Business & Beyond Kanada-Zoff: Zoll gegen Gegenzoll, Runde für Runde

Kanada-Zoff: Zoll gegen Gegenzoll, Runde für Runde

Nach Ottawas angekündigten Vergeltungszöllen dreht Donald Trump die nächste Runde im Handelskonflikt auf: Ab Januar 2027 droht er kanadischen Autos und Autoteilen mit 50-Prozent-Abgaben – und macht damit die Eskalationsspirale real, die sich nach dem geplatzten Deal bereits abgezeichnet hatte.

Gestern kam der Gegenschlag aus Ottawa, heute legt Washington nach. Der Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada entwickelt sich damit im Tagesrhythmus vom Zollstreit zum handfesten Handelskrieg.

Gestern Ottawa, heute Washington

Wie wir gestern berichteten, reagierte Kanada auf die neuen 50-Prozent-Zölle der USA mit einer klaren Ansage: Ab dem 8. September will Ottawa US-Waren mit Abgaben belegen – „Dollar für Dollar“. Betroffen sein sollen unter anderem Stahl, Milchprodukte, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Maschinen, Zellstoff, Papier und Elektronik. Trump ließ die Antwort nicht lange stehen. Am 24. August drohte er damit, die Zölle auf kanadische Autos, Trucks, Autoteile und Stahl zum 1. Januar 2027 auf 50 Prozent zu verdoppeln. Kanada habe die USA seit Jahren ausgenutzt, so seine Begründung. Aus der gestrigen Drohkulisse wird damit die nächste Eskalationsrunde.

Jetzt gerät die Autoindustrie ins Visier

Mit Autos trifft Trump einen deutlich empfindlicheren Bereich. Die Produktionsketten zwischen Kanada und den USA sind über Jahrzehnte zusammengewachsen, Bauteile überqueren während der Fertigung teilweise mehrfach die Grenze. 50 Prozent Zoll wären deshalb weit mehr als ein weiterer Posten auf Trumps Liste.
Die Konsequenzen:

  • Hersteller könnten Lieferketten umbauen müssen
  • Beschaffungskosten würden steigen
  • Investitionen könnten verschoben werden
  • Am Ende könnten US-Autokäufer einen Teil der Rechnung bezahlen

Der Deal ist endgültig tot

Noch vor wenigen Tagen lag ein Paket auf dem Tisch: Zollsenkungen bei Stahl, Aluminium und Autos, kanadische Zugeständnisse bei Vergeltungsmaßnahmen und sogar die Rückkehr amerikanischer Alkoholprodukte in kanadische Geschäfte. Dann krachte der Deal.
Die Knackpunkte:

  • Autoindustrie: Kanada sah keine wirtschaftlich akzeptablen Bedingungen
  • Kritische Mineralien: Carney lehnte exklusiven US-Zugang ab
  • Stahl und Aluminium: Washington bot eine Senkung auf 25 Prozent
  • Holz: Die USA wollten einen kürzlich verhängten Zoll wieder streichen
    Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld. Washington sagt, Kanada habe einen ausgehandelten Deal nicht finalisiert. Carney hält dagegen, die US-Bedingungen seien nicht akzeptabel gewesen. Zwei Regierungen, zwei Versionen – und ein ziemlich toter Deal.

Die Zollspirale dreht sich

Gestern war es noch das zentrale Risiko unserer Berichterstattung, heute beginnt das Szenario Realität zu werden: Washington verhängt Zölle, Ottawa schlägt zurück, Washington legt erneut nach.
Der aktuelle Stand:

  • USA: 50-Prozent-Zölle auf kanadische Waren im Wert von rund 20 bis 28 Milliarden Dollar
  • Kanada: „Dollar für Dollar“-Gegenzölle ab 8. September angekündigt
  • USA, nächste Runde: 50 Prozent auf Autos, Trucks, Autoteile und Stahl ab 1. Januar 2027 angedroht
    Aus Handelspolitik wird damit ein Pingpong-Spiel, bei dem jeder Schlag größer auszufallen droht als der vorherige.

Unternehmen haben drei schlechte Optionen

US-Unternehmen können Importe stoppen und Lagerbestände aufbrauchen, die hohen Zölle bezahlen oder neue Lieferanten suchen. Keine Variante ist attraktiv. Kanada ist wegen kurzer Transportwege, integrierter Produktionsketten und günstiger Logistik einer der wichtigsten Handelspartner der USA. Diese Strukturen lassen sich nicht innerhalb weniger Wochen nach Mexiko, Asien oder Europa verschieben. Selbst ein Lieferantenwechsel kann am Ende teuer werden.

Der Kostenschock kommt zur falschen Zeit

Gleichzeitig treibt der Krieg im Iran bereits Energie- und Transportkosten nach oben. Unternehmen haben deshalb weniger Spielraum, zusätzliche Zollkosten selbst zu schlucken. Je länger der Konflikt dauert, desto wahrscheinlicher landet die Rechnung bei den Verbrauchern – im Supermarkt, beim Online-Shopping oder beim Autohändler.

Papier, Alkohol und Milch im Kreuzfeuer

Die geltenden Zölle reichen längst bis in den Alltag. Betroffen sind unter anderem Backpapier, Pappbecher, Pappteller, Kraftliner und rund drei Dutzend Sperrholzarten. Die entsprechenden Produktgruppen stehen für US-Importe aus Kanada von rund 1,5 Milliarden Dollar. Gerade Verpackungsmaterial kann steigende Kosten quer durch zahlreiche Branchen tragen. Auch Wein, Bier und Spirituosen geraten zwischen die Fronten. Die USA importierten zuletzt entsprechende Waren für rund 1,5 Milliarden Dollar. Alkohol war bereits zuvor politischer Zündstoff: Kanadische Provinzen nahmen amerikanische Produkte als Reaktion auf US-Zölle aus den Regalen. Carney hatte zuletzt sogar deren Rückkehr als Teil eines möglichen Deals ins Spiel gebracht. Daraus wird vorerst nichts.
Bei Milchprodukten geht es um weitere rund 780 Millionen Dollar. Trump wirft Kanada seit Jahren vor, amerikanische Farmer durch Importquoten und hohe Abgaben zu benachteiligen. Für Ottawa ist die eigene Marktordnung politisch kaum verhandelbar – entsprechend festgefahren sind die Fronten.

Section 338: Trumps Zollwaffe von 1930

Die größere politische Sprengkraft steckt in der Rechtsgrundlage. Trump nutzt mit Section 338 des Tariff Act von 1930 ein Instrument, das seit Jahrzehnten praktisch keine Rolle mehr in der US-Zollpolitik gespielt hat. Es erlaubt Zölle von bis zu 50 Prozent, wenn Washington amerikanischen Handel als diskriminiert betrachtet. Hat diese Konstruktion rechtlich Bestand, könnte daraus eine mächtige Waffe für weitere Handelskonflikte werden. Kanada wäre dann womöglich nur der Testlauf.

Deutschland sollte genau hinschauen

Deutschland und die EU sind von dieser Zollrunde nicht direkt betroffen. Indirekt steigt das Risiko jedoch mit jeder Eskalationsstufe. Deutsche Unternehmen hängen tief in nordamerikanischen Lieferketten – besonders bei Autos, Maschinenbau, Elektronik und Stahl. Noch wichtiger ist der Präzedenzfall: Etabliert Washington Section 338 erfolgreich als Zollinstrument, könnte die gleiche Logik künftig gegen andere Handelspartner eingesetzt werden. Was heute Kanada trifft, könnte morgen Europa treffen.

Die nächste Runde läuft schon

Die erste US-Zollrunde erfasst nur einen begrenzten Teil der kanadischen Exporte in die USA. Autos würden die Dimension des Konflikts allerdings massiv verändern. Und vor allem das Tempo wird zum Problem: Noch am Wochenende kündigte Kanada seinen Gegenschlag an, jetzt droht Trump bereits mit der nächsten Stufe.
Gestern lautete der Stand: Kanada kontert, Washington bereitet seine Antwort vor. Heute ist klar, wohin die Reise gehen könnte. 50 Prozent auf Autos, Trucks und Autoteile ab Januar – und sollte Ottawa seine Gegenzölle am 8. September umsetzen, dürfte es kaum dabei bleiben. Der fast fertige Handelsdeal ist Geschichte. Jetzt gilt: Zoll gegen Gegenzoll, Runde für Runde.

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