Drive & Dreams Wasserstoff bei BMW: Vom Kofferraum-Tank zum Serien-SUV

Wasserstoff bei BMW: Vom Kofferraum-Tank zum Serien-SUV

Der neue BMW X5 kommt mit fünf Antrieben, einer davon ist ein Novum: der iX5 Hydrogen wird das erste Serien-BMW mit Brennstoffzelle. Was das für Fahrer bedeutet, wie die Technik funktioniert und warum BMW seit 47 Jahren an Wasserstoff festhält.

Die News: Fünf Antriebe, ein X5

Der X5 hat 1999 das SUV-Segment bei BMW erfunden, und die fünfte Generation will diese Rolle als Vorreiter offensiv verteidigen. Zum ersten Mal in der Markengeschichte kommt ein Modell mit fünf verschiedenen Antriebsoptionen: Benziner und Diesel mit 48-Volt-Mildhybrid, Plug-in-Hybride, den vollelektrischen iX5 mit der sechsten eDrive-Generation, und, mit etwas Verzögerung, den iX5 Hydrogen.

Der Zeitplan: Die Verbrenner rollen ab Ende November 2026 zu den Händlern, Elektro- und Plug-in-Varianten folgen Anfang 2027. Der iX5 Hydrogen kommt „später“, ein genaues Datum nennt BMW noch nicht. Gebaut wird der neue X5 wie alle seine Vorgänger in Spartanburg, South Carolina, wo mit dem iX5 auch erstmals ein vollelektrisches Fahrzeug auf derselben Linie vom Band läuft.

Optisch bringt der X5 die Designsprache der Neuen Klasse ins große Format: aufrechte Front, vertikale Niere mit Iconic Glow, neue Doppel-X-Lichtsignatur, versenkte Türgriffe („Winglets“), die auf Antippen die Tür elektrisch öffnen. Innen gibt es Panoramic iDrive mit Operating System X, ein Zentraldisplay im Free-Cut-Design, 3D Head-up-Display, optional einen Passenger Screen, und als Weltpremiere Schiefer als Dekorfläche.

Für die Wasserstoff-Variante ist eine Sache besonders relevant: das „Heart of Joy“, der zentrale Steuerrechner der Neuen Klasse, der in allen elektrisch angetriebenen X5 sitzt – also auch im Hydrogen. Er koordiniert Antrieb, Bremse und Rekuperation und ermöglicht unter anderem den „Soft-Stop“, den BMW als sanftesten Anhaltevorgang seiner Geschichte bezeichnet.

Der iX5 Hydrogen: Was drinsteckt

Der iX5 Hydrogen ist im Kern ein Elektroauto. Angetrieben wird er von einem E-Motor, nur kommt der Strom nicht aus einer großen Batterie, sondern aus einer Brennstoffzelle, die an Bord aus Wasserstoff und Luftsauerstoff Elektrizität erzeugt. Als Abgas kommt reines Wasser aus dem Auspuff.

Drei Bausteine bilden den Antriebsstrang. Erstens das Brennstoffzellensystem der dritten Generation, das BMW gemeinsam mit Toyota entwickelt und in Garching bei München industrialisiert. Es ist deutlich kompakter als sein Vorgänger und soll effizienter arbeiten. Zweitens der neue „Hydrogen Flachspeicher“: Bisher saßen die Wasserstofftanks als dicke Zylinder im Mitteltunnel und unter der Rücksitzbank – nun kommt ein flaches Speichersystem zum Einsatz, das sich besser in die Fahrzeugarchitektur integrieren lässt und Innenraum freigibt. Drittens eine Hochvoltbatterie, die als Puffer dient: Sie speichert rekuperierte Energie und liefert beim Beschleunigen den Boost, den die Brennstoffzelle allein nicht sofort bereitstellen würde.

Das Ergebnis laut BMW: bis zu 750 Kilometer Reichweite. Der Wert ist noch vorläufig, weil es sich um einen Prototypen handelt und WLTP-Verbrauchsangaben fehlen. Zum Vergleich: Die Pilotflotte des ersten iX5 Hydrogen von 2023 schaffte rund 500 Kilometer bei 295 kW (401 PS) Motorleistung.

Nicht unwichtig für die Einordnung: Das Projekt „HyPowerDrive“ wird im Rahmen des europäischen IPCEI Hy2Move mit 191 Millionen Euro vom Bund und 82 Millionen Euro vom Freistaat Bayern gefördert. Wasserstoffmobilität ist damit auch industriepolitisch gewollt.

Der iX5 Hydrogen: Was drinsteckt

Service-Teil: Was Sie über Wasserstoff im Auto wissen sollten

Wie unterscheidet sich das vom Verbrennen von Wasserstoff? BMW hat beides gemacht. Bis in die 2000er wurde Wasserstoff in modifizierten Verbrennungsmotoren verbrannt, laut, durstig, aber charmant. Heute setzt BMW ausschließlich auf die Brennstoffzelle, die den Wasserstoff elektrochemisch „kalt“ in Strom wandelt. Der Wirkungsgrad ist deutlich höher, das Fahrgefühl ist das eines Elektroautos: lautlos, sofortiges Drehmoment.

Wie lange dauert das Tanken? Drei bis vier Minuten für einen vollen Tank, das ist der zentrale Vorteil gegenüber dem Batterieauto und der Grund, warum die Technik gerade für Vielfahrer, Anhängerbetrieb und kalte Regionen interessant ist. Wasserstoff wird bei 700 bar als Gas getankt, die Zapfpistole verriegelt am Fahrzeug, der Vorgang läuft automatisch.

Wo tanke ich? Das ist die ehrliche Schwachstelle. In Deutschland gibt es nur rund 100 öffentliche Wasserstofftankstellen, in Europa einige hundert. Wer den iX5 Hydrogen ernsthaft in Betracht zieht, sollte prüfen, ob es an seinen Stammrouten Stationen gibt – Apps und Karten der Betreiber zeigen Standorte und die aktuelle Verfügbarkeit in Echtzeit an, denn Ausfälle sind noch keine Seltenheit.

Was kostet Wasserstoff? Der Kilopreis liegt in Deutschland aktuell im Bereich von etwa 12 bis 20 Euro. Ein SUV verbraucht grob ein Kilogramm auf 100 Kilometer, damit landet man je nach Preis in der Größenordnung eines sparsamen Diesels bis hin zu einem durstigen Benziner. Günstiger als Strom an der heimischen Wallbox ist es nicht.

Ist das sicher? Die Tanks sind carbonfaserverstärkte Druckbehälter, die in Crashtests, Beschuss- und Feuertests bestehen müssen. Wasserstoff ist leichter als Luft und verflüchtigt sich bei einem Leck schnell nach oben, statt sich wie Benzindämpfe am Boden zu sammeln.

Für wen lohnt sich das? Für alle, die elektrisch fahren wollen, aber nicht zu Hause laden können, viel Langstrecke fahren oder regelmäßig schwer ziehen. Und für Flotten, die auf planbare Betankungszeiten angewiesen sind. Wer eine Wallbox in der Garage hat und meist unter 300 Kilometer am Tag fährt, ist mit dem iX5 mit Batterie und bis zu 845 Kilometern Reichweite vermutlich besser bedient.

: 47 Jahre Wasserstoff bei BMW
: 47 Jahre Wasserstoff bei BMW

Heritage: 47 Jahre Wasserstoff bei BMW

Dass ausgerechnet BMW den ersten Serien-Wasserstoff-SUV eines deutschen Herstellers bringt, ist kein Zufall. Kaum ein Autobauer hat so lange und so hartnäckig an dem Thema gearbeitet.

Angefangen hat alles 1979 mit einem BMW 520 der ersten Generation. Zusammen mit der damaligen Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt baute BMW den Vierzylinder so um, dass er statt Benzin Wasserstoff verbrannte. Der Tank füllte den kompletten Kofferraum, aber der Beweis war erbracht: Es geht.

Nur ein Jahr später, 1980, folgte ein 7er (E23), der mit auf minus 253 Grad gekühltem Flüssigwasserstoff fuhr. Der 93-Liter-Tank reichte für rund 300 Kilometer.

1987 beteiligte sich BMW mit zehn Prozent an der Solar-Wasserstoff-Bayern GmbH – ein frühes Bekenntnis dazu, dass Wasserstoff nur mit erneuerbarer Energie Sinn ergibt. 1988 kam ein 735i (E32) als bivalenter Prototyp, der wahlweise mit Benzin oder Flüssigwasserstoff lief.

Der große Auftritt kam 1999 auf der IAA: Der 750hL war das erste wasserstoffbetriebene Zwölfzylinder-Auto der Welt, mit 350 Kilometern Reichweite und einer Tankzeit von drei Minuten. Als Kleinserie legte die Testflotte insgesamt über vier Millionen Kilometer zurück. 2000 fuhr ein solcher Wagen als erstes Wasserstoffauto durch Berlin und diente als Shuttle auf der EXPO in Hannover – bereits mit einer kleinen Brennstoffzelle als Ersatz für die 12-Volt-Batterie an Bord.

2004 dann Rekordjagd: Der BMW H2R, ein Prototyp mit Sechsliter-V12 und über 285 PS, stellte neun Geschwindigkeitsrekorde für Wasserstofffahrzeuge auf, darunter 302,4 km/h Spitze. Drei Jahre später verwandelte Ólafur Elíasson genau dieses Auto in das BMW Art Car Nummer 16, eingehüllt in eine Eisschicht als Metapher für den Klimawandel.

2006 präsentierte BMW in Los Angeles den Hydrogen 7 (E68), die erste Luxuslimousine mit Wasserstoffantrieb, die einen kompletten Serienentwicklungsprozess durchlaufen hatte. Brad Pitt und Edward Norton fuhren sie, was der Technik Aufmerksamkeit weit über die Fachwelt hinaus verschaffte.

Der Wechsel vom Verbrenner zur Brennstoffzelle begann 2013 mit der Kooperation mit Toyota. 2017 rollte ein 5er Gran Turismo mit Toyota-Brennstoffzelle der ersten Generation, 2022 startete in Garching die Fertigung der zweiten Generation, und 2023 ging der erste iX5 Hydrogen als Pilotflotte von knapp 100 Fahrzeugen auf Welttournee – in über 20 Ländern, mit rund einer Million Kilometern im ersten Jahr.

Der neue iX5 Hydrogen ist damit weniger ein Experiment als der logische Endpunkt einer sehr langen Linie. Ob Wasserstoff im Pkw wirklich zur Massentechnologie wird, hängt weniger von BMW ab als von Tankstellen, Preisen und grünem Wasserstoff im Netz. Aber wenn es einer probiert, dann der Hersteller, der 1979 einen Tank in den Kofferraum eines 5ers geschraubt hat.

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