Business & Beyond Über die Freude an der Freiheit

Über die Freude an der Freiheit

Nationalkultur des gepflegten Unbehagens

Ich kann damit wenig anfangen. Solches Unbehagen, könnte man, wenn man flüchtig hinschaut, als Demut betrachten. Ich aber sehe es eher als ein verspätetes Ankommen bei dem, was uns an Gutem möglich und tatsächlich gelungen ist. Und ich weiß genau, woher das kommt. Aber niemand würde Kinder erziehen zu einem kleinen Ich. Es nützt uns auch nichts, wenn wir unsere Bürgerinnen und Bürger erziehen zu einem kleinen Ich, das sich selber nicht genug vertraut. Das deswegen verharrt in einer Kultur der hoffnungsgestützten Ohnmacht, statt zu sagen: Ja, wir wollen einkehren bei einer Haltung bewaffneter Friedfertigkeit.

Da ist noch eine Menge zu tun. Wir brauchen nicht nur in der Politik von unserem Bundeskanzler und der neuen Koalition eine neue Entschlossenheit innerhalb dieser Bedrohungsszenarien, die wir erleben. Sondern wir brauchen so etwas wie einen umfänglichen Mentalitätswandel hin zu dem Bewusstsein, wir haben Werte geschaffen, die es wirklich wert sind, sie zu verteidigen. Und nicht abzuwarten und mit freundlichen Blicken einem Feind gegenüberzustehen, den wir nicht zum Feind erklärt haben, der aber selber durch seine Handlungen sich zum Feind der Freiheit gemacht hat. Und dieses zögerliche und abwartende Anschauen und Hinblicken auf etwas, was möglicherweise uns erspart bleibt, wenn wir nur stillhalten, das halte ich für eine friedensgefährdende Politik.

Ich habe neulich von Sigmar Gabriel im Fernsehen einen Satz gehört in Bezug auf Putins Aggression gegenüber der Ukraine. Er sagt, wenn man einen Frieden nach Putins Geschmack schließt, dann hat man keine Nachkriegszeit, sondern eine Vorkriegszeit.

Unser Land ist ein Korb mit Früchten

In diesem Sinne lebe ich in einem Land, das dabei ist, gerade wieder neu etwas zu lernen, nämlich das, was sich unsere Väter und Vorväter geschaffen haben. Ein Land, das ich oftmals beschrieben habe, wie einen Korb mit Früchten, den ich ihnen noch einmal vor Augen stellen will und der für mich nach wie vor etwas ganz besonders Schönes ist.

In diesem Korb, den ich ihnen vor Augen stelle, packe ich als erstes rein, mein spät errungenes Recht in freien, gleichen und geheimen Wahlen meine Regierung zu wählen. Als zweites tue ich da hinein, dass ich das Recht habe, jederzeit meine Meinung laut und leise zu sagen und diese zu veröffentlichen. Als drittes tue ich da hinein, dass ich das nicht allein tun kann, sondern ich habe auch Medien, die dies in großer Weite und Vielfalt tun können. Niemand zensiert sie, sie sind frei. Als nächstes tue ich hinein, dass ich in einem Rechtsstaat lebe, in dem Gewaltenteilung existiert und die Macht weder das Recht gestaltet noch bricht, sondern frei gewählte Abgeordnete setzen das Recht. Das Recht und unabhängige Gerichte definieren das, was im Strafrecht recht sein soll, und ein Verfassungsgericht schützt die Rechte aller Bürger.

Dann kommt das Recht in meinen Korb, dass ich glauben kann, was ich möchte – auch darf ich nicht glauben. Und ich tue hinein, dass dieses Land nicht geprägt ist von Figuren, die Kriegslüstern sind, sondern von Menschen, die dem Frieden vertrauen, die den Frieden vertreten, die selbst Menschen des Friedens sind. Wir haben weder wie in der Kaiserzeit Generale, noch Großjuristen, noch Interessenvertreter, die einen Krieg herbeisehnen und unsere Nachbarvölker fürchten sich nicht vor einem Deutschland, das mehr Land braucht, als es hat.

Wenn sie so wollen, könnte ich diesen Korb noch weiter füllen. Ich könnte Ihnen sagen, ich kann jederzeit einen eigenen Verein gründen, eine Bürgerbewegung, sogar eine Partei oder eine Gewerkschaft. Ja und noch mehr passt in diesen Korb und am Schluss würde ich noch immer rein tun, ich habe das Recht, dieses Land zu verlassen, ohne dass mich irgendjemand daran hindern kann.

Manche Abgeordnete laufen nicht ganz rund

Und wenn ich so vor den Leuten stehe und erzähle von diesem Korb, den ich vor mir sehe und der mein Land ist, dann gibt es auch einen anderen Korb, wo all das drin ist, was nicht funktioniert, wo Abgeordnete drin sind, die nicht ganz rund laufen, wo es Defizite gibt im Raum der Wirtschaft, ja überall. Also das kann ich auch alles machen, aber das löscht doch nicht diesen anderen prallen Korb aus! Es ändert doch nichts daran, dass es den gibt und das, was es da gibt, das ist ja kein Traum. Das haben wir ja, unsere Eltern und Großeltern erschaffen. Und wir im Osten haben dies genauso mit erschaffen mit unseren friedlichen Revolutionen. Das ist real. Es ist einfach da, es ist unseres.

Es gibt Menschen, die im Inneren –  wie die in unsere Rechtsaußenpartei – jetzt so tun, als könnte sie vor Kraft nicht laufen. Sie prangern das System an, was sie verändern möchten. Ja, aber was will diese Partei verändern? Welche Zukunftsangebote hat Sie denn?

Wir, die wir dieses System geschaffen haben und unsere Voreltern, die dieses parlamentarische, rechtsstaatliche, soziale System so hingestellt haben, wie es vor unseren Augen steht, wir werden die sein, die es mit neuer Entschlossenheit zu verteidigen haben. Das müssen wir endlich begreifen: Verteidigen heißt nicht zuschauen und abwarten, sondern es heißt Ertüchtigen und Verantwortung wahrnehmen. Die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung und wir, die Bürgerinnen und Bürger, sind dazu da, diese Verantwortung zu leben. Los geht es.

                                                                                                                              (aufgezeichnet von Oliver Stock)

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