Business & Beyond Teherans Geldautomat steht auf der Düsseldorfer Luxusmeile

Teherans Geldautomat steht auf der Düsseldorfer Luxusmeile

Designerläden, Marmorfassade: Königsallee. Und mittendrin ein Büro, das seit Jahrzehnten Teil der globalen Finanzstrategie des iranischen Staates ist. Willkommen im vielleicht diskretesten Investment-Spot Deutschlands.

Die Düsseldorfer Königsallee ist nicht der Ort, an dem man geopolitische Geschichten vermutet. Hier glänzen Uhren, Taschen und Glasfassaden. Unten Prada, oben Vermögensverwaltung. Alles sehr geschniegelt. Genau deshalb passt das Haus Nummer 76/78 perfekt zu einem Mieter, der seit Jahren möglichst wenig auffallen möchte. Im zweiten Stock sitzt die IFIC Holding AG. Hinter der Abkürzung steckt die Iran Foreign InvestmentCompany, eine staatliche Investmentgesellschaft aus Teheran. Ihr Job: Geld des iranischen Staates weltweit investieren, Beteiligungen verwalten, Vermögen sichern.

Staatsfonds mit Tarnkappe

Ein Reporter der Wirtschaftswoche klingelt dort dieser Tage. Durch die Glasscheibe sieht er einen Mann im Büro. Der schaut kurz auf – und verschwindet. Stattdessen öffnet sich die Tür gegenüber. Ein älterer Herr mit Bart steht im Rahmen. Ob er Fragen zur IFIC beantworten könne? „Wir brauchen nicht mit Journalisten zu reden.“ Tür zu. Gespräch beendet.

Das Schweigen passt zur Struktur. Denn der Iran nutzt Deutschland seit Jahrzehnten als wirtschaftliche Plattform. Schon lange vor der islamischen Revolution 1979 war die Bundesrepublik einer der wichtigsten Handelspartner des Landes. Deutsche Maschinen, deutsche Industrieanlagen, deutsche Chemie – all das ging nach Teheran. Umgekehrt investierten iranische Staatsfonds in Deutschland. Konzerne wie Siemens, Daimler, Linde und die Deutsche Bank profitierten davon.

Die spektakulärste Verbindung führte nach Essen. Noch unter dem Schah stieg der Iran als Großaktionär bei Krupp ein. Nach der Revolution übernahm das Mullah-Regime diese Beteiligung einfach. Später tauchte der iranische Staatsfonds bei Thyssenkrupp wieder auf. Die Verbindung öffnete Türen. Um die Jahrtausendwende traf Irans Präsident Mohammad Khatami den Thyssenkrupp-Chef Gerhard Cromme. Zeitweise saß sogar ein iranischer Regierungsvertreter im Aufsichtsrat des Konzerns. Und es gab Nebenprojekte, die heute fast surreal wirken. Ein Reisebüro in Essen zum Beispiel. Dr. Tigges gehörte zu 24 Prozent dem iranischen Staat und zu 76 Prozent Thyssenkrupp.

Gemeinsames Reisebüro

Die Liaison endete erst, als Washington nervös wurde. Die USA machten klar: Wer iranische Staatsaktionäre hat, bekommt Probleme auf dem amerikanischen Markt. Thyssenkrupp kaufte schließlich eigene Aktien zurück, der iranische Anteil schrumpfte. Politische Botschaft: Iranisches Staatskapital in westlichen Industriekonzernen ist unerwünscht.

Doch Netzwerke verschwinden selten. Sie verändern nur ihre Form. Statt großer Beteiligungen entstanden komplizierte Firmenstrukturen. Holdings in verschiedenen Ländern, Beteiligungen über Umwege, Firmen, die wiederum andere Firmen besitzen. Die Wirtschaftswoche fand Spuren dieses Systems auch rund um das Düsseldorfer Büro. Der IFIC-Ableger war über Jahre an Unternehmen in Dubai, Südafrika und der Schweiz beteiligt. Immer wieder taucht dabei eine Firma aus dem Schweizer Steuerparadies Pfäffikon auf: United European Investment. Diese Gesellschaft gehört wiederum zu einer Düsseldorfer Firma namens Denamond. Genau aus deren Büro öffnete sich übrigens die Tür, als der Reporter bei der IFIC klingelte.

Solche Konstruktionen sind im internationalen Wirtschaftssystem nichts Besonderes. Für den Iran sind sie überlebenswichtig. Denn das Land steht seit Jahrzehnten unter Sanktionen. Firmen im Ausland helfen, Geld zu bewegen, Investitionen zu sichern oder Geschäfte zu organisieren, die direkt aus Teheran kaum möglich wären. Die Düsseldorfer IFIC-Holding ist Teil dieses Systems. Ganz transparent ist das Geschäft allerdings nicht. Früher listete die Firma ihre Beteiligungen im Jahresabschluss auf. Später verschwanden diese Übersichten. Was genau heute noch zu diesem Netzwerk gehört, weiß außerhalb des Unternehmens kaum jemand.

Verluste aufgehäuft

Ganz klein ist die Struktur aber nicht. Laut Jahresabschluss verfügte der Düsseldorfer Ableger zuletzt über Vermögenswerte von rund 250 Millionen Euro. Gleichzeitig läuft es wirtschaftlich eher mäßig. 2024 schrieb die Gesellschaft etwa eine halbe Million Euro Verlust. Über die Jahre hat sich ein Fehlbetrag von fast 400 Millionen Euro angesammelt. Ein Grund könnten die Sanktionen sein. Seit 2018 stehen viele iranische Unternehmen unter verschärften US-Beschränkungen. Banken blockieren Transaktionen, Dividenden fließen nicht mehr so leicht, Aktien lassen sich schwieriger handeln. Trotzdem läuft der Laden weiter. Wenn die Gesellschafterversammlung stattfindet, schalten sich Vertreter der Teheraner Mutter per Videokonferenz dazu. Das Protokoll beginnt mit den Worten: „Im Namen Gottes.“Danach folgt etwas sehr Irdisches: Diskussionen über Verluste, Finanzstrukturen und Bilanzprobleme.

Von außen wirkt das alles unscheinbar. Ein Büro in einer deutschen Innenstadt. Ein paar Firmen im Handelsregister. Beteiligungen irgendwo auf der Welt. Doch zusammengenommen ergibt sich ein Netzwerk, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Deutschland spielte darin lange eine Schlüsselrolle – wegen seiner Industrie, seiner Banken und seiner offenen Märkte. Und manchmal konzentriert sich diese Geschichte an einem Ort, den kaum jemand beachtet. Zum Beispiel hinter einer Marmorfassade auf der Düsseldorfer Königsallee.

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