Business & Beyond Stärkster Einbruch seit fünf Jahren: Der deutsche Konsum kippt

Stärkster Einbruch seit fünf Jahren: Der deutsche Konsum kippt

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Minus 3,4 Prozent im Juli: Der deutsche Einzelhandel erlebt den stärksten Einbruch seit fünf Jahren. Tankstellen und Onlinehandel trifft es am härtesten.

Ökonomen hatten mit einem Umsatzplus von 0,4 Prozent gerechnet. Stattdessen meldet das Statistische Bundesamt für Juli einen realen Umsatzrückgang im Einzelhandel von 3,4 Prozent zum Vormonat, den stärksten seit Juli 2021.

Die Prognosefehlschätzung zeigt, wie schwer sich die Konjunkturforschung derzeit mit der deutschen Konsumlaune tut. Im Juni hatte der reale Umsatz noch stagniert, sodass der plötzliche Einbruch umso stärker überrascht. Der Handelsverband Deutschland (HDE) findet für die Lage einen ungewöhnlich drastischen Vergleich.

Der HDE zieht die Corona-Blaupause

„Die seit langem schlechte Konsumstimmung zeigt Wirkung“, sagte der stellvertretende HDE-Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp laut WirtschaftsWoche. „Aktuell liegen wir auf dem Niveau des zweiten Corona-Lockdowns, das ist extrem unbefriedigend und trifft den Einzelhandel hart.“ Der Vergleich ist bemerkenswert, weil er ein strukturelles Problem markiert: Anders als im Lockdown gibt es diesmal keine staatliche Schließungsanordnung, die den Einbruch erklärt. Die Ursache liegt tiefer, in der Kaufkraft und der Erwartungshaltung der Verbraucher.

Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Bank Bethmann HAL, ordnet die Entwicklung als „Reaktion auf hohe Energiepreise und Hitzewelle“ ein, wie die WirtschaftsWoche berichtet. Einen baldigen Aufwärtstrend sieht er nicht. Verbraucher würden wohl Erspartes anzapfen müssen, um ihr Ausgabenniveau zu halten, so Krüger, während mancher Arbeitsplatz „angezählt“ sei und der Konsum deshalb vorerst an der Leine liege. Diese Einschätzung deckt sich mit der Beobachtung, dass Rücklagen zunehmend als Puffer gegen die Teuerung dienen, statt für zusätzlichen Konsum bereitzustehen.

Tankstellen und Onlinehandel treffen es am härtesten

Die Branchenzahlen zeigen ein sehr uneinheitliches Bild. Nach dem Auslaufen des Tankrabatts im Frühjahr brachen die Umsätze an Tankstellen real um 9,1 Prozent zum Vormonat ein. VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel deutet das gegenüber der WirtschaftsWoche unmissverständlich: „Es wurde weniger Auto gefahren.“ Die hohen Energiepreise hätten die Fahrt im eigenen Pkw für viele schlicht zu teuer gemacht.

Der Internet- und Versandhandel verzeichnete mit minus 5,6 Prozent den zweitstärksten Rückgang, der Umsatz mit Nicht-Lebensmitteln insgesamt sank um 4,8 Prozent. Auffällig stabil blieb dagegen der Lebensmitteleinzelhandel mit einem Minus von nur 0,8 Prozent. „Am Essen lässt sich wesentlich schwieriger sparen“, so Gitzel. Die Differenz zwischen Grundbedarf und Zusatzkonsum wird damit sichtbar: Wo Ausgaben unausweichlich sind, bleibt der Rückgang gering, wo Konsum verschiebbar ist, schlägt die Zurückhaltung voll durch.

Reallöhne wachsen, doch die Inflation frisst den Vorsprung

Die Inflation bleibt der zentrale Belastungsfaktor. Im August kletterte die Teuerungsrate laut WirtschaftsWoche auf 2,9 Prozent, angetrieben auch durch den Inflationsschub infolge des Iran-Kriegs. Zwar wuchsen die Bruttomonatslöhne der Arbeitnehmenden im zweiten Quartal um 4,1 Prozent zum Vorjahr, nach Abzug der Verbraucherpreissteigerung von 2,5 Prozent blieb aber nur ein Reallohnzuwachs von rund 1,5 Prozent übrig, so langsam wie seit über einem Jahr nicht mehr.

Experten rechnen im dritten Quartal mit einer noch etwas höheren Inflationsrate. Der Spielraum für Konsumausgaben dürfte damit weiter schrumpfen, selbst wenn die Löhne nominal steigen und auf dem Papier Kaufkraftgewinne suggerieren.

Business Punk Check

Fakt ist der reale Umsatzrückgang von 3,4 Prozent im Juli, der stärkste seit fünf Jahren, belegt vom Statistischen Bundesamt. Fakt sind auch die Branchenunterschiede: Tankstellen minus 9,1 Prozent, Online minus 5,6 Prozent, Lebensmittel nur minus 0,8 Prozent.

Interpretation ist der HDE-Vergleich mit dem zweiten Lockdown, der die Dramatik unterstreicht, aber keine identische Ursache beschreibt. Offen bleibt, ob die Reallohnzuwächse von 1,5 Prozent ausreichen, um die Konsumlaune bei weiter steigender Inflation zu stabilisieren.

Auf einen Blick

  • Der reale Einzelhandelsumsatz sank im Juli um 3,4 Prozent zum Vormonat, der stärkste Rückgang seit Juli 2021.
  • Tankstellen verzeichneten nach Auslaufen des Tankrabatts ein Minus von 9,1 Prozent, der Onlinehandel sank um 5,6 Prozent.
  • Lebensmittel blieben mit minus 0,8 Prozent vergleichsweise stabil, während Nicht-Lebensmittel insgesamt um 4,8 Prozent einbrachen.
  • Die Inflationsrate stieg im August auf 2,9 Prozent, während der reale Lohnzuwachs im zweiten Quartal nur rund 1,5 Prozent betrug.

Quellen: WirtschaftsWoche, Handelsblatt

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