Business & Beyond Versteckte Steuererhöhung: Arbeitnehmern drohen 2027 Milliardenverluste

Versteckte Steuererhöhung: Arbeitnehmern drohen 2027 Milliardenverluste

Löhne steigen, Steuern steigen mehr: Die Regierung plant für 2027 rund 3 Mrd. Euro Entlastung, während ein vollständiger Ausgleich der kalten Progression laut Berechnungen bis zu 8,8 Mrd. Euro erfordern würde, Kritiker sprechen von Wortbruch.

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Steigt der Lohn nur um die Inflationsrate, bleibt real nichts übrig. Trotzdem greift der Fiskus über die Steuerprogression automatisch stärker zu.

Diesen Mechanismus nannten Finanzpolitiker jahrelang kalte Progression und die Regierungen haben ihn regelmäßig ausgeglichen. 2027 soll damit nach Plänen von Kanzler Friedrich Merz und Finanzminister Lars Klingbeil weitgehend Schluss sein, wie BILD berichtet.

Drei statt 8,8 Milliarden: Die Rechnung geht nicht auf

Der aktuelle Referentenentwurf sieht für 2027 eine Einkommensteuer-Entlastung von rund 3 Mrd. Euro vor. Für 2028 sollen weitere 7 Mrd. Euro folgen, sodass sich die Entlastung ab 2028 auf insgesamt etwa 10 Mrd. Euro jährlich summiert. Wer allerdings die kalte Progression 2027 vollständig ausgleichen wollte, müsste laut BILD bis zu 8,8 Mrd.

Euro einplanen. Die Differenz bleibt beim Staat, nicht bei den Arbeitnehmern. Für Unternehmen und Mittelstand ist das mehr als eine Fußnote in der Haushaltsplanung. Jeder Euro, der über die Progression beim Fiskus statt im Portemonnaie der Beschäftigten landet, fehlt an anderer Stelle: beim Konsum, bei der Kaufkraft, letztlich auch bei der Binnennachfrage, von der insbesondere mittelständische Betriebe abhängen.

Koalitionäre gegen die eigene Regierung

Der Widerstand kommt nicht von der Opposition allein, sondern auch aus den eigenen Reihen. CDU-Haushälterin Melanie Bernstein kritisiert scharf: „Nicht einmal die Inflation auszugleichen, ist eine schwache Leistung! Die Bürger merken doch, wenn sie über den Tisch gezogen werden.“ Grünen-Finanzexpertin Katharina Beck wird laut BILD noch deutlicher: „Die Regierung muss endlich aufhören, Menschen Unfug zu erzählen.“ CDU-Haushälter Yannick Bury fordert einen anderen Kurs: „Echte Entlastung geht nur, wenn wir endlich Ausgaben kürzen, den Staat wieder kleiner machen und dafür im Parlament nochmal grundlegend die Haushaltsplanung für die nächsten Jahre überarbeiten. Mit der aktuellen Haushaltsplanung geht es nicht mehr.“ Auch der Steuerzahlerbund schlägt Alarm.

Seit 2016 seien laut Verband rund 170 Mrd. Euro heimliche Steuererhöhungen an Arbeitnehmer zurückgegeben worden. Verbandschef Reiner Holznagel nennt den geplanten Kurswechsel Wortbruch: „Union und SPD brechen damit das Erbe ihrer Finanzminister Schäuble und Scholz.“.

Schweigen im Kanzleramt, Verweis auf den Herbst

Auf Anfrage von BILD ließ ein Kanzler-Sprecher ausrichten, er wolle sich nicht äußern. Ein Klingbeil-Sprecher verwies auf den Beschluss des Koalitionsausschusses vom 2. Juli und kündigte an, die Regierung werde im Herbst 2026 den siebten Steuerprogressionsbericht vorlegen. Dieser Bericht gilt als maßgeblich für die endgültige Bewertung der kalten Progression 2027.

Bis dahin bleibt offen, ob die Lücke zwischen 3 und 8,8 Mrd. Euro noch geschlossen wird.

Business Punk Check

Die Regierung verkauft eine Teilentlastung als Entlastung, das ist der eigentliche Skandal, nicht die Zahl selbst. Wirtschaftspolitisch ist das eine stille Konsolidierung auf Kosten der Kaufkraft, verpackt in freundliche Presseformulierungen. Für Mittelstand und Konsumbranchen bedeutet das: weniger Netto-Wirkung von Tarifabschlüssen, weniger Puffer für Preissteigerungen, mehr Frust bei Fachkräften, die sich um ihre reale Lohnentwicklung betrogen fühlen. Unternehmen, die Personalplanung und Gehaltsstrukturen kalkulieren, sehen sich mit dieser fiskalischen Bremse konfrontiert, unabhaengig von der offiziellen Entlastungsrhetorik. Der Steuerprogressionsbericht im Herbst 2026 wird zeigen, ob die Koalition nachbessert oder ob aus einer temporären Lücke eine dauerhafte Strukturverschiebung zulasten der Arbeitnehmer wird. Genau diese Unsicherheit ist das eigentliche Planungsrisiko für Personalabteilungen und Finanzverantwortliche im Mittelstand.

Auf einen Blick

  • Die Regierung plant für 2027 eine Einkommensteuer-Entlastung von rund 3 Mrd. Euro, obwohl ein vollständiger Ausgleich der kalten Progression laut Berechnungen bis zu 8,8 Mrd. Euro erfordern würde.
  • Ab 2028 sollen zusätzliche 7 Mrd. Euro hinzukommen, sodass die Entlastung stufenweise auf rund 10 Mrd. Euro jährlich steigt.
  • Finanzpolitiker aus CDU und Grünen sowie der Steuerzahlerbund kritisieren die Pläne als unzureichend und werfen der Koalition vor, frühere Zusagen zur Rückgabe heimlicher Steuererhöhungen zu brechen.
  • Der für 2027 entscheidende siebte Steuerprogressionsbericht soll erst im Herbst 2026 vorgelegt werden, bis dahin bleibt die tatsächliche Höhe der Entlastung offen.

Quellen: Bild, Handelsblatt, Bild, Bundesfinanzministerium, Ad-hoc-news, Christopher-helm, FAZ

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