Die Echtzeit-KI für den entscheidenden Verhandlungsmoment
Im Gespräch mit Echory-Gründer Alexander Nowroth über KI, die Menschen im wirklich entscheidenden Moment unterstützt, und darüber, warum die nächste Generation von Unternehmenssoftware nicht nur automatisieren, sondern bessere Entscheidungen ermöglichen soll.
Unternehmen haben in den vergangenen Jahren milliardenschwere Budgets in CRM-Systeme, Analytics, KI und mehr investiert. Diese dokumentieren Kunden, analysieren Daten und automatisieren Prozesse. Doch ausgerechnet in dem Moment, in dem ein großer Deal verhandelt, ein Kunde überzeugt oder eine kritische Entscheidung getroffen wird, sitzen Teams häufig wieder ohne Unterstützung vor den Bildschirmen.
Das Düsseldorfer Startup Echory will diese Lücke schließen. Dessen KI läuft nämlich im Hintergrund von Live-Gesprächen, verbindet das Gesagte live mit Wissen über die jeweils involvierten Unternehmen und liefert in Echtzeit relevante Informationen und konkrete Handlungsempfehlungen. Die Gründer nennen die neue Kategorie „Real-time Decision Intelligence“.
Wir haben Co-Founder und CEO Alexander Nowroth gefragt, warum Unternehmen nicht noch mehr Daten brauchen, was eine KI innerhalb einer Sekunde überhaupt leisten kann und warum er trotz allem nicht daran glaubt, dass KI den Menschen im Meeting vollständig ersetzen sollte.
Alexander, Unternehmen nutzen längst CRM-Systeme, Gesprächsanalysen und KI-Assistenten. Welches Problem ist trotzdem noch ungelöst?
Die meisten dieser Systeme helfen vor oder nach einem Gespräch. Sie dokumentieren, analysieren oder bereiten Informationen auf. Dabei fallen die wirklich wichtigen Entscheidungen häufig live in einem Sales-Gespräch, einer Verhandlung oder einem kritischen Management-Meeting. Genau in diesem Moment ist der Mensch weitgehend auf sich allein gestellt. Danach zu wissen, was man hätte besser machen können, ist wertvoll, aber eben zu spät.
Mit Echory wollt ihr eine Lücke schließen. Wie funktioniert die Technologie genau?
Echory läuft still im Hintergrund eines Gesprächs, beispielsweise bei Zoom oder Google Meet. Die KI versteht den Gesprächsverlauf, erkennt relevante Situationen und gleicht sie in Echtzeit mit dem Wissen und den Daten des Unternehmens ab, etwa aus Salesforce, HubSpot, SAP oder Oracle. Wenn eine kritische Frage kommt, muss niemand erst fünf Tabs öffnen oder einen Kollegen anschreiben. Echory kann innerhalb von weniger als einer Sekunde den relevanten Kontext liefern und beispielsweise empfehlen, was als Nächstes angesprochen werden sollte.
Ihr bezeichnet diesen Ansatz als „Real-time Decision Intelligence“. Was versteht ihr darunter?
Ich erkläre das mal anhand etwas verbreiterter Begrifflichkeiten: Wir haben Business Intelligence, die uns erklärt, was passiert ist. Dann gibt es Predictive Analytics, die versucht vorherzusagen, was passieren könnte. Und wir haben generative KI, mit der wir Inhalte erzeugen oder Aufgaben automatisieren. Was bislang fehlt, ist Technologie, die Menschen genau in dem Moment unterstützt, in dem eine Entscheidung entsteht. Das meinen wir mit Real-time Decision Intelligence.
Große Tech-Konzerne wie Microsoft und Google entwickeln ihre KI-Assistenten ständig weiter. Warum sollte Echory langfristig gegen solche Wettbewerber bestehen können?
Wir gehen davon aus, dass grundlegende KI-Funktionen wie Transkription, Zusammenfassungen und auch einfache Echtzeit-Empfehlungen zunehmend zum Standard werden. Unser Anspruch ist deshalb nicht, einfach einen weiteren KI-Assistenten zu bauen. Echory konzentriert sich auf den Moment, in dem geschäftskritische Entscheidungen entstehen. Dafür muss die KI nicht nur verstehen, was gerade gesagt wird, sondern auch die Ziele, das Wissen und die Prozesse eines Unternehmens berücksichtigen. Langfristig wollen wir zudem messbar machen, welche Unterstützung tatsächlich zu besseren Geschäftsergebnissen führt. Genau in dieser Verbindung aus Echtzeit-Unterstützung, tiefem Prozessverständnis und messbarem Mehrwert sehen wir unsere Chance, uns auch gegenüber großen Plattformanbietern zu differenzieren.
Wie sieht diese Unterstützung für den Nutzer während eines Gesprächs aus?
So reduziert wie möglich. Echory soll nicht als zweites Cockpit fungieren, das eigene Aufmerksamkeit verlangt. Nutzer können beispielsweise konkrete Antwortempfehlungen bekommen, Hinweise zur Stimmung im Gespräch oder im Focus Mode genau die Informationen sehen, die für einen kritischen Moment relevant sind. Entscheidend ist aber, dass der Mensch das Gespräch führt und selbst entscheidet, ob und wie er auf eine Empfehlung reagiert.
Eine KI, die ein Gespräch permanent analysiert, wirft Fragen zu Datenschutz und Vertrauen auf. Wie geht ihr damit um?
Stimmt, das ist tatsächlich auch für uns eine der zentralen Fragen. Echory zeichnet Gespräche nie auf, sondern verarbeitet sie in Echtzeit, um unmittelbar relevante Informationen und Handlungsempfehlungen bereitzustellen. Dabei nutzen wir europäische Infrastruktur, sodass die relevanten Daten ausschließlich innerhalb der EU gespeichert und verschlüsselt werden. Sie werden außerdem strikt nach Kunden getrennt und wir trainieren keine KI-Modelle mit Kundendaten. Anders als bei vielen
anderen Lösungen ist für den Einsatz keine gesonderte Einwilligung erforderlich, ein transparenter Hinweis genügt.
Du hast selbst viele Jahre im Vertrieb gearbeitet. Welche Erfahrungen haben zur Gründung von Echory geführt?
Ich habe in meiner Karriere unzählige Sales-Gespräche, Verhandlungen und Management-Meetings erlebt. Dabei ist mir immer wieder aufgefallen, wie absurd die Situation eigentlich ist. Vor dem Gespräch bereiten wir uns mit Daten aus zehn verschiedenen Systemen vor. Danach dokumentieren und analysieren wir alles. Aber in den entscheidenden 30 Minuten dazwischen verlassen wir uns fast ausschließlich auf Gedächtnis, Erfahrung und Bauchgefühl. Genau daraus ist die Grundidee für Echory entstanden.
Warum ist ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt für eure Technologie?
Weil gerade mehrere Entwicklungen zusammenkommen. Sprachmodelle werden leistungsfähiger, Rechenzeiten sinken und Unternehmen haben einen enormen Bestand an Daten aufgebaut. Vor wenigen Jahren wäre eine KI, die ein Gespräch live versteht, Unternehmensdaten einbezieht und in weniger als einer Sekunde sinnvoll reagiert, kaum vorstellbar gewesen.
In welchen Situationen seht ihr heute den größten Nutzen für Echory?
Überall dort, wo wenige Minuten einen hohen wirtschaftlichen Wert haben. Enterprise Sales ist ein offensichtliches Beispiel. Wenn ein Deal mehrere hunderttausend oder Millionen Euro wert ist, kann eine einzige falsch beantwortete Frage entscheidend sein. Dasselbe gilt aber für Verhandlungen, Executive Meetings oder andere Situationen, in denen Menschen unter Zeitdruck komplexe Entscheidungen treffen. Letztlich kann jeder Professional, der regelmäßig solche Gespräche führt, von Echtzeit-Unterstützung profitieren.
Wenn künftig jeder Gesprächsteilnehmer von einer KI unterstützt wird, drohen dann nicht völlig künstliche Gespräche zwischen zwei optimierten Menschen?
Diese Gefahr besteht, wenn die Technologie schlecht gemacht ist. Gute KI sollte Menschen nicht gleichmachen, sondern ihre individuellen Fähigkeiten verstärken. Echory soll dir nicht sagen, wer du sein oder wie du sprechen sollst. Die KI soll dafür sorgen, dass du im entscheidenden Moment den Kontext hast, den du brauchst. Was du daraus machst, bleibt deine Entscheidung.
Echory wurde Anfang 2026 gegründet. Was ist die langfristige Vision für das Unternehmen?
Heute denken Menschen bei Unternehmenssoftware in Systemen, denen sie Informationen geben oder aus denen sie Informationen herausholen. Ich glaube, dass sich das grundlegend verändern wird. Software wird zunehmend verstehen, in welchem Kontext wir gerade arbeiten und genau dann pro-aktiv unterstützen, wenn sie gebraucht wird. Unser Anspruch ist, dass Echory die Intelligenzschicht für diese entscheidenden Momente wird.
Zum Abschluss: Wie sieht für dich der beste Verhandler der Zukunft aus?
Der beste Verhandler wird weiterhin der Mensch sein, der sein Gegenüber versteht, Vertrauen aufbaut und gute Entscheidungen trifft. Er wird einfach nur einen sehr unfairen Vorteil haben, wenn er im richtigen Moment auf das gesamte Wissen seines Unternehmens zugreifen kann. Dieser Vorteil sind wir.
Vielen Dank für das Gespräch, Alexander!