Business & Beyond Hormus unter Beschuss, Berlin zittert und die Energiewende rettet uns nicht

Hormus unter Beschuss, Berlin zittert und die Energiewende rettet uns nicht

Öl schießt hoch, Gas dreht durch, die Speicher sind halb leer. Drei Tage Nahost reichen – und Deutschlands Energie-Illusion zerbröselt. Willkommen in der Realität des Weltmarkts.

Drei Tage haben gereicht, um die Illusion von Deutschland als autark werdendes Energiewende-Land zu zerbröseln wie altes Mauerwerk. Seit dem vergangenen Wochenende zeigt der Weltmarkt, wer am längeren Hebel sitzt: nicht die Verbraucher, nicht die Industrie, nicht nationale Regierungen, sondern die Geopolitik. Und Deutschland ist verwundbar wie eh und jeh.

Beim Öl sieht der Sprung im Chart aus wie ein Herzschlag unter Adrenalin: Brent kletterte von rund 72,5 Dollar je Barrel (27. Februar) auf mehr als 82 Dollar am Dienstag, also grob plus 14 Prozent in wenigen Handelstagen. Und dann das Gas: Beim europäischen Leitpreis TTF schoss der Preis für die nächstfällige Lieferung von rund 32 Euro je Megawattstunde (27. Februar) auf Werte jenseits der 50 Euro am 3. März. Das ein Satz, der jede Kalkulation in der energieintensiven Industrie in die Kniekehlen tritt. An den Zapfsäulen kommt das mit Verzögerung an, aber es kommt: Der ADAC registrierte bei E10 und Diesel seit Freitag bis Montagnachmittag ein Plus von sieben bis acht Cent je Liter. Autofahrer erleben seit Dienstag Preissprünge von mehr als 20 Cent. Der Tankstellen-Interessenverband spricht von „großem Andrang“ und „Schlangen“. Es herrscht Ausnahmezustand.

Der Auslöser ist der Krieg im Iran, der die Weltwirtschaft an einer empfindlichen Stelle trifft: die Straße von Hormus. Dieses Nadelöhr ist kein exotischer Name für Landkartenromantiker, sondern die Engstelle, durch die ein beträchtlicher Teil des global verschifften Öls und Flüssiggas‘ läuft. Wenn dort der Verkehr riskant wird, wird Energie teurer und zwar überall: auch in Deutschland, das Öl und Gas fast vollständig importieren muss. Und weil Märkte Zukunft handeln, genügt schon die Drohung mit Störung, um Preise zu bewegen: Risikoaufschläge sind die neue Währung.

Flüssiggas schützt nicht vor Preisanstieg

Hinzu kommt ausgerechnet das, was Europa seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 als Sicherheitsgurt entdeckt hat: eben Flüssiggas. Als Katar nach Angriffen die LNG-Produktion zeitweise stoppte, wurde spürbar, wie schnell aus „globaler Markt“ ein „globaler Engpass“ werden kann. Deutschland kann LNG zwar physisch inzwischen besser anlanden als früher. Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Mukran/Rügen: Das Netz hat neue Zuflüsse bekommen. Aus Mukran ging zuletzt sogar Gas weiter Richtung Ukraine. Aber LNG ist kein Schutzschild gegen Preisschocks, sondern ein Umweg, der am Weltmarktpreis hängt. 2025 kam Gas, das  für 1.031 Terrawattstunden (TWh) Strom reichte, nach Deutschland, ein Teil davon über LNG-Terminals; doch selbst wenn die Moleküle an der Nordsee anlanden, werden sie zu Preisen bewertet, die in Asien, am Golf und auf den Terminkontrakten geschrieben werden.

Und dann sind da die Speicher. Sie sind sozusagen Deutschlands strategische „Thermoskanne“ für den Winter. Und diese Kanne ist aktuell auffällig leer: um die 20,8 Prozent (3. März, morgens), also deutlich niedriger als in den Vorjahren, wo zu Jahresbeginn der Füllstand jeweils bei 80 Prozent gelegen hatte. Das klingt nach Alarm, ist aber angeblich noch keine Mangellage. Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller sagt dazu: „Es gibt keine Gasmangellage, weil die Versorgung mit Gas in Deutschland und Europa stabil ist.“ Stabil – mag sein. Günstig ist sie nun aber nicht mehr. Versorgungssicherheit und Preisstabilität sind zwei Paar Schuhe, und gerade marschieren sie nicht im Gleichschritt.

Die Energiewende ist in dieser Situation keine Rettungsweste. Sie kann dämpfen – aber sie kann das Desaster nicht aufhalten. Beim Strom sind die Erneuerbaren inzwischen das Rückgrat: 2025 deckten sie laut den Experten von Agora rund 55,3 Prozent der Stromnachfrage. Das ist eine gewaltige Verschiebung gegenüber der fossilen Vergangenheit und es hilft, weil jede Kilowattstunde Wind und Sonne weniger Gasverstromung bedeutet.

Strom ist längst nicht alles

Nur: Strom ist eben nicht „die“ Energie. Deutschlands gesamter Energieverbrauch besteht immer noch zu großen Teilen aus Molekülen: Öl im Tank, Gas im Kessel, Prozesswärme in der Industrie. In der Gesamtbilanz lag der Anteil der Erneuerbaren 2025 laut AG Energiebilanzen, einem Zusammenschluss der deutschen Energieversorger, bei rund 20,6 Prozent des Primärenergieverbrauchs. Der Rest ist weiter fossil und damit preisanfällig. Der Ersatz funktioniert noch schleppend. Am schnellsten geht es noch dort, wo es elektrische Lösungen auf dem Markt gibt: Wärmepumpen statt Gasheizung, E-Auto statt Verbrenner, elektrische Prozesswärme, wo sie technisch möglich ist. Dazu kommt perspektivisch grüner Wasserstoff für die Härtefälle. Aber diese Umstellung ist ein Marathon: Netze, Genehmigungen, Geräte, Fachkräfte, Investitionsbudgets. Solange der Gebäudebestand mehrheitlich mit Gas und Öl heizt und der Verkehr überwiegend Öl verbrennt, bleibt jeder Konflikt an einer Meerenge ein Preissignal bis ins deutsche Wohnzimmer.

Sehnsüchtig können die Deutschen in so einer Situation nach Frankreich schauen. Dort ist das Energiesystem besser für solche Schocks gerüstet. Frankreich hat 2025 insgesamt 547,5 TWh Strom produziert mit einer „part décarbonée“ von  mehr als 95 Prozent. Allein die Kernenergie lieferte 373 TWh. Das bedeutet nicht: Frankreich ist immun. Aber es bedeutet: Der Strompreis hängt dort viel seltener am Gas. Deutschland dagegen hat nach dem Atomausstieg keinen nuklearen Puffer mehr – und in windarmen und sonnenarmen Phasen springt häufiger Fossiles ein. Das macht die Stromseite empfindlicher, wenn die Gaspreise wie jetzt durch die Decke gehen.

Russland ist aus dem Spiel

Dazu kommt: Auch Russland ist aus dem Spiel. Die politische Linie in Deutschland und Europa ist seit 2022 klar: raus aus der Abhängigkeit von Moskau. In Brüssel ist inzwischen sogar ein schrittweises Verbot für russisches Pipelinegas und LNG beschlossen – mit Übergängen, aber mit dem Ziel, spätestens 2027 weitgehend Schluss zu machen. Diese Haltung mag politisch konsequent sein, sie bedeutet aber auch: Europas Gasversorgung klammert den größten und nächsten Lieferanten aus. Das ist der Preis dieser politisch gewollten Form der Diversifizierung.

Vor diesem Hintergrund kann die Energiewende Deutschland vor dem aktuellen Energiepreisschock nicht bewahren. Es stimmt: Der Ausbau von Wind und Sonne senkt langfristig Importabhängigkeiten und kann Preisspitzen abmildern – vor allem beim Strom. Aber solange Erneuerbare im Gesamtenergieverbrauch erst rund ein Fünftel ausmachen und Öl und Gas die großen Blöcke in Verkehr, Wärme und Industrie stellen, bleibt Deutschland verwundbar. Die Energiewende gleicht einem langsam hochgezogenen Deich: Er wirkt, aber bei Sturmflut ist er noch längst nicht hoch genug.

Das könnte dich auch interessieren