Business & Beyond Hitze trifft Krieg: Europas Wirtschaft im Doppelstress

Hitze trifft Krieg: Europas Wirtschaft im Doppelstress

Atomkraftwerke drosseln, Frachter kämpfen mit Niedrigwasser, Bauern ernten nachts: Europas Hitzesommer wird zum handfesten Wirtschaftsproblem. Gleichzeitig treibt der Iran-Krieg die Gaspreise nach oben – und der nächste teure Winter steht schon vor der Tür.

Europa schwitzt – und die Rechnung wird größer. Während Hitze, Dürre und ausgetrocknete Flüsse Industrie, Landwirtschaft und Energieversorgung ausbremsen, trifft die nächste geopolitische Krise einen Kontinent, dessen Wachstum ohnehin kaum vom Fleck kommt.

Wenn der Donau das Wasser ausgeht

Rumänien musste am Donnerstag drastisch reagieren: Der staatliche Atomkonzern Nuclearelectrica begann, seinen einzigen laufenden Reaktor herunterzufahren. Der Grund ist kein technischer Defekt, sondern zu wenig Wasser in der Donau. Die Pegelstände sind auf Rekordtiefs gefallen – damit fehlt ausgerechnet jenes Wasser, das für die Kühlung des Kraftwerks gebraucht wird. Rumänien rief für den gesamten August den Energienotstand aus und bat Unternehmen sowie Haushalte, ihren Stromverbrauch freiwillig zu senken. Das Problem zieht sich quer durch Europa. Auch Frankreich und Ungarn mussten die Leistung einzelner Atomkraftwerke wegen niedriger Flusspegel und hoher Temperaturen reduzieren. Gleichzeitig verschärft die Dürre Waldbrände und drückt die Ernteerträge. Aus einem Wetterproblem wird so ziemlich schnell ein Problem für Strompreise, Lebensmittelpreise und Wachstum.

180 Milliarden Euro könnten verdampfen

Wie teuer dieser Sommer werden könnte, zeigt eine Schätzung der niederländischen Triodos Bank: Extreme Temperaturen könnten Europa 2026 rund 180 Milliarden Euro kosten, etwa ein Prozent der Wirtschaftsleistung. Das entspricht ungefähr dem gesamten erwarteten Wachstum der Europäischen Union in diesem Jahr. Der größte Schaden entsteht dabei nicht zwingend durch spektakuläre Katastrophenbilder, sondern im normalen Arbeitsalltag. Menschen sind bei extremer Hitze weniger produktiv, Baustellen und Fabriken müssen Abläufe umbauen, Landwirtschaft, Energieversorgung und Transport geraten unter Druck. Europa erlebt in dieser Woche bereits die fünfte Hitzewelle des Jahres. Teile Großbritanniens, Frankreichs, Spaniens und Italiens stehen unter Extremhitze-Warnungen. Der Westen Europas hatte zuvor schon den heißesten Juni und Juli seit Beginn der Aufzeichnungen erlebt. Selbst Paris musste kapitulieren: Eiffelturm und Louvre schlossen an besonders heißen Tagen früher.

Europas Wachstum hat keinen Puffer

Nicht alle Ökonomen erwarten, dass die Hitze Europas Wachstum tatsächlich so massiv trifft. Die Unternehmensstimmung verbesserte sich im Juli, und in der ersten Jahreshälfte legte die Wirtschaftsleistung zu. Das Problem: Der Hitzeschock trifft auf eine Wirtschaft, die schon genügend andere Baustellen hat. US-Zölle belasten den Handel, chinesische Konkurrenten setzen Europas Industrie unter Druck und der Iran-Krieg treibt die Energiekosten nach oben. Besonders unangenehm ist die Kombination aus Hitze und Energieknappheit. Klimaanlagen treiben im Sommer den Stromverbrauch und damit teilweise auch den Gasbedarf hoch – genau in dem Moment, in dem Europa seine Speicher für den Winter füllen müsste. Die Gaspreise bewegen sich bereits nahe ihren höchsten Ständen seit Beginn des Iran-Kriegs und liegen fast doppelt so hoch wie vor einem Jahr.

Der Rhein wird zur Wachstumsbremse

Was niedrige Wasserstände volkswirtschaftlich bedeuten, zeigt sich besonders deutlich in Deutschland. Der Rhein ist eine der zentralen Transportadern der europäischen Industrie: Stahl, Chemikalien, Rohstoffe und Treibstoffe werden über den Fluss bewegt. Doch wenn das Wasser fehlt, können Frachter nur noch einen Teil ihrer üblichen Ladung aufnehmen. ING-Ökonomen schätzen, dass die Rekord-Niedrigwasserstände das deutsche Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte drücken könnten. Für eine Volkswirtschaft, die ohnehin mit weniger als einem Prozent wächst, ist das alles andere als Kleingeld. BASF warnt bereits, bestimmte chemische Produkte möglicherweise nicht wie geplant liefern zu können, weil wichtige Rohstoffe nicht ausreichend über den Rhein transportiert werden können. Der Konzern verlagert Transporte auf Lkw und Bahn und setzt zusätzliche Schiffe ein, die speziell für flaches Wasser konstruiert wurden. Mehrere Bundesländer lockerten sogar vorübergehend das Sonntagsfahrverbot für Lastwagen. Ein paar Zentimeter weniger Wasser – und Europas größte Volkswirtschaft bekommt das Problem direkt in der Lieferkette zu spüren.

Klimaanpassung kostet Milliarden

Die Europäische Kommission hat längst eine Vorstellung davon, was nötig wäre, um Europas Wirtschaft widerstandsfähiger gegen solche Extremereignisse zu machen. Rund 70 Milliarden Euro müssten die EU-Staaten nach ihrer Einschätzung jedes Jahr bis 2050 in Klimaanpassung investieren. Das Geld könnte neue Infrastruktur schaffen und Investitionen anschieben, belastet aber zugleich Staatshaushalte, die vielerorts ohnehin kaum Spielraum haben. Unternehmen warten deshalb nicht überall auf die Politik. Manche Anpassung wirkt beinahe absurd pragmatisch: Auf der Rookery Farm in England beginnt die Ernte inzwischen teilweise um drei Uhr morgens. Früher ging es vor allem darum, dem Regen auszuweichen. Heute können Pflanzen durch die Hitze so trocken werden, dass nachts geerntet werden muss, um die Qualitätsanforderungen der Kunden zu erfüllen. Der Klimawandel verändert damit nicht nur Erntemengen, sondern inzwischen sogar die Uhrzeit, zu der gearbeitet wird.

Europas Winterproblem beginnt im August

Während Europa unter der Sommerhitze ächzt, baut sich bereits das nächste Problem auf: Die Gasspeicher der EU waren am Dienstag nur zu 59 Prozent gefüllt. Das liegt deutlich unter dem für diese Jahreszeit üblichen Niveau und ungefähr auf dem Stand des Sommers 2021 – jenem Jahr, in dem Russland begann, seine Gaslieferungen nach Europa einzuschränken. Besonders heikel ist die Lage am Persischen Golf. Die Straße von Hormus ist weiterhin faktisch blockiert. Durch die Meerenge läuft normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Angebots an Flüssigerdgas. Nur wenige LNG-Tanker schaffen es derzeit hinaus, und die verfügbaren Lieferungen gehen verstärkt nach Asien, wo die Nachfrage hoch ist und Käufer bereit sind, entsprechend zu zahlen. Europa muss damit ausgerechnet in der wichtigsten Einkaufsphase für den Winter um knapper werdende Ladungen konkurrieren.

Keine Energiekrise wie 2022 – noch nicht

Energieexperten erwarten bislang keine Wiederholung der dramatischen Krise von 2022. Europa hat sich seit Russlands Angriff auf die Ukraine verändert: Russische Pipeline-Lieferungen wurden massiv reduziert, neue LNG-Kapazitäten aufgebaut und der Gasverbrauch gesenkt. Nach Einschätzung von Rystad Energy liegt Europas Gasnachfrage heute rund 20 Prozent unter dem Niveau von 2021. Auch Wood Mackenzie hält die Gefahr echter Engpässe oder Blackouts für übertrieben. Europa sei finanziell stark genug, sich im Zweifel zusätzliche Lieferungen auf dem Weltmarkt zu sichern. Das klingt beruhigend – bis man sich anschaut, welchen Preis Europa dafür zahlen müsste.

Gas ist fast doppelt so teuer

Der europäische Benchmark-Gaspreis schloss am Mittwoch bei 61 Euro je Megawattstunde. Am gleichen Tag des Vorjahres waren es noch 32 Euro. Gas kostet damit fast doppelt so viel wie vor zwölf Monaten – und der Winter hat noch nicht einmal begonnen. Bleibt die Straße von Hormus geschlossen, könnten die Preise in den kalten Monaten noch einmal deutlich anziehen. Europas Wirtschaft steckt damit in einer unangenehmen Zange: Im Sommer drücken Hitze, Dürre und Niedrigwasser auf Produktivität und Industrie, während der Iran-Krieg gleichzeitig das Auffüllen der Energiespeicher für den Winter erschwert. Der Kontinent hat seit 2022 gelernt, Energiekrisen besser zu managen. Nur hilft selbst die beste Krisenroutine wenig gegen eine ziemlich simple Rechnung: Wenn Klimastress und geopolitischer Stress gleichzeitig zuschlagen, wird es verdammt teuer.

Das könnte dich auch interessieren