Business & Beyond Über die Freude an der Freiheit

Über die Freude an der Freiheit

Nun sagen sie vielleicht zu mir: Hey Alter, das ist doch selbstverständlich.

Nein, antworte ich ihnen. Das ist genauso wenig selbstverständlich, wie es freie Wahlen sind und die Menschen und Bürgerrechte sind, denn, siehe: Ich brauchte 50 Jahre als Ostdeutscher, ehe ich dieses Selbstverständliche wiedererlangen konnte. Ich weiß: Man kann verlieren, was man besitzt, und dieses Bewusstsein, dass Verlust, eine Möglichkeit unserer aktuellen Existenz ist, gehört zum Wachwerden einer Nation.

Ich habe in meiner Präsidentschaft versucht, den Deutschen Mut zuzusprechen und sie dazu zu veranlassen, doch wenigstens daran zu glauben, was sie schon errungen haben. Mir schien es manchmal, als würde eine Nachkriegs Gesellschaft so tun, als wäre das Verweilen in Zurückhaltung und Ohnmacht schon eine politische Tugend. Und diese Gefahr, die sah ich.

Wir waren der letzte Dreck

Ich weiß, woher es kommt. Wir sind eine Nation, die zutiefst geschlagen ist von Hybris und Übermut. Wir wollten Herrenmenschen sein und sind dabei gescheitert und waren, als ich Kind war zu Kriegsende, der letzte Dreck, politisch und moralisch. Aus diesem tiefen Loch unserer Geschichte ist unter Mühen eine Nation entstanden. Sie ist gekennzeichnet von viel anfänglicher Nostalgie, anfangs von einer Verweigerung Schuld als Schuld zu benennen. Aber danach kam Schritt für Schritt die wirtschaftliche Ertüchtigung. Einher ging moralische Ertüchtigung, die dazu führte, dass niemand es mehr nötig hatte, die Schuld der Vergangenheit zu leugnen, sondern sich sagen konnte: Das sind wir, aber wir sind nicht nur das, sondern wir können Besseres.

Wir haben ein Demokratiewunder erlebt

Und dieses bessere, dieses neue Zutrauen eine Gesellschaft des Rechts zu schaffen und dem Recht eine neue Heimat zu bieten, das ist unsere Geschichte. Wir haben eben nicht nur ein Wirtschaftswunder erlebt im Westen nach dem Kriege, sondern wir haben auch ein Demokratiewunder erlebt.

Die Deutschen haben aber darüber nicht gesprochen, weil sie fanden, dass es sich nicht gehört, stolz zu sein auf das, was man politisch errungen hat. Oder auf die neuen rechtlichen Standards, die im Land herrschten. Wohl war man stolz, wenn man Fußballweltmeister wurde oder schöne Autos baute, aber im Ganzen war es immer noch eine Nation, die es als Tugend ansah, sich nicht wirklich selbst zu vertrauen.

Und das hat mich gestört, als ich nun endlich nach den langen Jahren der Diktatur in der DDR in einem wiedervereinigten, freien Deutschland leben durfte. Ich meinte, es sei an der Zeit zu sagen: Aufgewacht, wir müssen nicht stolz darauf sein, Deutsche zu sein. Aber wir dürfen nach so langen Jahren der Errichtung der Herrschaft des Rechts Stolz auf dieses Deutschland sein, auf dieses so geschaffene, erneuerte Deutschland und auf dieses Deutschland zu blicken. Das würde doch bedeuten, dass wir tiefe Dankbarkeit empfinden müssen, wenn wir dieses Deutschland vergleichen mit jenem, dass in den vielen Generationen vor uns immer anderen Ländern um uns herum Angst gemacht hat, und den Anständigen und Rechten und den Menschen, die dem Recht zugeneigt waren, auch Angst gemacht hat. Das alles hat sich doch geändert. Mir fehlte diese Freude daran, dass dieses Land ein Land des Gelingens ist.

Land des Gelingens

Ich spreche über diese Themen, weil es für mich zu oft nicht nur in den Salons der Gebildeten, sondern irgendwie auch im täglichen Diskurs eher nicht gehört, in Dankbarkeit und Freude auf dieses Land zu blicken, sondern hoch bedrückt die Probleme dieses Landes in den Mittelpunkt zu rücken und ein gepflegtes Unbehagen als Nationalkultur auszuweisen.

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