Business & Beyond Offshore-Wind aus Warnemünde: Rostock baut an Europas Energiewende

Offshore-Wind aus Warnemünde: Rostock baut an Europas Energiewende

Offshore-Plattformen aus Deutschland? Galt als aussichtslos. Jetzt holt Rostock den Milliardenauftrag – und beweist, dass deutsche Werften internationalen Wettbewerb gewinnen können.

Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz vergibt einen Milliardenauftrag an ein deutsch-belgisches Konsortium – und katapultiert damit Rostock ins Zentrum der europäischen Energiewende. Siemens Energy und Neptun Smulders Offshore Renewables bauen künftig Konverterplattformen des neuen Zwei-Gigawatt-Standards. Das Besondere: Erstmals entstehen diese hochkomplexen Anlagen überwiegend in Deutschland, genauer in Rostock-Warnemünde. Ein zweiter Auftrag wird verhandelt. Gesamtvolumen: 2,5 Milliarden Euro. Über 500 Jobs direkt auf der Werft, weitere 500 bei Zulieferern. Die Botschaft ist klar – deutsche Werften spielen wieder mit.

Warum dieser Deal die Branche aufhorchen lässt

Jahrelang dominierte Asien den Bau von Offshore-Infrastruktur. Deutsche Werften galten als zu teuer, zu langsam, zu unflexibel. 50Hertz-Chef Stefan Kapferer sieht das anders. Der Zuschlag beweise, dass heimische Werften mittlerweile wettbewerbsfähige Angebote abgeben könnten, so Tagesschau. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wertet die Vergabe als industriepolitisches Signal.

Weltweit gebe es nur wenige Unternehmen, die solche Anlagen überhaupt bauen könnten. Die Plattformen wandeln Offshore-Windstrom von Wechsel- in Gleichstrom um, transportieren ihn 200 Kilometer westlich von Sylt über Unterseekabel ans Festland nach Mühlenbeck bei Schwerin. Dort erfolgt die Rückumwandlung ins Höchstspannungsnetz Richtung Süddeutschland.

Arbeitsteilung mit System

Die Neptun Werft in Rostock übernimmt das Hauptgebäude der Plattform samt technischer Infrastruktur. Das belgische Unternehmen Smulders fertigt die stählerne Unterkonstruktion in den Niederlanden. Siemens Energy verantwortet die Hochspannungstechnik und liefert einen zehnjährigen Servicevertrag für Wartung, IT-Dienstleistungen und Rufbereitschaft. Produktionsstart: 2028.

Inbetriebnahme des North Sea Connector 2: Ende 2034. Für die Meyer-Werft-Gruppe, zu der Neptun gehört, kommt der Auftrag zur richtigen Zeit. Nach schwierigen Jahren diversifiziert der Konzern sein Geschäft weg vom reinen Kreuzfahrtschiffbau.

Was die IG Metall jetzt fordert

Bezirksleiter Daniel Friedrich nennt die Vergabe einen wichtigen Durchbruch für den Industriestandort und die Beschäftigten in der Region. Gleichzeitig warnt er vor Selbstzufriedenheit. Die Fertigung von Konverterplattformen dürfe nicht das Ende der Entwicklung sein, sondern müsse der Anfang einer langfristigen industriellen Perspektive für die Küstenregion werden, so NDR.

Die benötigten Flächen am Marinearsenal in Warnemünde stehen zunächst bis 2041 zur Verfügung. Danach müssen Bund, Marine und Unternehmen entscheiden, wie es weitergeht. Die Nordsee-Anrainerstaaten planen bis 2050 Offshore-Anlagen mit 300 Gigawatt Leistung. Das entspricht etwa 100 Konverterplattformen dieser Größenordnung.

Business Punk Check

Rostock beweist: Deutsche Werften können Offshore-Infrastruktur bauen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Der 2,5-Milliarden-Deal ist kein Zufall, sondern Ergebnis strategischer Industriepolitik und gezielter Konsortialbildung. Neptun Smulders wurde 2023 eigens für solche Projekte gegründet. Die Rechnung geht auf. Aber Vorsicht vor voreiligem Jubel: Die Flächen in Warnemünde sind nur bis 2041 gesichert. Danach droht Unsicherheit.

Und 300 Gigawatt Offshore-Kapazität bis 2050 klingen nach Dauerboom – doch die internationale Konkurrenz schläft nicht. Asiatische Werften produzieren schneller und günstiger. Deutsche Anbieter punkten mit Nähe, Qualität und Verlässlichkeit. Das reicht für Einzelaufträge, aber nicht für Marktdominanz. Die IG Metall hat recht: Dieser Deal darf kein Einzelerfolg bleiben. Rostock braucht Folgeaufträge, langfristige Flächensicherung und politische Rückendeckung. Sonst war’s das mit der Renaissance deutscher Offshore-Fertigung. Die Energiewende bietet Chancen – aber nur für die, die jetzt konsequent investieren und nicht nach dem ersten Erfolg einschlafen.

Quellen: Ndr, Tagesschau, Zeit

Das könnte dich auch interessieren