Business & Beyond Siemens streicht 300 Chef-Titel: Macht bleibt, Status fällt weg

Siemens streicht 300 Chef-Titel: Macht bleibt, Status fällt weg

Siemens kassiert Hunderte CEO- und CFO-Titel und meldet zugleich Rekordzahlen. Der Umbau zur „One Tech Company“ zeigt, wie Konzerne Hierarchie neu verhandeln, ohne echte Macht abzugeben.

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Der Titel ist weg, der Job bleibt. Handelsblatt berichtet: Siemens will rund 300 Managern weltweit ihre Chief-Bezeichnung streichen. Das ist kein Zufall, sondern Kalkül: Wer gerade liefert, kann sich Umbauten leisten, die in schwächeren Phasen für Aufruhr sorgen würden. Rund 300 Manager weltweit tragen laut WELT aktuell Titel wie CEO oder CFO in Landesgesellschaften und Geschäftseinheiten. Diese Bezeichnungen sollen künftig Funktionen wie President, Head of oder Managing Director weichen.

Vorstandschef Roland Busch erklärte den Schritt in einem Führungskräfte-Call als Teil einer grundlegenden Neuausrichtung: „Diese Veränderung ist Teil von etwas Größerem. Sie ist Teil eines umfassenden kulturellen Wandels, vielleicht der größten Transformation, die Siemens jemals durchlaufen hat: der Entwicklung zu einer ‚One Tech Company'“, sagte Busch dem Bericht zufolge. So berief die Konzernspitze eigens eine Videokonferenz mit Hunderten Führungskräften ein, um die Botschaft persönlich zu überbringen. Die Deutlichkeit dieses Formats unterstreicht, wie ernst Siemens die Kommunikation dieses Einschnitts nimmt: Nicht per Rundmail, sondern im direkten Austausch mit den Betroffenen.

One Tech Company: Ein Konzern verabschiedet sich von seinen Fürstentümern

Der Kern der Reform ist strukturell, nicht kosmetisch. Siemens will sich von einer Organisation mit weitgehend autonomen Sparten zu einem enger verzahnten Technologiekonzern entwickeln. Ab dem ersten Oktober greift dafür eine neue Organisationsstruktur, wie Yahoo Finanzen Deutschland berichtet. Besonders betroffen ist der Bereich DI Automation, der die Automatisierungsgeschäfte der Digital-Industries-Sparte bündelt: Dort sollen etwa 300 Manager ihre Führungsfunktion verlieren, rund 200 Mitarbeitende mit als Schlüsselfunktion eingestuften Positionen müssten sich laut FinanzNachrichten.de auf ihre eigenen Jobs neu bewerben. Nach Angaben von FinanzNachrichten.de ist dieser Prozess allerdings noch in der Diskussion und bislang nicht im Wirtschaftsausschuss abgestimmt, ein Siemens-Sprecher lehnte einen Kommentar dazu ab.

Die Unsicherheit reicht laut Yahoo Finanzen Deutschland weit über die betroffenen Führungsebenen hinaus: Tausende Mitarbeitende wüssten aktuell noch nicht, welche Position sie künftig einnehmen und welche Aufgaben ihnen zufallen werden. An der Konzernspitze ist die Aufgabenverteilung bereits geklärt. Cedrik Neike und Peter Körte, beide als mögliche Busch-Nachfolger gehandelt, geben ihre CEO-Titel bei Digital Industries beziehungsweise Smart Infrastructure ab und treten künftig als Presidents auf. Körte legt zusätzlich seine Rolle als Chief Technology Officer nieder, ein neuer Technologiechef soll künftig direkt an Neike berichten. Dass ausgerechnet die beiden aussichtsreichsten Kandidaten für die Busch-Nachfolge ihre Chief-Titel abgeben, zeigt: Von der Reform ist niemand ausgenommen, auch nicht die Personen, die eines Tages selbst an der Konzernspitze stehen könnten.

Rekordquartal als Rückenwind für den Umbau

Die Titel-Reform trifft auf ein Unternehmen, das operativ liefert. Der Auftragseingang stieg im dritten Quartal um 13 Prozent auf 27,9 Mrd. Euro, der Umsatz kletterte auf 20,8 Mrd. Euro. Das operative Ergebnis im Industriegeschäft erreichte 3,5 Mrd. Euro, Siemens hob deshalb seine Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr an. Diese Zahlen sind der eigentliche Grund, warum der Konzern sich einen derart tiefgreifenden Eingriff in gewachsene Hierarchien leisten kann, ohne dass sofort Zweifel an der Führungsstärke aufkommen.

In Umbruchphasen mit schwächeren Ergebnissen wäre eine Ankündigung dieser Größenordnung ungleich schwerer zu vermitteln gewesen. Parallel treibt der Konzern die Abspaltung der Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers voran, über die Aktionäre Anfang 2027 entscheiden sollen. Die Titelstreichung ist damit ein Baustein unter mehreren in einem Konzern, der sich gleichzeitig verkleinert, umbaut und neu sortiert. Busch betonte, der Wegfall der Titel sei keine Degradierung. Beobachter rechnen trotzdem mit Unmut, weil der Verlust eines CEO-Titels für viele Betroffene ein symbolischer Statusverlust bleibt, unabhängig davon, was auf dem Papier steht. Wie Yahoo Finanzen Deutschland festhält, soll sich an den tatsächlichen Aufgaben der meisten Führungskräfte zunächst wenig ändern, neu ist vor allem die Bezeichnung. Genau in dieser Diskrepanz zwischen unveränderter Funktion und verändertem Etikett liegt der eigentliche Konfliktstoff der Reform.

Business Punk Check

Siemens verkauft eine Hierarchie-Revolution, tatsächlich ändert sich für die meisten Betroffenen nur das Türschild. Das ist der Unterschied zwischen echter Machtverschiebung und Rebranding: Aufgaben und Berichtslinien bleiben laut den Quellen weitgehend bestehen, nur die Visitenkarte wird billiger. Wirklich hart wird es in DI Automation, wo sich Menschen für ihre eigenen Jobs neu bewerben müssen, das ist kein Kulturwandel, sondern ein knallhartes Auswahlverfahren mit PR-Anstrich.

Für Entscheider in anderen Konzernen lohnt der Blick auf das Timing: Titel-Kahlschlag im Rekordquartal lässt sich leichter verkaufen als in der Krise. Wer als Führungskraft auf Titel-Prestige setzt, sollte genau hinsehen, ob dahinter reale Entscheidungsmacht steht oder nur ein austauschbares Label. Die eigentliche Machtfrage entscheidet sich an Berichtslinien, nicht an Anreden.

Auf einen Blick

  • Siemens streicht rund 300 CEO- und CFO-Titel in Landesgesellschaften und Geschäftseinheiten und ersetzt sie durch Bezeichnungen wie President oder Head of.
  • Im Bereich DI Automation verlieren etwa 300 Manager ihre Führungsfunktion, rund 200 Mitarbeitende müssen sich auf ihre eigenen Schlüsselpositionen neu bewerben.
  • Der Umbau fällt in ein Rekordquartal: Der Auftragseingang stieg um 13 Prozent auf 27,9 Mrd. Euro, der Umsatz auf 20,8 Mrd. Euro.
  • Cedrik Neike und Peter Körte, beide als mögliche Busch-Nachfolger gehandelt, geben ihre CEO-Titel ab und übernehmen neue Rollen im Zuge der Strategie „One Tech Company“.

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Quellen: WELT, Yahoo Finanzen, Finanznachrichten

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