Die Startup-Szene in Zeiten der Krise: Ein Blick auf Herausforderungen und Chancen mit Oliver Weimann
Krisenzeiten sind Gründerzeiten – so sagt man. Doch ganz so einfach ist das nicht. Globale Krisen treffen auch die Startup-Szene hart, sei es der Nahostkonflikt oder die hohe Inflation. Wir haben mit Oliver Weimann über die Auswirkungen und Chancen dieser Krisenzeit für Startups gesprochen.
Die Folgen sind für junge Unternehmen nicht zu unterschätzen. So gingen in Deutschland bis Anfang Oktober diesen Jahres bereits mehr Startups insolvent als im gesamten Vorjahr. Expertinnen und Experten vermuten, dass der Höhepunkt dieser Entwicklung aktuell noch nicht erreicht ist.
Startups sind also stark von der aktuellen Situation betroffen. Es fehlt ihnen an Liquidität, Investorinnen und Investoren sind achtsamer in ihren Investments und Unternehmensbewertungen sinken. Doch es gibt auch Branchen, in denen Startups gegebenenfalls von dieser Krise profitieren – zum Beispiel in den Bereichen Cybersecurity, GreenTech, Vertical Farming oder Defense.
In diesen Bereichen wird wegen einer erhöhten Risikolage weiter investiert und das Interesse potenzieller Kundinnen und Kunden ist auch weiterhin vorhanden. So wurde beispielsweise das Startup Helsing im September zum ersten DefenseTech im deutschsprachigen Raum. Und auch die Bekundungen für zusätzliche Investitionen in unterschiedliche Bereiche der Cybersecurity reißen in aktuellen Umfragen nicht ab.
Oliver Weimann ist Co-Founder des Venture Builders Scale Now, vor allem aber als CEO der Quantum Cybersecurity Group tätig. Als aktiver Gründer und Treiber der deutschen Startup-Szene seit über 15 Jahren kennt er sich mit den aktuellen Herausforderungen der Startup-Teams aus und kann die Situation aus beiden Perspektiven beleuchten – und weiß, worauf es in Krisenzeiten ankommt.
Oliver, worin siehst du aktuell die größten Herausforderungen für Startups?
Im B2B-Umfeld sehe ich zwei wesentliche Herausforderungen für Startups. Erstens ist Investmentkapital zwar weiterhin vorhanden, dieses wird aber deutlich selektiver vergeben. In der Frühphasenfinanzierung kommen zum Beispiel Business Angel langsamer zu erfolgreichen Exits über Secondaries & Co und investieren dementsprechend auch wieder verzögert in neue Teams und Ideen. Und auch im VC-Umfeld nehme ich wahr, dass die Geschwindigkeit einfach abnimmt.
Gleichzeitig handeln B2B-Kundinnen und -Kunden risikoaverser. Das heißt, erste Projekte oder sogenannte Proof-of-Concepts, die vor 12 bis 18 Monaten kurzfristig gestartet worden sind, haben jetzt eine deutlich längere Anlaufphase. Häufig liegt der Fokus momentan primär auf Projekten, welche Kosteneinsparungen versprechen, und nicht denjenigen, welche zusätzliche Daten oder zukünftige Geschäftsmodelle in Aussicht stellen. Diese Situation ist für einige Startup-Branchen ausgesprochen schwierig und stellt eine temporäre Gefahr für vielversprechende Geschäftsmodelle dar.
Dies gilt augenscheinlich nicht für alle Branchen. Ist das aktuelle Krisen- und Inflationsrisiko für Cybersecurity, DefenseTech oder GreenTech in der Realität wirklich deutlich geringer?
Selbstverständlich gibt es Krisengewinnerinnen und -gewinner, aber die gibt es ja immer. Wenn die Energiesicherheit des Landes in Frage gestellt wird, dann helfen Lösungen, die entweder Energie erzeugen oder Energie einsparen – egal ob von Startups oder etablierten Unternehmen. Ebenso verhält es sich im Kontext der Cybersecurity. Wirtschaftlich oder politisch motivierte Cyber-Angriffe haben mit einem Faktor von über zehn zugenommen – und zwar quasi über Nacht. Beispiele wie „Sandstorm“ von russischen Hackerinnen und Hackern auf das ukrainische Stromnetz zeigen auch in DACH, wie sehr unsere kritischen Infrastrukturen gefährdet sind.
Allerdings kommt es ganz erheblich auf die Phase des Unternehmenszyklus an, in welchem sich ein Startup, auch aus diesen Gewinnerbranchen, befindet. Wichtig für erfolgreiche Teams ist, recht schnell und solide mit den technischen Lösungen erste erfolgreiche Anwendungsfälle aufzuzeigen, dann funktioniert es sowohl mit Kundinnen und Kunden als auch mit Investorinnen und Investoren. Praktische Forschung wird in unserer Wahrnehmung eher wieder internalisiert, zurückgestellt oder in Kooperationen mit Hochschulen durchgeführt. Also ganz wichtig ist es, gut dokumentierte Projekte mit klaren KPI durchzuführen und mit den Ergebnissen an einer Erweiterung der Zielgruppe zu arbeiten.
Welche konkreten Tipps hast du für Gründerinnen und Gründer, um in den aktuellen Zeiten weiterhin erfolgreich zu sein?
Es ist so unklug, von der Seite pauschal irgendwelche Tipps geben zu wollen. Was mir und uns als Team hilft, ist der Fokus und die Konzentration auf die relevantesten Themen und Partnerinnen und Partner – und bestenfalls gar nichts drumherum. Hierdurch kann ich mit einem sehr kleinen Team einen signifikanten Impact erzeugen – egal ob in der Produktentwicklung, der Evaluierung eines Product-Market-Fits oder dem Aufbau strategischer Partnerschaften.
Aktuell sollten Startups noch mehr darüber nachdenken als vielleicht jemals zuvor, ob „Default Alive“ eine Strategie sein könnte, welche einigen Druck vom Team nimmt. In vielen Bereichen spielt Geschwindigkeit auch weiterhin eine Rolle, aber vielleicht nicht mehr die alleinige. In einem solchen Umfeld der Unsicherheit schafft es Vertrauen, wenn es am Ende nicht darum gehen muss, ob eine Finanzierungsrunde sechs Monate früher oder später stattfindet, weil die Zwischenzeit schlichtweg durch generierte Umsätze finanziert wird.
Was denkst du, wie wird sich die deutsche Startup-Szene in den nächsten Jahren entwickeln?
Es gibt einfach spannende Themen, deren Zeit gekommen ist. Im Kontext von Cybersecurity stehen wir mit der bevorstehenden Einführung von Quantencomputern vor einem „Tipping Point of Technology“ und einem – so meine ich – disruptiven Markt. Gleichzeitig werden Quantencomputer für eine neue Beschleunigung bei „Generative AI“ sowie datengetriebenen Geschäftsmodellen sorgen. Der komplette GreenTech-Bereich wird weiter wachsen und zwar rasant und global.
Mir gefällt die fortschreitende Verknüpfung von Wissenschaft und Startup-Community und die zunehmenden Ausgründungen aus akademischen Gefilden. Hier liegt in meinen Augen noch wahnsinnig viel Potenzial brach. Gleichzeitig stelle ich fest, dass (auch junge) Gründerinnen und Gründer immer professioneller werden und besser vorbereitet sind.
Kurzum: Ich erwarte eine Delle mit weniger Gründungen und partiellem Verschwinden der Mentalität „Startup as a Lifestyle“, sehe aber grundsätzlich eine signifikant gefestigtere Szene als beispielsweise nach den Zeiten des „Neuen Marktes“ Anfang der 2000er Jahre.