Business & Beyond Winter kommt, Puffer fehlt: Deutschland pokert mit dem Gasmarkt

Winter kommt, Puffer fehlt: Deutschland pokert mit dem Gasmarkt

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Deutschlands Gasspeicher sind so leer wie selten im Sommer, gesetzliche Ziele wackeln und das Wirtschaftsministerium hält am Marktprinzip fest, statt einzugreifen.

Rund 50 Prozent Füllstand im Hochsommer klingt harmlos, ist es aber nicht. Zu dieser Jahreszeit sollten die deutschen Gasspeicher deutlich voller sein, wenn die gesetzlichen Zwischenziele für den Herbst noch erreichbar sein sollen.

Genau das gilt inzwischen als kaum realistisch. Das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche (CDU) sieht darin dennoch keinen Grund zur Panik: Eine Gasmangellage sei „nach aktuellem Erkenntnisstand“ im kommenden Winter nicht zu erwarten, heißt es in einem Ministeriumspapier laut WirtschaftsWoche. Fachleute und Teile der Opposition sehen das anders und der Konflikt zeigt exemplarisch, wie unterschiedlich Marktvertrauen und Vorsorgeprinzip in der Energiepolitik gewichtet werden können.

Der Markt soll es richten, noch

Reiches Ministerium argumentiert, die Wintervorsorge liege „grundsätzlich bei den Gasunternehmen und Händlern“, so das Haus laut WirtschaftsWoche. Ein staatlicher Eingriff berge eigene Risiken: Staatliche Gaskäufe könnten zusätzliche Nachfrage schaffen, Preise erhöhen und private Einspeicherung verdrängen. Zudem bestehe die Gefahr, dass Marktteilnehmer künftig darauf setzten, der Staat springe bei niedrigen Füllständen ohnehin ein.

Speicherstände von 60 bis 70 Prozent zu Winterbeginn reichten nach Einschätzung des Ministeriums zusammen mit Importmöglichkeiten für eine durchschnittliche Nachfrage aus. Bislang bleibt es damit bei Beobachtung statt Eingriff, auch wenn das Ministerium laut Handelsblatt inzwischen Kompromissbereitschaft andeutet. Beobachtet würden dabei laut WirtschaftsWoche mehrere Faktoren gleichzeitig: Speicherfüllstände, Importe, LNG-Verfügbarkeit, Infrastruktur, Nachfrage und die Lage in den europäischen Nachbarländern. Diese Beobachtungsliste soll offenbar als Frühwarnsystem dienen, ersetzt aber bislang kein konkretes Instrument.

Warum Fachleute drängen

Aus Sicht von Branchenvertretern, Fachleuten und Oppositionspolitikern reicht das bloße Vertrauen auf Marktkräfte nicht aus, um eine sichere Gasversorgung zu gewährleisten, wie Handelsblatt berichtet. Die Sorge: Bei einer ungewöhnlich langen Kältephase, kombiniert mit dem Ausfall wichtiger Importinfrastruktur oder zusätzlichen Störungen am internationalen LNG-Markt, würde der fehlende Speicherpuffer schnell zum Problem.

Das Ministerium selbst räumt laut WirtschaftsWoche ein, dass niedrigere Speicherstände „den Puffer für außergewöhnliche Situationen“ reduzieren. Genau diese Kombination mehrerer gleichzeitiger Belastungen gilt als das eigentliche Risikoszenario, nicht ein einzelner Kälteeinbruch allein. Bemerkenswert ist, dass das Ministerium diese Risikoeinschätzung selbst formuliert, gleichzeitig aber an seiner marktorientierten Linie festhält. Diese Doppelbotschaft, Vorsicht signalisieren und dennoch nicht eingreifen, liefert Kritikern die Angriffsfläche für ihre Forderung nach klareren Ansagen aus dem Ministerium.

Teure Gase, zögerliche Käufer

Die Ausgangslage macht die Debatte brisanter. Die Gaspreise sind in diesem Sommer wegen des Kriegs im Iran und der Blockade der Straße von Hormus ungewöhnlich hoch, was Händler laut WirtschaftsWoche dazu bringt, weniger Gas für den Winterverkauf einzukaufen. Eine angespannte Marktlage mit hohen Preisen sei aber noch keine Versorgungskrise, betont das Ministerium.

Das Argument hat einen wunden Punkt: Genau jene Marktkräfte, auf die die Regierung setzt, reagieren auf hohe Preise mit Zurückhaltung, was das Auffüllen der Speicher zusätzlich bremst. Wer auf niedrige Preise als Kaufsignal wartet, verzögert die Einspeicherung ausgerechnet dann, wenn der Kalender zur Eile mahnt. Ob die Bundesregierung angekündigte „Handlungsoptionen“ tatsächlich einsetzt, bleibt bislang offen. Bis dahin bleibt die Frage, wie lange sich Beobachten und Abwarten noch als Strategie verkaufen lassen, ohne die gesetzlichen Zwischenziele endgültig zu verfehlen.

Business Punk Check

Fakt ist: Die Speicher sind so niedrig gefüllt wie selten zu dieser Jahreszeit und das Ministerium bestätigt selbst, dass dies den Sicherheitspuffer verkleinert. Fakt ist auch, dass keine akute Mangellage vorliegt, laut Ministeriumsangaben.

Interpretationssache bleibt, ob reines Marktvertrauen ausreicht oder ob Reiche, wie Kritiker meinen, zu lange zusieht. Offen ist, welche konkreten Instrumente die angedeuteten Kompromisslinien enthalten werden. Genau das entscheidet, ob der Winter zur Nagelprobe für die neue Wirtschaftsministerin wird.

Auf einen Blick

  • Die deutschen Gasspeicher liegen laut Ministeriumsangaben bei rund 50 Prozent und damit ungewöhnlich niedrig für den Sommer.
  • Das Bundeswirtschaftsministerium erwartet aktuell keine Gasmangellage, sieht aber die Wintervorsorge primär bei Gasunternehmen und Händlern.
  • Hohe Gaspreise infolge des Irankonflikts und der Blockade der Straße von Hormus bremsen laut Ministerium die private Einspeicherung.
  • Fachleute, Branchenvertreter und Oppositionspolitiker halten das bloße Setzen auf Marktkräfte für unzureichend, um die Versorgung sicherzustellen.

Quellen: WirtschaftsWoche, Handelsblatt, Tagesschau, Zeit, N-tv, Bundesnetzagentur, Cleanthinking

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