Business & Beyond Kamel-Kapitalismus: Tinder fürs Wüstenschiff

Kamel-Kapitalismus: Tinder fürs Wüstenschiff

Tinder fürs Wüstenschiff

Hign Al Khaleej zieht diesen Prozess aufs Smartphone. Rund 3.300 Kamele aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Katar, Oman und Kuwait stehen auf dem digitalen Marktplatz zum Verkauf. Die Inserate liefern Informationen zu Alter, Abstammung und medizinischer Vorgeschichte. Statt wegen jedes interessanten Tieres quer über die Arabische Halbinsel zu reisen, können Käufer zunächst digital aussortieren, vergleichen und Kontakt aufnehmen. Ganz anonym läuft das Kamel-Shopping allerdings nicht. Nutzer müssen ihre Telefonnummer sowie eine staatlich ausgestellte Identifikationsnummer hinterlegen. Damit schafft das Startup zumindest eine grundlegende Überprüfung der beteiligten Personen. Möglichst viele Informationen und Funktionen rund um den Kauf sollen an einem Ort zusammenlaufen – und einen bislang aufwendigen Handel schneller, transparenter und effizienter machen.

3.000 Kamele sind schon weg

Dass ein traditionsreicher Markt keine Lust auf Apps hätte, lässt sich mit den bisherigen Zahlen schwer behaupten. Rund 3.000 Kamele wurden bereits über Hign Al Khaleej verkauft. Und das Startup baut längst mehr als einen digitalen Viehmarkt. Nutzer können über die Plattform auch Futter und Medikamente kaufen oder nach Jobs in der Kamelbranche suchen. Angeboten werden beispielsweise Stellen für Trainer und Hirten. Aus einem Verkaufsportal entsteht damit Schritt für Schritt ein digitales Ökosystem rund ums Kamel.

Jetzt soll Kapital das Wachstum treiben

Anfangs wollte Al Ahbabi externe Investoren eher draußen halten. Der ehemalige Regierungsmitarbeiter hatte keine klassische Tech-Karriere hinter sich und wollte weder unnötig Schulden aufnehmen noch früh Kontrolle über sein Unternehmen abgeben. Inzwischen arbeitet er Vollzeit an Hign Al Khaleej – und das organische Wachstum hat offenbar auch seine Haltung gegenüber Investoren verändert. Frisches Kapital soll nun helfen, schneller zu expandieren. Rückenwind bekommt das Unternehmen auch aus Abu Dhabis Startup-Szene. Im Mai wurde Hign Al Khaleej als eines von 17 Unternehmen aus Al Ain für ein dreimonatiges Entwicklungsprogramm des Tech-Ökosystems Hub71 und des Khalifa Fund for Enterprise Development ausgewählt. Beim anschließenden Demo Day im Juli landete das Startup auf Platz drei und erhielt Sachleistungen im Wert von 40.000 Dirham, rund 10.000 Dollar.

Das Amazon für alles mit Höckern

Al Ahbabis Ambition geht inzwischen deutlich über digitale Kleinanzeigen für Kamele hinaus. Hign Al Khaleej soll zur ersten Adresse für alles werden, was mit den Tieren zu tun hat: Handel, Auktionen, Futter, Medikamente, Jobs und Dienstleistungen. Was zwischen Wüste, Tiermarkt und Pickup-Trucks begonnen hat, bekommt damit die klassische Plattformlogik der Digitalwirtschaft. Und vielleicht steckt genau darin die interessanteste Startup-Lektion der Geschichte: Digitalisierung muss nicht immer den nächsten KI-Assistenten, Fintech-Chatbot oder Lieferdienst hervorbringen. Manchmal reicht ein jahrhundertealter Markt, der noch immer umständlich funktioniert – und allein in einem Emirat 500.000 potenzielle Hauptdarsteller hat.

Seite 2 / 2
Vorherige Seite Zur Startseite

Das könnte dich auch interessieren