Drive & Dreams Ferraris Elektro-Revolution: 1.050 PS, null Angst vor Tesla

Ferraris Elektro-Revolution: 1.050 PS, null Angst vor Tesla

Ferrari baut ein Elektroauto – und natürlich wird es kein braver Öko-Gleiter. Der neue Luce ist ein 1.050-PS-Monster mit vier Motoren, Torque Vectoring und einer völlig neuen Idee davon, wie sich ein Ferrari anfühlen soll. Statt Fake-Schaltvorgängen und künstlicher Retro-Romantik setzt Maranello auf maximale Kontrolle, radikale Technik und eine Kampfansage an Porsche, Tesla und Rimac.

Der Luce macht direkt klar, dass Ferrari nicht vorhat, den sanften Einstieg in die Elektromobilität zu spielen. Stattdessen kommt ein Setup zum Einsatz, das eher nach Hypercar als nach Serien-EV klingt: vier Elektromotoren, einer pro Rad.

Vier Motoren, viermal Wahnsinn

Hinten liefern die Aggregate jeweils 355 kW, vorne kommen noch einmal 105 kW dazu. Zusammen ergibt das bis zu 1.050 elektrische PS. Aber die nackte Zahl ist fast nebensächlich. Wichtiger ist, was Ferrari damit macht. Jedes Rad wird einzeln angesteuert, das Drehmoment permanent verteilt. Kein klassisches Allradsystem, keine trägen Kupplungen, keine Bremseneingriffe – sondern millisekundengenaue Kontrolle. Das Resultat soll ein Auto sein, das trotz 2,2 Tonnen Gewicht eher wie ein 296 GTB einlenkt als wie ein schwerer GT-Bomber. Unterstützt wird das Ganze durch eine Hinterachslenkung, die je nach Geschwindigkeit unterschiedlich arbeitet. Klingt nerdig, fährt sich vermutlich absurd.

Ferrari ersetzt das Getriebe – aber nicht das Gefühl

Die vielleicht spannendste Idee steckt im Cockpit. Ferrari verzichtet bewusst auf simulierte Gangwechsel. Kein künstliches Hochdrehen, keine Fake-Schaltstöße wie bei anderen Herstellern, die krampfhaft Verbrenner-Emotionen nachbauen wollen. Stattdessen bekommen die bekannten Schaltwippen eine neue Aufgabe. Der rechte Paddle verändert die Aggressivität der Leistungsentfaltung, der linke steuert die Rekuperation. Dazu kommen verschiedene Fahrmodi von „Range“ bis „Launch Control“. Das wirkt erstmal wie ein Videospiel-Menü, ist aber Teil einer größeren Idee: Ferrari versucht, die Interaktion eines klassischen Sportwagens in die Elektrowelt zu übersetzen. Nicht über Nostalgie, sondern über Kontrolle, Rhythmus und Fahrgefühl. Punkiger gedacht: Der Luce will kein Elektroauto sein, das so tut, als wäre es ein V12. Er will ein Ferrari sein, der zufällig elektrisch fährt.

Batterie als tragendes Element

Auch unter dem Blech geht Ferrari komplett auf Angriff. Die 800-Volt-Batterie ist nicht einfach irgendwo im Unterboden verschraubt, sondern Teil der Fahrzeugstruktur. Structural Battery Pack nennt sich das Konzept – weniger Gewicht, mehr Steifigkeit, tiefer Schwerpunkt. Ferrari spricht von rund 9,5 Zentimetern niedrigerem Schwerpunkt im Vergleich zum Purosangue. Bedeutet übersetzt: weniger Wanken, härteres Einlenken, mehr Stabilität in schnellen Kurven. Dazu kommen über 500 Kilometer Reichweite und bis zu 350 kW Ladeleistung. Der Luce bewegt sich damit technisch auf Augenhöhe mit einem Taycan Turbo GT – will aber deutlich emotionaler sein. Und langfristig denkt Ferrari offenbar ebenfalls: Die Plattform soll kommende Zellgenerationen aufnehmen können. Kein Wegwerf-EV, sondern Basis für die Zukunft.

Brutal schnell – aber das war nicht das Ziel

Ja, der Luce sprintet in 2,5 Sekunden auf 100 km/h und knackt die 200 in 6,8 Sekunden. Ja, über 310 km/h Spitze sind komplett absurd für ein Elektroauto. Aber das kann inzwischen auch andere Hardware. Ferrari interessiert etwas anderes: Wie sich diese Leistung einsetzen lässt. Viele EVs sind Dragster mit Nummernschild – brutal auf der Geraden, steril in der Kurve. Der Luce dagegen soll Präzision liefern. Nicht nur Schub, sondern Kontrolle. Nicht nur Wahnsinn, sondern Charakter. Genau da entscheidet sich, ob Ferrari die Transformation wirklich gelingt.

Design ohne Verbrenner-Nostalgie

Auch optisch verabschiedet sich Ferrari von alten Regeln. Ohne großen Frontmotor braucht der Luce keine endlose Motorhaube mehr. Die Proportionen verändern sich komplett: kompaktere Front, tropfenförmige Kabine, stärker auf Aerodynamik getrimmt. Mit einem cw-Wert von 0,254 gehört der Wagen trotz Hypercar-Leistung zu den effizienteren Performanceautos. Bemerkenswert: Ferrari verzichtet weitgehend auf aktive Aero-Spielereien und setzt stattdessen auf clevere passive Lösungen. Selbst die Scheibenwischer wurden offenbar aerodynamisch optimiert. Komplett irre – aber genau deshalb auch ziemlich Ferrari.

Zwischen Taycan, Tesla und Rimac

Technisch sitzt der Luce irgendwo zwischen mehreren Welten. Die Fahrdynamik erinnert an den Porsche Taycan, die rohe Gewalt an ein Tesla Model S Plaid, das Vier-Motoren-Prinzip an den Rimac Nevera. Aber Ferrari versucht, aus diesen Zutaten etwas Eigenes zu bauen. Keine reine Beschleunigungsmaschine, kein steriles Technikexperiment, sondern ein emotionales Performanceauto mit neuer DNA. Genau das macht den Luce interessant – selbst für Leute, die Elektromobilität bisher für die Hölle auf vier Rädern gehalten haben.

Der Sound? Keine Fake-V12-Show

Besonders mutig: Ferrari verzichtet offenbar auf künstliche Verbrenner-Sounds. Stattdessen werden reale Schwingungen aus Antrieb und Chassis aufgenommen, gefiltert und verstärkt. Also eher Sci-Fi als Retro-Karaoke. Ob das funktioniert, wird erst die Straße zeigen. Aber wenigstens versucht Ferrari nicht, die Vergangenheit zu cosplayen.

Fazit: Ferrari hat verstanden, worum es wirklich geht

Der Luce ist kein Elektroauto mit Ferrari-Logo. Er ist der Versuch, Ferrari komplett neu zu definieren – ohne dabei beliebig zu werden. Genau deshalb wirkt dieses Projekt spannender als viele andere Luxus-EVs. Die große Frage bleibt trotzdem brutal simpel: Reicht eine neue Form von Fahrgefühl aus, um jahrzehntelange Verbrenner-Emotionen zu ersetzen? Ferrari wettet gerade seine gesamte Zukunft darauf.

Bild: Ferrari

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