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Donald Putin

Während Elon Musk Venezuela schon mal freies Internet via Starlink anbietet, steckt Europa in der Zwickmühle. Merz, Macron und Co. wissen: Wer Russland sanktioniert, weil es die territoriale Integrität eines Staates verletzt, kann einen vergleichbaren Bruch durch Washington nicht folgenlos lassen, ohne seine eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren

Caracas, 3. Januar 2026: US-Jets, Explosionen, Spezialkräfte. In dieser Nacht wurde Venezuelas Präsident Nicolás Maduro – so die Darstellung Washingtons – in einem koordinierten Militäreinsatz von amerikanischen Einheiten festgenommen und in die USA verschleppt. US-Präsident Donald Trump verkauft das als „law-enforcement strike“, als chirurgische Operation als Zugriff auf einen „Narco-Terroristen“. Tatsächlich handelt es sich um einen militärischen Überfall auf souveränes Staatsgebiet ohne UN-Mandat, ohne akute Selbstverteidigungslage und ohne tragfähige völkerrechtliche Grundlage. Genau hier beginnt die strukturelle Nähe zu Russlands Vorgehen in der Ukraine: Macht setzt Recht außer Kraft, erst kommt das Interesse, dann die Begründung.

Die bekannten Rekonstruktionen lesen sich wie ein geopolitischer Actionfilm mit Pentagon-Budget: Hinweise aus dem inneren Machtzirkel, Luftschläge, Zugriff durch Spezialkräfte, Bilder eines gefesselten Staatschefs, den Trump demonstrativ zur Schau stellt. Das ist kein Polizeieinsatz, das ist Regimewechsel per Kommando. Dass Trump im gleichen Atemzug ankündigt, die USA würden Venezuela „vorübergehend führen“, bis ein geordneter Übergang möglich sei, macht klar, worum es wirklich geht: um Kontrolle.

Wer diese Eskalation verstehen will, muss nicht bei Maduro anfangen, sondern bei einer alten amerikanischen Idee: der Monroe-Doktrin von 1823. Ihr Kern lautet bis heute: Die westliche Hemisphäre ist amerikanische Einflusssphäre, externe Mächte haben dort nichts zu suchen. Über Jahrzehnte war diese Doktrin die ideologische Klammer für Interventionen in Lateinamerika. Trump hat dieses Denken nicht nur rhetorisch reaktiviert, sondern politisch enttabuisiert. Venezuela ist in dieser Logik kein Sonderfall, sondern ein Lehrbuchbeispiel.

Hinzu kommt der eigentliche Treiber, über den in Washington niemand wirklich schweigt: Energie. Venezuela verfügt nach Daten der US Energy Information Administration über rund 300 Milliarden Barrel nachgewiesener Erdölreserven – mehr als Saudi-Arabien, mehr als Kanada, etwa 17 Prozent der globalen Reserven. Energieökonomen wie Francisco Monaldi von der Rice University betonen seit Jahren, dass Venezuelas Problem nie der Mangel an Ressourcen war, sondern politische Abschottung und Missmanagement. Trump spricht nun offen davon, US-Ölkonzerne beim „Wiederaufbau“ einzusetzen. Das ist keine humanitäre Mission, das ist Ressourcenpolitik mit militärischer Absicherung.

Dass dieser Schritt kein spontaner Akt ist, wurde bereits nach dem Gipfeltreffen von Trump und Putin in Anchorage, Alaska, diskutiert. Damals äußerte in Deutschland der Philosoph Richard David Precht in einem Podcast öffentlich die These, Venezuela könne Teil eines größeren geopolitischen Arrangements werden – ohne Belege, aber mit Verweis auf klassische Einflusszonendenke. Die „Venezuela-Theorie“ war geboren. Nach den Bomben von Caracas wirkt diese These weniger wie Talkshow-Spekulation, sondern mehr wie nüchterne Analyse: Große Mächte ordnen die Welt wieder entlang von Machtachsen, nicht entlang von Regeln.

Der Vergleich mit Russland ist heikel, aber notwendig. Moskau rechtfertigte den Überfall auf die Ukraine mit Sicherheitsinteressen, Washington rechtfertigt den Überfall auf Venezuela mit Drogenbekämpfung und Strafverfolgung. Rhetorisch ist das unterschiedlich, strukturell identisch: Nationale Interessen werden zur moralischen Pflicht erklärt, das Völkerrecht zur Verhandlungsmasse degradiert. Genau das ist der Punkt, an dem sich die Systeme ähneln – unabhängig davon, wie sehr sich ihre Werte rhetorisch unterscheiden. Natürlich ist Wolodymyr Selenskyj nicht Nicolás Maduro. Die Ukraine ist eine angegriffene, wenn auch unfertige Demokratie, Venezuela ein autoritär deformierter Staat mit massiven Menschenrechtsproblemen. Dieser Unterschied ist real und wichtig. Er ist jedoch kein Freibrief für militärische Interventionen ohne internationales Mandat. Wer akzeptiert, dass Autokraten per Kommando entmachtet werden dürfen, akzeptiert am Ende eine Welt, in der Recht nicht mehr für die gilt, für die es gemacht ist: die Schwächeren.

Stand jetzt befindet sich Maduro nach US-Angaben in amerikanischem Gewahrsam, während in Caracas US-Machtansprüche bestritten und Beweise für sein Überleben gefordert werden. Die UN beraten im Krisenmodus, Lateinamerika ist gespalten, die Märkte reagieren nervös. Aus dem Silicon Valley kommt auffällige Stille – mit einer Ausnahme: Elon Musk applaudiert öffentlich und bietet Venezuela für eine Übergangszeit freies Internet via Starlink an. Der Rest der Tech-Elite schweigt, als ginge sie das alles nichts an.

Besonders entlarvend ist der Blick nach Europa. Emmanuel Macron sprach von einer Chance für einen demokratischen Neuanfang, mahnte aber einen geordneten Übergang an. Friedrich Merz betonte die Bedeutung internationaler Rechtsprinzipien, nannte die Lage jedoch „komplex“ und vermied eine klare rechtliche Bewertung des US-Einsatzes. Keir Starmer zeigte Verständnis für den Wunsch nach Stabilität, pochte zugleich auf die Achtung des Völkerrechts. Das alles klingt ausgewogen, ist aber vor allem eines: defensiv.

Denn wenn Europa konsequent wäre, müsste es mehr tun, als Besorgnis zu äußern. Es müsste den Rechtsbruch klar benennen – auch wenn er von einem Verbündeten begangen wird. Es müsste zumindest ernsthaft darüber nachdenken, welche politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen ein solcher Präzedenzfall haben muss. Wer Russland sanktioniert, weil es die territoriale Integrität eines Staates verletzt, kann einen vergleichbaren Bruch durch Washington nicht folgenlos lassen, ohne seine eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren. Europa steht vor der Entscheidung, ob es normative Macht sein will oder geopolitischer Zuschauer bleibt. Strategische Autonomie beginnt nicht bei Rüstungsprojekten, sondern bei der Bereitschaft, Prinzipien auch gegenüber Freunden zu verteidigen.

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