Business & Beyond Junge Kommunal-Punks: München wählt wie New York und Rosenheim Erdogan

Junge Kommunal-Punks: München wählt wie New York und Rosenheim Erdogan

Das wird Markus Söder nicht gefallen: München bekommt – wie Landsberg am Lech – erstmals einen grünen 35-jährigen OB, Rosenheim wählt einen SPD-Mann namens Erdogan. Die CSU schreibt ihr schlechtestes Kommunalwahlergebnis seit 1952. Bayern zeigt: Lokal zählt Kompetenz, nicht Parteibuch.

Im März 2026 zerbricht ein politisches Narrativ. Bayern, das angeblich konservative Stammland der CSU, wählt einen offen schwulen Grünen-Politiker zum Oberbürgermeister Münchens – mit aktuell 56,4 Prozent. In Landsberg am Lech gewinnt mit Daniela Groß ebenfalls eine Grüne.

Gleichzeitig gewinnt in Rosenheim, einer AfD-Hochburg, ein SPD-Kandidat namens Abuzar Erdogan gegen den CSU-Amtsinhaber. Die Botschaft: Wer auf Parteibücher starrt, verpasst die eigentliche Machtverschiebung in deutschen Rathäusern.

Münchens Machtwechsel: Physiker schlägt Polit-Profi

Dominik Krause räumt auf. Der 35-jährige Physiker und Grünen-Fraktionschef holt das Amt gegen Dieter Reiter, der nach zwölf Jahren abgewählt wird. Krause ist der erste offen homosexuelle Oberbürgermeister einer deutschen Millionenstadt – und der jüngste Münchner Rathauschef seit Hans-Jochen Vogel 1960. Die Zahlen aus dem ersten Wahlgang zeigten Reiter noch vorn: 35,6 Prozent gegen Krauses 29,5 Prozent. CSU-Kandidat Clemens Baumgärtner kam auf 21,3 Prozent.

Doch in der Stichwahl wanderten große Teile der CSU-Wählerschaft zu Krause – nicht trotz, sondern wegen seiner Person. Krause ist kein Parteisoldat. Als Zweiter Bürgermeister vertrat er zwei Monate lang den operierten Reiter – ohne Skandale, ohne Aufregung. Er stellte sich gegen die eigene Partei, als er für eine Olympia-Bewerbung Münchens warb. Es sollte 2026 keine Rolle mehr spielen, welche Sexualität man habe. Leider seien queere Menschen noch immer von Diskriminierung betroffen. Solange das so sei, finde er Sichtbarkeit wichtig, so Krause sinngemäß.

Rosenheim: Wenn der Name zum Programm wird

Abuzar Erdogan gewinnt in Rosenheim mit 53,4 Prozent gegen CSU-Amtsinhaber Andreas März. Ja, der Name ist echt. Nein, das ist kein Witz mehr. Die SPD holt in einer Stadt, die als konservative Festung gilt, den Oberbürgermeisterposten. März führte nach dem ersten Wahlgang noch deutlich: 39 zu 27 Prozent.

In der Stichwahl drehte Erdogan das Ergebnis. Die SPD hatte bereits nach dem ersten Wahlgang gefeiert – zu Recht. Rosenheim, eine der AfD-stärksten Städte Bayerns, wählt einen SPD-Kandidaten mit Migrationshintergrund. Die Stadt überrascht sich selbst.

CSU-Erosion in den Städten

Die CSU schreibt bei den Gemeinderatswahlen ihr schlechtestes Ergebnis seit 1952: 32,5 Prozent. Markus Söder dürfte sich intern besonders über Bamberg ärgern, wo seine Favoritin Melanie Huml nicht einmal die Stichwahl erreichte.

In den Städten bröckelt die CSU-Dominanz – auf dem Land hält sie. Die AfD legte ebenfalls deutlich zu, doch in den 34 Kommunen mit eigenem Bürgermeisterkandidaten gewann die Partei keinen einzigen Posten. Protestwähler kreuzen AfD an – aber den Bürgermeister wählen sie woanders.

Persönlichkeit schlägt Parteibuch

Die eigentliche Nachricht dieses Wahlabends: Bayern wählt lokal pragmatischer als bundesweit. Dominik Krause gewann nicht trotz seiner Homosexualität, sondern weil er in zwei Monaten als Stellvertreter überzeugte. Abuzar Erdogan gewann nicht trotz seines Namens, sondern weil er der bessere Kandidat war.

Schnell könnte man Parallelen zu New York ziehen. Viel entscheidender ist jedoch an diesem Stichwahl-Sonntag, das der Amts-Bonus sehr oft nicht ausbezahlt wurde. Die Wähler setzen ihr Kreuz nicht mehr einfach nach Parteizugehörigkeit. Nein, sie stellen die Kompetenz und Person über das Parteibuch. Daran könnte sich die „große“ Politik ein Beispiel nehmen.

Das könnte dich auch interessieren