Business & Beyond KPMG verkauft KI-Verantwortung und scheitert an der eigenen KI

KPMG verkauft KI-Verantwortung und scheitert an der eigenen KI

KPMG verkauft verantwortungsvollen KI-Einsatz – und scheitert spektakulär an der eigenen Medizin. Ein Bericht über KI-Nutzung in Unternehmen enthielt komplett erfundene Fallstudien. Die Ironie: genau null menschliche Überprüfung.

Die Schweizer Großbank UBS setzt angeblich KI-Agenten für Anlageberatung ein, die Schweizerischen Bundesbahnen bieten einen ganzheitlichen KI-Mobilitätskoordinator, der NHS revolutioniert sein Gesundheitssystem mit künstlicher Intelligenz. Klingt beeindruckend – ist aber komplett frei erfunden. Alle drei Organisationen stellten im Gespräch mit der Financial Times klar: Das ist sachlich falsch. Der Urheber dieser halluzinierten Erfolgsgeschichten?

Ausgerechnet die Unternehmensberatung KPMG, die sich selbst als Expertin für verantwortungsvollen KI-Einsatz vermarktet. Der im Oktober 2025 veröffentlichte Bericht „Redefining excellence in the age of agentic AI“ musste nach Hinweisen der betroffenen Unternehmen von mehreren Websites entfernt werden. Die Forschungsgruppe GPTZero deckte die Fehler auf – und identifizierte die Ursache als klassische KI-Halluzinationen.

Ein:e Vertreter:in von KPMG International erklärte, das Unternehmen nehme „die Genauigkeit und Integrität seiner veröffentlichten Inhalte ernst“ und untersuche daher aktuell die Umstände der Veröffentlichung. „Wir erwarten von allen unseren Mitarbeiter:innen, dass sie unsere Richtlinien zum verantwortungsvollen Einsatz von KI befolgen, einschließlich der menschlichen Überprüfung zur Validierung von Inhalten und zur Verifizierung unabhängiger Quellen”, heißt es in der Stellungnahme.

Die Beratungsbranche im Glaubwürdigkeitscrash

Das Problem geht über einen peinlichen Einzelfall hinaus. Erst im vergangenen Monat musste auch EY eine Studie zurückziehen – wegen erfundener Daten, falsch zugeordneter Zitate und einem Verweis auf einen nicht existierenden McKinsey-Bericht, wie t3n berichtet. Die Ironie: Beide Firmen bieten ihren Kunden genau jene Dienstleistungen an, die solche Fehler verhindern sollen. GPTZero-Chef Edward Tian warnt gegenüber der Financial Times vor „Sekundär-Halluzinationen“.

Weil Berichte großer Beratungshäuser als besonders glaubwürdig gelten, werden ihre Fehlinformationen von Fachpublikationen, KI-Systemen und anderen Unternehmen unkritisch weiterverbreitet. Die zurückgezogene EY-Studie wurde beispielsweise von Beratern in Kanada zur Vermarktung von Cybersecurity-Dienstleistungen genutzt. Die technische Ursache der KPMG-Blamage liegt vermutlich in unsauberen KI-Websuchen. Laut GPTZero ist der Bericht voll von unzureichenden Quellenangaben – viele ohne URLs oder korrekte Autoren, oft ließen sich nicht einmal passende Originalquellen finden. GPTZero nennt das „Vibe Citing“, ein Problem, mit dem auch Googles AI Overviews kämpfen und das Google bereits gerichtliche Konsequenzen einbrachte.

Der akademische Dominoeffekt

Das Problem beschränkt sich nicht auf die Beratungsbranche. Forscher der Cornell University und der University of California identifizierten fast 150.000 gefälschte Zitate in wissenschaftlichen Artikeln – bei der Analyse von 111 Millionen Referenzen aus 2,5 Millionen Papers. Die breite Streuung deutet darauf hin, dass viele Autoren KI-generierte Referenzen übernehmen, ohne sie zu prüfen.

Business Punk Check

KPMG reagierte mit der Standardfloskel: Man nehme „die Genauigkeit und Integrität seiner veröffentlichten Inhalte ernst“ und erwarte von Mitarbeitern „menschliche Überprüfung zur Validierung von Inhalten“. Genau diese Überprüfung hat offensichtlich nicht stattgefunden – und das bei einer Firma, die Unternehmen für teures Geld eben diese Prozesse verkauft. Die eigentliche Gefahr liegt im systemischen Vertrauensverlust.

Wenn Top-Beratungen ihre eigenen KI-Guidelines ignorieren, warum sollte irgendein Mittelständler ihren Empfehlungen folgen? Schlimmer noch: Investitionsentscheidungen basieren auf halluzinierten Benchmarks, Technologiestrategien auf erfundenen Best Practices. Der Schaden geht weit über KPMGs ramponiertes Image hinaus – er untergräbt die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche, die gerade versucht, sich als unverzichtbare Navigatoren der KI-Ära zu positionieren.

Quellen: t3n, TechCrunch, The Decoder, Financial Times

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