Business & Beyond „Ich liebe Deutschland“

„Ich liebe Deutschland“

Céline Flores Willers gehört zu den bekanntesten LinkedIn-Stimmen Deutschlands. Im Interview spricht die Gründerin der People Branding Company über CEO-Kommunikation, KI im Agenturgeschäft und ihre klare Haltung: „Ich liebe Deutschland“.

2020 hat sie selbst gegründet: The People Branding Company, ein Unternehmen das Marken und Menschen vor allem mit Hilfe von LinkedIn positioniert. Inzwischen erwirtschaften 25 Angestellte einen Millionenumsatz, zu ihren Kunden zählen diverse Dax-Konzerne und sie selbst gehört mit ihren mehr als 220.000 Followern auf LinkedIn zu den Top-Voices in Deutschland. Ich treffe Céline Flores Willers in einem Café in Duisburg, sie besucht dort ihren Vater. Sie strahlt. Sie sprüht vor Optimismus. Sie umarmt Veränderung.

Business Punk: Céline, als wir uns neulich für heute verabredet hatten, warst Du in Südafrika – wie war der Urlaub?

Céline Flores Willers: Schon schön. Aber eines stört: Die ganze Zeit dort hat überschattet, dass es kein Ende der Apartheid gibt. Es fällt mir sehr schwer zu akzeptieren, dass ich in den vier Wochen, in denen ich da war, nichts daran ändern kann. Das quält. Jede Uber-Fahrt wurde zum politischen Diskurs. Dieses Kapstadt-Leben, was einige von uns da unten manchmal für zwei Monate führen, ist ja nicht das echte Kapstadt, das ist ja Matcha Latte.

Business Punk: Gründer machen sich fernab der Realität einen schönen Lenz und posten unter Ausschluss der Wirklichkeit . . .

. . . ich kann die Kritik verstehen, weil die Bilder sehr schnell den Eindruck erzeugen. Es ist wichtig, genauer hinzusehen. Viele fahren hin, und nehmen nur das Gute mit. Das gute Wetter, das günstige Essen, zwei Monate Highlife machen und wieder zurück. Aber es gibt auch die anderen. Die sind wirklich interessiert, die gehen in Townships und werben dort dafür, sich selbständig zu machen. Unternehmer zu werden. Ich finde: Wer sich entscheidet regelmäßig nach Südafrika zu fahren, der sollte auch etwas zurückgeben. Der sollte etwas dalassen.

Business Punk: Was hast Du von Deiner Reise mitgenommen?

Ich bin ein großer Verfechter von Remote Work. Mir fällt es aber unglaublich schwer, um 17 Uhr den Laptop zuzumachen, wenn ich noch so viele Ideen habe, die ich umsetzen will. Auf der anderen Seite bin ich wahnsinnig gut darin, richtig Urlaub zu machen. Das sind nicht viele Gründer. Ich gucke dann nie in meine E-Mails. Ich habe dann meine LinkedIn-App gelöscht, ich bin nicht auf Instagram. Ich bin wirklich off. Ich kann nur Vollgas arbeiten oder Vollgas Urlaub, dazwischen kann ich nichts.

Business Punk: Céline, ihr arbeitet in deinem Unternehmen komplett remote. Viele Firmen drehen das gerade zurück. Wie macht ihr das?

Wir bleiben bei 100 Prozent remote und haben auch kein festes Büro. Unser Job ist es, die Sichtbarkeit von Menschen und Unternehmen in der digitalen Welt zu steigern. Also zu sagen: Hallo, es gibt uns überhaupt. Dafür sind wir als Berater natürlich auch viel beim Kunden vor Ort. Da brauchst Du kein permanentes Büro für alle.

Business Punk: Was ist euer Rezept?

Grundsätzlich stellen wir den Menschen in den Fokus der Unternehmenskommunikation. Das ist die erfolgreichste Strategie auf LinkedIn. Der Account eines Menschen bekommt viel mehr Reichweite als der eines Unternehmens. Wenn Du nur eine Sache machen kannst, dann positionier den Kopf Deines Unternehmens.

Business Punk: Das macht ihr mit einigem Erfolg. Dein Unternehmen wächst. Wie hast Du entdeckt, dass du das kannst?

Was ich kann, ist, superneugierig zu sein. Ich bin auf die Idee gestoßen, bei LinkedIn Gas zu geben. Ich hatte auf einem meiner ersten Videos 10.000 Ansichten. Da dachte ich: Krass, ich habe zwar noch nicht so viel zu sagen wie die anderen hier, aber trotzdem hat das so eine Reichweite. Dann habe ich alles auf die Karte gesetzt und neben dem Studium am Wochenende Content produziert. Drei Videos pro Woche gepostet. Das ging total ab.

Business Punk: Hat Dich jemand unterstützt?

Ich war Werkstudentin bei EY. Dem CEO sind meine Videos aufgefallen. Der hat mir dann einfach ein Meeting einstellen lassen für ein Treffen mit ihm. Ich dachte „Mein Gott“ und war total aufgeregt. Wir haben uns in der Cafeteria getroffen und er sagte nur, dass er es gut fände, dass ich ganz neue Wege gehe. Er fragte, ob er als CEO auch einen LinkedIn-Account brauche. Seinen Account mitaufzubauen, wurde dann meine Aufgabe bei EY. Auf einmal war die Kommunikation authentisch mit Ecken und Kanten. Wir haben Videos gemacht, wie er mitten unter seinen Leuten im T-Shirt beim Fußballgucken stand. Das ist viral gegangen, komplett durch die Decke. Das hat speziell junge Mitarbeiter für EY eingenommen.

Business Punk: Brauchen junge Gründer Mentoren?

Jeder braucht jemanden, der sagt, ich lasse die oder den jetzt einfach mal machen.

Business Punk: Machen alle CEOs mit Begeisterung auf Social Media mit?

Im Dax hat jeder CEO kapiert, dass das eine strategisch relevante Aufgabe ist. Du kannst als CEO nicht sagen: Nee, in die Öffentlichkeit gehe ich nicht. Kommunikation ist eine Hauptaufgabe. Mit Aktionären, Stakeholdern, Journalisten, der Belegschaft. Der CEO ist das wichtigste und relevanteste Sprachrohr eines Unternehmens. Das kann man mit Hilfe von LinkedIn noch verstärken und steuern. Christian Klein von SAP ist da ein Paradebeispiel.

Business Punk: Oliver Blume von VW nicht so . . .

Oliver Blume hat nicht mal einen LinkedIn Account. Ich finde das fatal. Wer CEO-Kommunikation auf LinkedIn nicht professionell nutzt, verschenkt riesige Potenziale. Es ist der einfachste, wirksamste und günstigste Weg für ein Unternehmen, wenn es mit seinem CEO in die Kommunikation geht. Je weniger Budget du hast, desto eher musst du auf den CEO setzen.

Business Punk: War das jetzt dein Pitch?

Ich muss keine Klinken putzen. Ich habe Jahre in unsere Sichtbarkeit als Unternehmen investiert. Die Früchte ernte ich jetzt, in dem uns die Kunden fast von allein durch die Tür spazieren. Sie wissen um die Relevanz.

Business Punk: Wessen Account würdest Du gern betreuen?

In der Automobilbranche kann man noch mehr machen. Die müssen doch alle ihre Aktionäre bei Laune halten. Ansonsten kehren die der Branche den Rücken zu. Auch Führungskräfte einzustellen, wird viel einfacher mit einer guten LinkedIn-Kommunikation.

Business Punk: Dein Geschäft fußt auf LinkedIn – ein Klumpenrisiko?

Ich sehe weltweit nicht mal in Ansätzen eine Plattform, die in der Lage ist, LinkedIn abzulösen. Da bewerben sich pro Minute 9500 Menschen auf Stellen. Das ist weltweit die größte Jobbörse. Und falls sich doch etwas schneller ändert, als ich das erwarte, macht das auch nichts: Wir sind nicht nur LinkedIn-Beratung, wir sind eine Redaktion, die die Inhalte von Kunden gut umsetzt. Da ist die Plattform fast egal.

Business Punk: Habt ihr den direkten Kontakt zu LinkedIn?

Klar, das müssen wir und das erwarten unsere Kunden von uns. Wir müssen schnell reagieren können, wenn irgendetwas nicht passt. Denk mal an die ganzen Cyber-Attacken und Account-Sperrungen. Die werden durch KI immer perfekter. Gegen das, was da heute abgeht, ist das, was früher geschah, Schrott.

Business Punk: Was bedeutet die Veränderung, die wir durch KI erleben, für Dich und Dein Unternehmen?

Als das Ende 2023 mit ChatGPT losging, wusste ich: Das wird unser ganzes Business verändern. Deswegen war klar, wir müssen es mitgestalten. Einige Mitarbeitende bei uns hatten wirklich Angst, dass sie ihren Job verlieren. Ich musste einen Plan haben. Ich habe mich jeden Freitag hingesetzt, jede Woche habe ich einen ganzen Tag lang KI-Tools getestet. Du kannst Dinge nur richtig begreifen, wenn du sie wirklich benutzt.

Business Punk: Was hast Du herausgefunden?

Viele Aufgabenstellungen, die wir und unsere Kunden haben, lassen sich mit KI super lösen. Wir werden effizienter. Wir können Kunden Tools in die Hand geben, wodurch sie Aufgaben lösen, für die sie uns heute noch brauchen.

Business Punk: Ihr macht Euch überflüssig?

Warum nicht? Wir werden dann eben von einer Agentur zu einem Software-Unternehmen. Wenn wir so den gleichen Umsatz mit weniger Leuten machen, wäre das doch super. Aber das ist nicht die Idee. Wir wollen auch in der Beratung wachsen. Wir haben zusätzlich ein eigenes Tool gebaut. Es heißt Storytide. Mit den neusten Funktionen gehen wir demnächst raus.

Business Punk: Zeig mal!

Mach ich, ich bin so stolz darauf. (klappt den Laptop auf) Letztendlich kannst Du Deine Belegschaft steuern und es gibt ein CEO-Feature. Hier sind die Posts, sie durchlaufen den Prozess im Kanban-Board von Idee über Review bis Veröffentlichung. Hier kann ich als CEO Feedback per Sprachnachricht senden – bislang läuft exakt dieser Prozess auf drei bis vier verschiedenen Tools. In Storytide führen alles zusammen. Damit können wir ein Fünftel mehr Kunden mit dem gleichen Team betreuen. Wir testen immer erst selbst und verkaufen dann. Es ist so geil, damit zu arbeiten.

Business Punk: Das ist Innovation – selbstgemacht!

Genau. Das unterscheidet uns von anderen. Ich bin neugierig. Ich bin Innovation. (An dieser Stelle spricht Siri dazwischen, weil Céline noch den Sprachmodus angelassen hatte: „Das habe ich nicht verstanden.“ – „Ich weiß liebe Siri, Du verstehst ganz selten etwas. Du bist so schlecht“, sagt Céline.) Ich interessiere mich für die Zukunft. Du musst jeder Veränderung, die kommt mit dem größten Enthusiasmus entgegentreten. Das tue ich. Ich habe nie Angst davor.

Business Punk: Suchst Du Mitarbeiter danach aus, dass sie so drauf sind wie Du?

Wir haben drei Werte, mehr kann sich kein Mensch merken: Begeisterung, Wertschätzung, Verantwortung. Ich würde allen unseren Mitarbeitern zuschreiben, dass sie Bock haben, die Zukunft zu gestalten. Aber die können sich natürlich nicht jeden Tag mit der Zukunft beschäftigen. Dafür gibt es ja mich.

Business Punk: Siehst Du Unterschiede in der Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen?

Wir haben bei uns im Team einen großen Frauenüberhang. Wir haben eine ganz schlechte Männerquote.

Business Punk: Das geht ja gar nicht.

Nee, oder? Wir haben immer die eingestellt, die im konkreten Bewerbungsprozess die besten waren. Das waren halt immer Frauen. Allgemein gesprochen nehme ich aber Männer als schneller in der Entscheidung wahr. Sie sind pragmatischer. Frauen als Kundinnen benötigen drei Calls mehr. Die haben viel mehr Rückfragen, fordern viel mehr Leistung ein, was ja gut ist. Und am Ende wollen sie auch noch was am Preis machen (lacht). Männer machen schneller einen Haken dran.

Business Punk: Welcher Enthusiasmus packt dich als nächstes?

Ich weiß, dass meine jetzige Company nicht die letzte sein wird, die ich gegründet habe.

Business Punk: Was willst Du tun?

Mich triggern noch ganz andere Themen. Zum Beispiel Müll. Was für ein saucooles Thema ist Müll! Es gibt immer welchen, ich habe keine Ahnung, wo der überall landet, ich kann mir nur vorstellen, dass man da viele neue Geschäftsfelder und Innovationen bringen kann, die die ganze Branche umkrempeln. Ich hätte mal Bock, mir so eine ganze Industrie unter den Nagel zu reißen.

Business Punk: In Afrika?

Warum nicht?

Business Punk: Der Kanzler fordert Höchstleistungen zu Hause. Wie siehst Du Deutschland?

Ich liebe Deutschland. Deutschland ist das tollste Land der Welt. Ich würde mir keinen anderen Platz auf der Welt zum Leben aussuchen. Wir dürfen in Frieden leben, wie haben eine Mega-Infrastruktur in jeder Hinsicht, es gibt für alles eine Regel, das ist natürlich gut und schlecht zugleich. Aber bei uns funktionieren Dinge. Wenn wir es ein bisschen entschlacken, dann läuft es doch ganz wunderbar. Ich kriege immer einen Anfall, wenn ich lese, warum Leute jetzt nach Dubai auswandern wollen. Dann kriege ich einen richtigen Kotzkrampf. Wir müssen es hier machen.

Bild: She’s Punk: Céline Flores Willers


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