Er schreibt regelmäßig über internationale Trends, Kapitalströme und strategische Marktentwicklungen.

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