Business & Beyond Öl-Paradox: Geisterschiffe halten Ölfluss am Leben

Öl-Paradox: Geisterschiffe halten Ölfluss am Leben

Seit über drei Monaten ist die wichtigste Ölroute der Welt massiv eingeschränkt. Trotzdem bricht die globale Energieversorgung nicht zusammen – und genau das sorgt derzeit für Rätselraten an den Märkten.

Eigentlich hätte der Ölpreis längst explodieren müssen. Doch geheime Öltransporte, alternative Exportwege und überraschend widerstandsfähige Lieferketten verhindern bislang den großen Schock. Die Straße von Hormus gilt als die wichtigste Schlagader des globalen Ölhandels. Seit Beginn des Krieges mit dem Iran vor mehr als drei Monaten ist der Schiffsverkehr dort drastisch zurückgegangen. Vor dem Konflikt wurden täglich rund 15,6 Millionen Barrel Rohöl durch die Meerenge transportiert. Heute liegt der offizielle Verkehr nur noch bei einem Bruchteil dieses Niveaus.

Das große Rätsel der Ölmärkte

Die Besonderheit der aktuellen Lage liegt darin, dass trotz einer der größten Angebotsstörungen der modernen Wirtschaftsgeschichte keine Panik an den Energiemärkten ausgebrochen ist. Der Ölpreis stieg zwar deutlich an, blieb aber weit unter den Katastrophenszenarien vieler Analysten. Brent-Rohöl lag zuletzt bei rund 93 Dollar pro Barrel und damit deutlich unter dem jüngsten Höchststand von 114 Dollar.

Geisterschiffe halten den Ölfluss am Leben

Einen Teil der Erklärung liefern sogenannte „Ghost Transits“ oder „Going-Dark“-Tanker. Dabei handelt es sich um Schiffe, die ihre Transponder abschalten und die blockierte Meerenge praktisch unsichtbar passieren. Schätzungen zufolge gelangen auf diesem Weg weiterhin mehrere Millionen Barrel Rohöl pro Tag aus dem Persischen Golf auf den Weltmarkt. Diese geheimen Transporte sorgen dafür, dass die Versorgung deutlich stabiler bleibt, als viele Experten erwartet hatten.

Saudi-Arabien öffnet die Hintertür

Zusätzlich nutzen die Golfstaaten alternative Exportwege. Besonders wichtig ist die saudi-arabische East-West-Pipeline, auch Petroline genannt. Sie verbindet die Ölfelder am Persischen Golf mit dem Hafen Yanbu am Roten Meer und kann Millionen Barrel Rohöl täglich transportieren. Die Pipeline fungiert damit als Sicherheitsventil für einen Markt, der eigentlich längst unter massiven Versorgungsproblemen leiden müsste.

China verändert die Gleichung

Noch wichtiger als die geheimen Transporte ist die Entwicklung in China. Das Land bezieht weiterhin Öl aus der Region, hat seine Importe insgesamt aber reduziert und greift verstärkt auf Lagerbestände zurück. Da China zu den größten Energieverbrauchern der Welt gehört, entlastet die geringere Nachfrage den Weltmarkt erheblich. Die Kombination aus sinkender Nachfrage, geheimen Transporten und alternativen Lieferwegen verhindert bislang einen massiven Preisschock. Viele Branchenkenner glauben jedoch nicht, dass diese Situation dauerhaft tragfähig ist. Die weltweiten Lagerbestände schrumpfen kontinuierlich und die Reserven werden zunehmend angezapft. Gleichzeitig stoßen alternative Transportwege an ihre Grenzen. Einige Analysten rechnen deshalb bereits in den kommenden Monaten mit deutlich steigenden Preisen.

Der wahre Stresstest kommt erst noch

Die aktuelle Ruhe könnte sich als trügerisch erweisen. Die Märkte haben bislang Wege gefunden, die Folgen der Hormus-Krise abzufedern. Doch je länger der Konflikt andauert, desto schwieriger wird es, die fehlenden Ölmengen zu ersetzen. Einige Experten halten Ölpreise von bis zu 130 Dollar pro Barrel für möglich. Das eigentliche Risiko liegt deshalb nicht in dem, was bislang passiert ist – sondern in dem, was nach mehr als drei Monaten Ausnahmezustand noch kommen könnte.

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