Business & Beyond Die Konsumfalle TikTok und Co.: Wie 12-Jährige zu 1.200-Euro-Käufern werden

Die Konsumfalle TikTok und Co.: Wie 12-Jährige zu 1.200-Euro-Käufern werden

Influencer-Marketing trifft neurobiologische Schwachstelle: Eine DAK-Studie zeigt, wie Social-Media-Algorithmen und chinesische Billig-Plattformen Jugendliche zu problematischen Online-Käufern machen. Die Zahlen sind brutal – und Eltern schauen zu.

Willkommen in der Ökonomie der Dopamin-Kicks: 12,2 Prozent der 10- bis 17-Jährigen geben bis zu 1.200 Euro pro Jahr für Online-Käufe aus. Das entspricht hundert Euro monatlich – mehr als so mancher Erwachsene für Hobbys ausgibt. Die neue Mediensucht-Sonderanalyse der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf deckt auf, wie perfide die Mechanismen dahinter funktionieren. „Wenn Kaufimpulse vor allem über soziale Medien entstehen, müssen Kinder und Jugendliche lernen, Werbung und kommerzielle Interessen dahinter zu erkennen, sagte der Vorstandsvorsitzende der DAK-Gesundheit, Andreas Storm.

Die Influencer-Maschine läuft auf Hochtouren

Fast die Hälfte aller Jugendlichen (47 Prozent) wird durch Social-Media-Werbung auf Produkte aufmerksam, 40 Prozent folgen Influencer-Empfehlungen. Kein Zufall: Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube haben ihre Algorithmen darauf trainiert, Kaufimpulse auszulösen. „Junge Menschen sind aufgrund ihrer neurobiologischen und psychologischen Entwicklung besonders empfänglich für diese manipulativen Mechanismen“, erklärt Studienleiterin Kerstin Paschke vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters. Die Zahlen offenbaren ein System: 38 Prozent der 10- bis 17-Jährigen stöbern mindestens wöchentlich in Online-Shops.

Bei den 14- bis 17-Jährigen kauft bereits jeder Dritte (28,5 Prozent) monatlich ein. Ein Drittel gibt 10 bis 20 Euro monatlich aus, ein Viertel sogar 21 bis 50 Euro. Nicht mehr das Taschengeld für den Kiosk – das Budget für die Shopping-App.

Temu und Shein: Gamification statt Qualität

Während Amazon weiterhin Marktführer ist, schieben sich chinesische Plattformen wie Temu und Shein in die Top 5. Ihr Geschäftsmodell: Ramschpreise kombiniert mit Glücksspielelementen. Spin-the-Wheel-Rabatte, Countdown-Timer, Push-Notifications – psychologische Tricks, die bei erwachsenen Konsumenten funktionieren, bei Jugendlichen aber Suchtpotenzial entwickeln.

Bereits 1,2 Prozent der Altersgruppe gelten als problematische Online-Käufer, Mädchen (1,3 Prozent) häufiger als Jungen (1,0 Prozent). Die beliebtesten Produktkategorien: Kleidung, Schuhe und Accessoires dominieren mit 66,9 Prozent, gefolgt von Elektronik (43,6 Prozent) und Beauty-Produkten (29,7 Prozent). Fast Fashion meets Instant Gratification – eine explosive Mischung für unreife Impulskontrolle.

Business Punk Check

Hier prallen zwei Welten aufeinander: Die Marketing-Elite feiert Influencer-Commerce als Goldgrube, während Suchtforscher Alarm schlagen. Die Wahrheit? Beide haben recht. Plattformen und Brands verdienen prächtig an der Generation Z – aber sie schaffen gleichzeitig eine Kohorte verschuldeter Konsumenten mit dysfunktionalem Kaufverhalten. Für Unternehmen bedeutet das: Kurzfristig lassen sich Jugendliche hervorragend monetarisieren. Langfristig wird der Backlash kommen – spätestens wenn die ersten Sammelklagen wegen manipulativer Dark Patterns durch sind.

DAK-Chef Andreas Storm fordert bereits mehr Schutz durch Eltern, Schulen und Politik. Wer jetzt nicht in transparente Werbekennzeichnung und altersgerechtere Targeting-Mechanismen investiert, wird in fünf Jahren zum Buhmann der Gen Alpha. Die bittere Ironie: Viele Eltern der betroffenen Jugendlichen arbeiten selbst in Marketing, E-Commerce oder Social Media. Sie kennen die Mechanismen – lassen ihre Kinder aber sehenden Auges in die Falle tappen. Medienkompetenz beginnt nicht mit Verboten, sondern mit ehrlichen Gesprächen über kommerzielle Manipulation. Sonst wird aus dem 100-Euro-Sneaker-Haul der Zwölfjährigen die Schuldenfalle der Zwanzigjährigen.

Quelle: DAK-Mediensuchtstudie 2025/26 (DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters); Auszüge zusammengefasst nach Darstellungen u.a. von Präventions- und Fachportalen, t3n, heise

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